Gerlingen bringt Flüchtlinge in Vereine Sport überwindet selbst Sprachbarrieren

Von Stefanie Köhler 

Weil mehr alleinstehende Männer als Familien in die Stadt kommen, geht die Verwaltung bei der Integration von Flüchtlingen neue Wege: Im Vereinsleben gelinge es schneller, sich in der neuen Umgebung einzufinden.

Auf reges Interesse stieß der erste Gerlinger Neubürgerabend für Flüchtlinge Foto: factum/Weise
Auf reges Interesse stieß der erste Gerlinger Neubürgerabend für Flüchtlinge Foto: factum/Weise

Gerlingen - Sport verbindet. Selbst wenn nicht alle Spieler dieselbe Sprache sprechen. Das erlebt Andreas Lux vom FC Gerlingen hautnah. In dem Verein spielen seit mehreren Monaten zehn junge Männer aus Afrika mit. Flüchtlinge, die dieses Jahr nach Gerlingen gekommen sind. Viele können kaum oder kein Deutsch, „doch es ist egal, welche Sprache man spricht“, sagt der 25 Jahre alte Lux. „Fußball funktioniert überall gleich.“ Und im Zweifelsfall erkläre man etwas auf Englisch. So spielen die jungen Männer zusammen Fußball, als hätten sie nie etwas anderes gemeinsam getan. „Im Sport lassen sich Flüchtlinge einfach integrieren“, stellt Lux fest.

Flüchtlinge für Vereine und andere Einrichtungen zu begeistern, liegt Gerlingen am Herzen. Die Stadt geht bei der Integration von Flüchtlingen neue Wege. Denn dieses Jahr sind mehr alleinstehende Männer als Familien in die Stadt gekommen. Zwei Drittel der 101 Flüchtlinge sind aus Afrika – aus Gambia, Togo und Eritrea. Und an die Männer kommt die Stadt schwerer ran als an die Familien. „Der Zugang zu den Familien erfolgt meist über die Kinder in den Kindergärten und Schulen“, sagt Stefan Fritzsche, der Amtsleiter für Jugend, Familie und Senioren. Um mit den Männern in Kontakt zu treten, seien neue Herangehensweisen und Angebote nötig, sagt Fritzsche. Vereine spielen dabei eine große Rolle: Über eine Mitgliedschaft fänden die jungen Männer schnell Zugang zu ihrer neuen Umgebung, so der Gedanke.

Überraschungen beim Neubürgerabend

Bei einem Flüchtlingsgipfel im Rathaus im September entstand die Idee eines Neubürgerabends speziell für die Flüchtlinge, die seit diesem Jahr in Gerlingen leben. Dieser fand am Mittwochabend im Stadtmuseum statt, und dass die örtlichen Vereine und die Musikschule für sich werben, ist ein wichtiger Teil der Veranstaltung.

Dutzende Flüchtlinge folgten der Einladung. Später berichteten einige, dass ihnen der Abend sehr geholfen habe. „Ich wusste nicht, dass Gerlingen so viele Vereine hat, mehr als 100“, sagte ein junger Mann, der anonym bleiben will, verblüfft.

Zunächst aber erzählte der Bürgermeister Georg Brenner über die Stadt, in einfacher Sprache und kurzen Sätzen, die auch ins Englische übersetzt werden. Dabei erfuhren die Flüchtlinge etwa, dass die Stadt Gerlingen mit ihren 20 000 Einwohnern und 8000 Arbeitsplätzen „eine demokratische Stadt“ ist. Der vom Volk gewählte Gemeinderat entscheide darüber, für welche Projekte man wie viel Geld ausgebe.

Flüchtlinge, die schon 2016 nach Gerlingen gekommen sind und an der Volkshochschule Deutsch als Fremdsprache lernen, gaben den Neuankömmlingen einige landestypische Gepflogenheiten mit auf den Weg. Zum Beispiel, wie sich Frauen und Männer begrüßen – indem sie sich die Hand schütteln oder, was eher für Frauen gilt, indem sie sich umarmen oder Wangenküsse geben. Zudem betonte die Lehrerin Siglinde Kania-Trincheri: „Binnen sieben Monaten beherrscht man Deutsch so gut, dass man sich im Alltag zurechtfindet.“ Sie warb deshalb für Sprachkurse.

Das zu vermitteln, ist auch ein Anliegen des Freundeskreises Asyl. „Wer die deutsche Sprache nicht spricht, hat kaum eine Zukunft in Deutschland“, sagt Holger Kaun. Alle Sprachkurse seien kostenlos, auch die des Freundeskreises Asyl. Zudem hat die Initiative momentan 20 Paten, die Flüchtlingen im Alltag helfen, etwa bei Behördengängen oder beruflich.

Regelung gefunden für die Mitgliedsbeiträge

Der Freundeskreis Asyl bekommt die veränderte Zuwanderung nach Gerlingen besonders zu spüren. „Für Einzelpersonen brauchen wir mehr Paten als für Familien“, sagt Kaun. Es sei leichter, für syrische Familien mit Kindern Paten zu finden als für junge Männer aus Afrika. Möglicherweise seien Vorurteile ein Grund? Insgesamt fehle den afrikanischen Männern der „deutsche Gegenpart“, sagt Kaun: Die vorwiegend 18- bis 28-Jährigen seien im erwerbsfähigen Alter, in dem zum Beispiel die Vorbereitung auf das Arbeitsleben und die Jobsuche relevant seien. Themen, mit denen die Ehrenamtlichen im Freundeskreis Asyl nicht mehr sehr vertraut seien, weil sie deutlich älter sind. Kaun spricht von „anderen Erlebniswelten“.

Die Frage, wer die Kosten für die Mitgliedschaft von Flüchtlingen in Vereinen übernimmt, hat die Stadt indes geklärt. „Das ist kein Hindernis mehr. Wir haben Regelungen gefunden“, sagt der Bürgermeister: Entweder verlangten die Vereine keine Beiträge, andernfalls bezahle die Stadt sie. „Das Geld ist aus dem Sozialfonds, aus der Bürgerstiftung oder es kommt über Spenden rein“, sagt Brenner. Der Sport verbindet damit weiterhin die Kulturen.