Es ist Samstag, das Wetter ist gut. Die Sonne scheint am Untersee – und Gerlinde Kretschmann ist endlich mal wieder offiziell unterwegs. Das ist gleich in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes. Es ist für sie die erste Veranstaltung nach den Coronabeschränkungen. Und es ist fast genau ein halbes Jahr her, dass Winfried Kretschmann mit einer „eigentlich rein persönlichen Angelegenheit“ viele Menschen berührte. Gemeinsam hätten er und seine Frau entschieden, die Angelegenheit „öffentlich zu machen“. Mitten im Landtagswahlkampf. In der schriftlichen Mitteilung folgen drei Sätze: „Meine Frau Gerlinde ist an Brustkrebs erkrankt. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut, aber es kommen nun schwere Zeiten auf sie zu. Ich will für sie da sein, so gut es geht.“
Niemand traut sich zu fragen
Eigentlich schützen der baden-württembergischen Ministerpräsident und seine Frau ihren Privatbereich in Sigmaringen-Laiz und auch ihre Privatsphäre strikt. Niemand kommt ins Wohnhaus für Homestorys oder Interviews. Und dann doch diese Offenheit. „Das war mein eigener Entschluss“, sagt Gerlinde Kretschmann. Auf Geheimnistuerei hatte die Frau, die wie ihr Mann in der Öffentlichkeit steht und mit ihrer unerschrockenen Art zu dessen Popularität beiträgt, keine Lust. „Ich habe zu oft erlebt, dass Menschen sichtbar und spürbar krank waren, und man musste immer noch so tun, als ob alles in Ordnung wäre.“ Das habe sie schon immer für alle Beteiligten, den Kranken und diejenigen, die auf ihn zugehen, als falsch empfunden. Sie erzählt von einer Begegnung mit dem Mainzer Kardinal Karl Lehmann im Rahmen eines Papstbesuches. Er musste auf Krücken laufen. Niemand habe sich getraut zu fragen, warum – und wie es ihm gehe. Gerlinde Kretschmann war es, die fragte und das Gefühl hatte, Lehmann sei richtig erleichtert gewesen, endlich erzählen zu können.
Jetzt, wo sie selbst betroffen ist, will sie durch ihre Offenheit im Umgang mit ihrer Krankheit andere ermutigen. „Viele Frauen erzählen mir nun ihre Geschichte.“ Es gibt anscheinend ein großes Bedürfnis, die eigenen Erfahrungen zu teilen. „Es ist entwürdigend, wenn man sich nicht traut zu sagen, wie es einem geht“, meint Gerlinde Kretschmann. Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie sich gefühlt hat, als die Ärzte ihr die Krebsdiagnose mitteilten. Und sagt doch mit großer Gelassenheit: „Ich bin aber dennoch nicht aus allen Wolken gefallen.“ Obwohl sie regelmäßig beim Mammografie-Screening war, konnte der Krebs unerkannt wachsen. Die Diagnose war ein Zufallsbefund bei einem Arztbesuch aus anderem Grund. Die Krankenkassen zahlen das Screening bis zum Alter von 69 Jahren – danach ist damit offiziell Schluss. Gerlinde Kretschmann fordert, das Screening dürfe nicht aufhören, wenn Frauen älter als 70 Jahre sind.
Große Wanderung gehen nicht mehr
Wie geht es ihr jetzt nach der Behandlung?„Ich bin jetzt eine alte Frau mit 74 Jahren“, sagt sie nüchtern, nachdem sie, ohne zu schwächeln, sechs Stunden Programm absolviert hat. Sie sieht nicht angestrengt aus. Manchmal habe sie Schmerzen, sagt sie und deutet dorthin, wo die Operationsnarbe ist. Aber alles sei erträglich. Die Pilgertage hat sie allerdings absagen müssen. 20 Kilometer am Stück könne sie jetzt nicht mehr laufen. Gerlinde Kretschmann wirkt, wenn man es so will, im Reinen mit sich. Sie sagt: „Wenn’s das gewesen wär, dann wäre es das gewesen. Ich hab des Lebens ganze Fülle erlebt.“
Ein Mann fotografiert seine Frau, die sich extra so hingestellt hat, dass nicht sie, sondern Gerlinde Kretschmann im Zentrum des Bildes ist. Eine andere Frau kommt herbeigelaufen und fragt: „Geht’s gut?“ Die Gefragte nickt. „Ich hab so gebangt“, sagt die Fragerin. Wissende Blicke unter Frauen. Wo sie hinkommt, wird Gerlinde Kretschmann erkannt. Zur Reha war sie auf Sylt. Weit weg, aber nicht weit genug, um nicht auch dort von baden-württembergischen Gästen angesprochen zu werden. Es stört sie nicht.
Endlich wieder Singen mit dem Kirchenchor
„Ich schätze Ihren Mann sehr“, sagt ein Mann im Vorbeigehen. Gerlinde Kretschmann bedankt sich freundlich lachend und verspricht, es weiterzusagen. Hat sie keine Angst vor Übergriffen, wenn Fremde sich ihr dauernd so unvermittelt nähern? „Wer Angst vor Menschen hat, kann dieses Amt nicht ausfüllen“, sagt sie, „kann nicht in der Öffentlichkeit stehen.“ Hier in Radolfzell hat sie ein Heimspiel auf den Heimattagen. Sie hat sich diesen Termin extra als ihren ersten größeren nach der Krankheit herausgesucht. „Ich finde es schön, wenn Heimat mit anderen explizit gefeiert wird.“ Heimat sei für sie, „wo ich bleiben möchte“.
Schon seit Langem ist das der Sigmaringer Ortsteil Laiz. Es ist das Dorf, in dem sie geboren wurde. Heimat, das sei das Gefühl, „da gehöre ich hin. Das sind die Menschen, die dort wohnen.“ Das ganze soziale Umfeld. Der Ort, wo Ehemann Winfried so viel werkle. „Es gibt ja auch immer was zu tun.“
Jetzt eröffnet sie erst mal die Heimattage, steht auf der Bühne am Bodensee. Sagt, wie sehr sie sich freue, „dass auch das gesellschaftliche Leben wieder Fahrt aufnimmt“, und erzählt, dass sie am Freitagabend zum ersten Mal wieder im Kirchenchor gesungen habe und wie gut das getan habe. Nach ein paar Minuten steigt sie wieder von der Bühne, setzt sich auf die Bank am Biertisch. Wegen Corona in gebührendem Abstand zu Oberbürgermeister und Volksbank-Vorständin. Beim Mittagessen fragt Gerlinde Kretschmann Martin Staab, Oberbürgermeister im Vorwahlkampf, was die Probleme in Radolfzell seien. „Es interessiert mich, wie die Städte aufgestellt sind“, sagt sie. Gerlinde Kretschmann war selbst lange Jahre Gemeinderätin der Grünen und auch Fraktionsvorsitzende. Sie frage für sich und nicht im Auftrag ihres Mannes, versichert sie.
Die Schwestern als Begleitung durchs Leben
Natürlich nimmt sie dann ein Exemplar des „Südkuriers“ mit, als sie es im Restaurant entdeckt. Auf der Titelseite ist ihr Sohn Johannes abgebildet. Er kandidiert im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen für den Bundestag und will Thomas Bareiß (CDU), dem Parlamentarischen Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, das Direktmandat abjagen. Laut Forsa ist das im Moment ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Gerlindes Schwester Mechthild wirft einen kurzen und wohlwollenden Blick auf die Zeitung – und erklärt: „Ich bin seine Gotti“ – die Patentante des Kandidaten. Und übrigens selbst bei den Grünen aktiv, so wie eine weitere Schwester der First Lady, die für die Grünen im baden-württembergischen Landtag sitzt.
Die Frage, was ihre fünf Schwestern – es gibt auch noch zwei Brüder – ihr bedeuten, beantwortet Gerlinde Kretschmann mit einer Gegenfrage: „Haben Sie keine Schwestern?“ Ihr „Sie Arme!“ kommt dann aus tiefster Seele. Dann erzählt sie eine Geschichte aus der Kindheit ihrer drei eigenen Kinder. Die weinten einmal ganz fürchterlich. Als ihre Mutter sie nach dem Grund fragte, antworteten sie: Sie weinten, weil ein anderes Kind keine Geschwister hatte. „Geschwister zu haben ist manchmal auch eine Last“, räumt die Landesmutter ein. Ihre Schwester Mechthild Schnitzer lacht von der Seite: „Das ist nicht immer lustig.“ Aber keine zu haben sei ja auch nicht lustig. „Man kennt einander halt.“ Mechthild nickt.