Aber natürlich braucht es für so ein Wachstum nicht nur einen günstigen gesellschaftspolitischen Rahmen, sondern auch einen Geschäftsführer, der ihn gemeinsam mit einem Team erkennt, nutzt, gut begleitet und managt. Diese Aufgabe hat Michael Leibinger zu Jahresbeginn an Stefanie Enzmann übergeben. Ende April geht der 63-Jährige in die passive Phase seiner Alterteilszeit.
500 Mitarbeiter in den Bezirken Ost und Bad Cannstatt
Michael Leibinger ist studierter Theologe und Pädagoge. Und mit dieser Mischung aus kirchlicher Soziallehre, fachlichem Wissen und Blick für den Menschen ging er, der aus Mühlheim an der Donau (Kreis Tuttlingen) stammt, auch seine Aufgaben an. Oder, wie er es selbstironisch sagt: „Ich habe ein kleines Helfersyndrom.“
Nach dem Zivildienst in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tübingen weiß er, dass er im Bereich der Hilfe für die Jüngsten arbeiten möchte. Nach einer Zeit beim Caritas-Verband findet Leibinger seine Langzeitaufgabe bei St. Josef, einem gemeinnütziger Träger der Kinder- und Jugendhilfe, dessen Geschichte 1925 begann, als die franziskanischen Schwestern von Sießen im Stuttgarter Osten einen Kindergarten eröffneten. Heute betreibt St. Josef mit 500 Mitarbeitern in den Bezirken Ost und Bad Cannstatt Kitas und Familienzentren sowie Wohngruppen für Kinder und Jugendliche, die nicht in ihren Familien leben können.
Außerdem ist St. Josef in den sogenannten frühen Hilfen für Familien sowie in der Nachmittagsbetreuung und Unterrichtsbegleitung in Schulen aktiv und arbeitet eng mit dem Jugendamt zusammen. Als langjähriges Mitglied im Jugendhilfeausschuss prägte Leibinger die Familienpolitik mit.
Brauchen Familien heute mehr Unterstützung?
Was brauchen Familien? Und wie verändert sich das? Das sind Fragen, die sich Leibinger nicht nur als Vater zweier Kinder privat stellt, sondern durch die Jahrzehnte vor allem beruflich. Ja, er könne bestätigen, dass Familien heute mehr Unterstützung brauchen – aber das heiße nicht unbedingt, dass sie dysfunktionaler seien als früher. Vielmehr hätten sich eben Lebensumstände und -entwürfe stark geändert. Ansprüche der Eltern an Erziehung, Förderung der Kinder seien gestiegen. Gleichzeitig löste sich das Modell der Mutter-daheim auf, der Ganztag in Schulen kam dazu, Kosten stiegen – all das verlange nach mehr Hilfe von außen. Stuttgart verfüge über eine „gut ausgebaute Kinder- und Jugendhilfe“. Das trage dazu bei, dass „die allermeisten Kinder- und Jugendlichen gut in ihren Familien aufwachsen“.
Das sieht auch Leibingers Nachfolgerin Stefanie Enzmann so. Die 49-jährige gelernte Erzieherin und studierte Sozialmanagerin, gebürtig aus Bad Rappenau bei Heilbronn, ist ebenfalls seit 1994 bei dem kirchlichen Träger, stieg von der Kita- zur Gesamtleitung auf. Sie sagt aber auch: „Wir bekommen nicht alle Probleme institutionell gelöst. Dazu fehlen die Fachkräfte. Wir müssen das in Teilen gesellschaftlich auffangen, indem sich Familien, Nachbarn, Freunde gegenseitig helfen.“ Als Vernetzer solcher privater Unterstützersysteme sieht sich St. Josef in seinen Familienzentren und in der Quartiersarbeit.
Konzentration auf das einzelne Kind
Stefanie Enzmann verfolgt die pädagogischen Veränderungen seit Jahrzehnten. In den vergangenen 15 Jahren habe sich die Pädagogik stark auf das einzelne Kind konzentriert. Es gilt, dieses passgenau zu begleiten und in seinen Talenten fördern. Dabei sei die Gruppe drumherum fast in Vergessenheit geraten, sagt sie. Mittlerweile gebe es – zu Recht – eine Rückbesinnung darauf, das Kind als Teil eines sozialen Gefüges zu sehen. „Wir müssen wieder mehr das soziale Miteinander fördern, die Bereitschaft der Kinder, ihre Bedürfnisse auch mal hinter die Gruppe zurück treten zu lassen.“
Das sei eine Aufgabe für die Zukunft. Weitere, die Enzmann und Leibinger nennen: Mithelfen, Kinder und Familien aus anderen Ländern, mit anderen kulturellen Hintergründen zu integrieren, Konflikte, wenn etwa russischstämmige Eltern nicht möchten, dass ihre Kinder mit ukrainischen spielen und umgekehrt, zu lösen. Außerdem müsse die Inklusion von Menschen mit Behinderung in den Einrichtungen weiter ausgebaut werden. Dazu drängt das Thema Digitalisierung, als Aufgabe der Verwaltung ebenso wie als Lebensrealität von Kindern, die es in den Einrichtungen aufzugreifen gelte. Und was gibt Michael Leibinger seinen Nachfolgern in der Kinder- und Jugendhilfe mit? „Die Pädagogik kann Beziehungen anbieten und Hilfe. Sie kann Geduld aufbringen und aushalten, wie Menschen sind. Aber sie hat auch Grenzen.“ Wie einer sein Leben führe, das liege am Ende vor allem in dessen Hand.
Träger im Stuttgarter Osten
Entstehung
Die gemeinnützige St. Josef GmbH geht auf das Engagement der franziskanischen Schwestern von Sießen zurück, die 1925 im Stuttgarter Osten einen Kindergarten eröffneten. Sie gehört heute zur Franz von Assisi Gesellschaft mit Sitz in Schwäbisch Gmünd, einem Zusammenschluss von Jugendhilfe-Einrichtungen in mehreren Landkreisen. In Stuttgart arbeiten 500 Mitarbeiter für St. Josef.
Stuttgart
Aufgabe sei es, in den Stadtteilen Stuttgart-Ost und Bad Cannstatt insbesondere Eltern, Jugendliche und Kinder im alltäglichen Leben zu unterstützen. Das Angebot umfasst unter anderem ambulante Hilfen, Wohngruppen für Kinder- und Jugendliche, Kindertagesstätten, Schulsozialarbeit sowie das Schülerhaus Ostheim.