Geschäftsbericht Romances und andere Frauenbücher

Strohgäu: Annegret Jacobs (jac)
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„Come on, Tom“ sagt Getgood. „Fang doch bei den Büchern an, die du nie verkaufst. Manche stehen hier, seit ich zum ersten Mal in deinem Laden war.“ Das war 1996. Getgood steht vor dem Regal mit der Kriegsliteratur und zieht nach kurzem Suchen ein Taschenbuch heraus. „Das hier zum Beispiel.“ Vom Einband starrt eine Frau unter dem englischsprachigen Titel „Patriots – Die Sage von tapferen Männern und heroischen Frauen“ mit Ingrimm auf einen Punkt in der Ferne. „Und weißt du, warum ich es mir gemerkt habe?“, fragt Getgood und wiegt das Buch grinsend in seiner Hand. „Weil es falsch eingeordnet ist.“ Sein richtiger Platz wäre eine Regalreihe weiter. Dort, wo die Buchrücken nicht mehr schlammbraun sind, sondern Altrosa und Fliederfarben. „Romances“ informiert ein Schild. Als sich einst eine Kundin beschwerte, dass Frauen nicht nur Schnulzen läsen, hat Mueller das Schild handschriftlich erweitert in „Romances – und andere Bücher, die für Frauen interessant sind.“

Getgood läuft wie ein Hund auf Fährtensuche die Regalreihen ab. „Wo versteckst du die neuen Bücher?“, ruft er. „Gib’s zu, du hast sie dir wieder alle unter den Nagel gerissen.“ Oft genug müsse man mit Tom um die besten Neuzugänge kämpfen, klagt er. „Come on, I’m not that bad“ – so schlimm sei er nun auch wieder nicht, wiegelt Mueller ab und faltet, eine versöhnliche Miene aufsetzend, die Hände über dem Bauch. „Natürlich lese auch ich gerne.“

Eine Untertreibung. Das Geschäftsziel von Tom Mueller aus Chicago, heute wohnhaft im Stuttgarter Westen, besteht allein darin, immer selbst genug Bücher zu haben. Bereits vor der Einschulung konnte er lesen. Auf dem Schulhof eröffnete er eine florierende Leihbibliothek mit den Büchern seines Vaters. Mit dem Verdienst daraus finanzierte er seinen eigenen Nachschub. In den 60er Jahren kam Mueller als Soldat nach Stuttgart, arbeitete als Hausmeister und Elektriker im Cannstatter Militärkrankenhaus. Was wenige Jahre dauern sollte, währt bis heute. Den Heuschnupfen, der ihn in Deutschland anders als in den USA nicht plagt, nennt er als Motiv sowie seine Reiselust. Und eine Frau, die in Remseck lebte, hat wohl auch Einfluss auf sein Bleiben genommen. Zu den Details schweigt Mueller eisern.

Eine Bäckerei wird zum Buchladen

Lieber erzählt er, dass er damals mehr als 15 D-Mark im Monat für Bücher ausgab. „That was a lot of money!“ Um günstiger an Nachschub zu kommen, begann er im Nebenerwerb, mit gebrauchten englischsprachigen Büchern zu handeln. Zuerst hatte er einen Stand auf dem Samstagsflohmarkt am Karlsplatz. Als Anfang der achtziger Jahre sein Ford Transit nicht mehr mitmachte, hat ihm der Zufall geholfen. In seiner Stammbäckerei kam er mit einer Frau ins Gespräch, die von einem leeren Lagerraum in Sonnenberg erzählte. Mueller war begeistert. Öffnete sein Geschäft zunächst auch unter der Woche, stellte eine Verkäuferin ein. Doch bald war klar, dass sich das nicht lohnt.

Ob es vielleicht auch an der Lage liegt? In Sonnenberg mag man schön wohnen, aber Bücher verkaufen? „Och“, sagt Tom, „vor einiger Zeit ist ein Anwohner gekommen und hat gesagt, dass es doch eigentlich komisch ist: In Sonnenberg hält sich kaum ein Geschäft – außer einem englischen Buchladen und einem afrikanischen Restaurant.“

„Was bekomme ich?“, fragt Müller. Getgood rechnet vor: 15 Bücher hat er zurückgebracht, acht nimmt er jetzt mit. „Also bekommst du von mir noch 50 Cent.“ – „Zwei für eins“, bestätigt Mueller, „that’s right, thank you, so long.“ Die Rechnung aufzustellen, das überlässt der Buchhändler seinen Kunden. „Wenn mich jemand wegen eines Euros betrügen will, dann hat er das Geld nötiger als ich.“




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