Quebec Trois-Rivières - Unsere Nase, so findet Johannes Frasnelli von der Universität Quebec Trois-Rivières in Kanada, ist ein architektonisches Meisterwerk, und er vergleicht sie gern mit einer gotischen Kathedrale: „Sie hat relativ kleine Eingänge, und wenn man erst mal drin ist, dann öffnet sich das Kirchenschiff in seiner ganzen Pracht.“ Der Mediziner und Neurowissenschaftler forscht seit Jahrzehnten zum Thema Nase und Geruchssinn und hat ein Buch geschrieben: „Wir riechen besser als wir denken“.
Geruch und Geschmack sind untrennbar miteinander verbunden
In der Wissenschaft war die Nase lange Zeit unterrepräsentiert, in den Top Ten der Lieblingskörperteile meist gar nicht vorhanden. Dem Coronavirus haben wir nun zu verdanken, dass das Riechorgan in den Mittelpunkt gerückt ist, denn etwa 60 Prozent der Infizierten leiden unter Geruchs- und Geschmacksverlust.
Geruch und Geschmack sind untrennbar miteinander verbunden, erklärt Johannes Frasnelli: „Wenn man sich beim Essen die Nase zuhält, dann schmeckt man fast nichts, weil die Duftstoffe nicht durch die Nase aufsteigen können.“ Schließlich ist unsere Nasenhöhle durch Nervenzellen am Riechepithel direkt mit dem Gehirn verbunden.
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Ein nicht wahrgenommener Geruch kann bedrohlich werden
Kommt es durch Covid-19 zu Geruchsverlust, kehrt dieser Sinn meist nach einigen Wochen oder Monaten zurück, aber bei etwa zehn Prozent bleibt das Riechen eingeschränkt. „Man kann sich das so vorstellen, wie wenn man nur noch schwarz-weiß sehen würde. Man kann trotzdem leben, aber fällt der Geruchssinn weg, fallen auch Belohnungen und Freuden weg.“ Deshalb enden Riechstörungen nicht selten in Depressionen. Von den Gefahren, die sie mit sich bringen, abgesehen. So wie eine übersehene rote Ampel bei Farbenblindheit eine Gefährdung darstellt, so kann auch ein nicht wahrgenommener Geruch bedrohlich werden.
„Rauch würde man erst bemerken, wenn er so nah ist, dass er in den Augen brennt. Doch dann ist es unter Umständen schon zu spät“, so Frasnelli. Und auch wenn so manches Elternteil eines müffelnden Pubertierenden sich manchmal ein wenig Geruchsverlust herbeiwünscht, so hat die Evolution sich schließlich etwas beim Riechen gedacht: Lebensmittel, die für unsere Vorfahren schlecht rochen, wurden verschmäht und Vergiftungen so vermieden. Heute sammeln wir zwar nur eher selten unser Essen im Wald, aber das Prinzip ist noch immer das Gleiche: ob Gift, Gas oder Verdorbenes, unsere Nase warnt uns. Genauso stellt sie Verbindungen her, schöne wie unangenehme. Ein Parfüm kann Erinnerungen an eine unliebsame Person zurückbringen und der Duft von Zimt uns in unsere Kindheit zurückversetzen. „Der Bereich des Gehirns, der für das Riechen zuständig ist, das limbische System, ist auch zuständig für Emotionen, Lernen und Erinnerungen und wird eben auch durch Gerüche aktiviert.“ Ebenso werden Beziehungen durch Düfte geprägt. Jemanden gut riechen können bedeutet, jemanden zu mögen. Schließlich hat jeder seinen individuellen, unverwechselbaren Körpergeruch, der sich zwar im Laufe des Lebens verändert, aber doch spezifisch bleibt wie ein Fingerabdruck.
Ein Geruch kann längst Vergessenes ins Gedächtnis rufen
Der Körpergeruch ist individuell wie der Fingerabdruck
Riecht ein Mensch unangenehm, dann wird das meist verschwiegen. „Alles, was in unserer Gesellschaft mit Körpergerüchen zu tun hat, ist mit Tabus verbunden. Wir können einem Kollegen sagen: Du hast etwas zwischen den Zähnen. Aber wir können nicht sagen: Du hast Mundgeruch, putz dir mal die Zähne!“, bedauert Frasnelli. Dabei steckt oft weit mehr dahinter als vernachlässigte Hygiene oder zu hoher Knoblauchkonsum: Karies, Darmprobleme, eine Lebererkrankung, Mandelentzündungen, Diabetes, Fußpilz oder auch eine Stoffwechselkrankheit sind mögliche Ursachen.
Die Riechverarbeitung findet im limbischen System statt
Die vollständige Erforschung des Geruchssinns könnte ein Meilenstein in der Früherkennung von Krankheiten wie Parkinson oder Demenz sein, so Geruchsexperte Frasnelli: „Das sind Erkrankungen des Gehirns. Bei Alzheimer beispielsweise ist das limbische System früh betroffen, und dort findet auch die Riechverarbeitung statt.“ Der Erkrankte nörgelt oft schon lange vor Ausbruch über das fade Essen, dabei verschlechtert sich schlicht sein Geruchssinn. Auch auf psychische Störungen wie Schizophrenie oder Depressionen könnte ein Geruchsverlust hinweisen, vermuten Wissenschaftler. Wichtig ist, dass Betroffene bei Auffälligkeiten den Haus- oder HNO-Arzt oder einen Neurologen konsultieren.
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Riechtraining kann bei Geruchsverlust helfen
Bei einem Großteil der Coronapatienten kehrt das verlorene Riechvermögen irgendwann zurück. Ein Riechtraining kann helfen, Gerüche wieder besser wahrzunehmen. Dazu riecht man zum Beispiel morgens und abends an intensiven Düften wie Zitrone, Rose, Zimt und Eukalyptus, etwa in Form ätherischer Öle.
Nase und Geruchssinn
Riechzellen
In der menschlichen Nase befinden sich bis zu 30 Millionen Riechzellen. Bei Hunden sind es zehnmal so viele. Schweine haben eine noch feinere Nase, doch Spitzenreiter im Tierreich ist der Europäische Aal: Der Fisch kann selbst winzige Tiere nach ihrem Geruch orten. Der Geruchssinn entwickelt sich bereits im Mutterleib. Im sechsten Schwangerschaftsmonat könnte der Fötus riechen, würde er nicht in Fruchtwasser schwimmen. Vier Tage nach der Geburt erkennt ein Baby seine Mutter an ihrem Geruch.
Geschwindigkeit
Ein Porsche-Fahrer lächelt über solch lächerliche Schnelligkeit, aber ein Erkälteter wird kräftig durchgeschüttelt: Beim Niesen beträgt die Geschwindigkeit der ausgestoßenen Luft 160 km/h und mehr.