Geschichte aus dem Kreis Esslingen Der Caruso von den Fildern

Vom Plattenleger zum gefeierten Opernstar: Alfons Fügel. Foto: Stadtarchiv Filderstadt
Vom Plattenleger zum gefeierten Opernstar: Alfons Fügel. Foto: Stadtarchiv Filderstadt

Ein Plattenleger aus Bonlanden wurde in den 1930er-Jahren zum Ausnahme-Tenor. Mit der Geschichte von Alfons Fügel hat sich Altbürgermeister Fridhardt Pascher beschäftigt.

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Filderstadt - Alfons Fügel zog aus, um mit seiner Stimme die Opernbühnen zu erobern. Der gelernte Plattenleger aus Bonlanden war gesegnet mit einer Stimme, die Publikum und Fachwelt in den 1930er- und 1940er-Jahren zu Begeisterungsstürmen hinriss. Von einer „klanglichen Offenbarung“ war die Rede, von „einer strahlenden Stimme“. Ein bekannter Kritiker schwärmte geradezu von der „höchsten Kunst eines gottesbegnadeten Sängers“. Kein Wunder, dass manche gar von einem Filder-Caruso sprachen. Mit dem italienischen Startenor hatte der 1912 im Dachgeschoss des Gasthauses „Krone“ geborene Fügel mehr gemeinsam als eine außergewöhnliche Stimme. Beide stammten aus kinderreichen Familien und wuchsen in einfachsten Verhältnissen auf. Beide starben im Alter von 48 Jahren.

Während eines Konzerts in Esslingen am 8. Oktober 1960 erlitt Alfons Fügel auf der Bühne einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er zwei Tage später verstarb. Weit mehr als 1000 Sänger der gesamten Filderregion versammelten sich bei der Beerdigung auf dem Bonlandener Friedhof, schreibt Fridhardt Pascher in der Ortschronik Bonlanden. Der Altbürgermeister erforschte die Geschichte des Ausnahme-Tenors über viele Jahre hinweg.

Ausnahme-Tenor mit solider Basis

Das Singen lag allen neun Fügel-Kindern im Blut, war doch der Vater Vorsitzender des Sängerkranzes Bonlanden. Ein solider Beruf war allerdings die Basis. So wurde der Sohn, genau wie der Vater, Plattenleger. Alfons Fügels schöne Stimme war aber so bemerkenswert, dass er ein Stipendium an der Stuttgarter Opernschule erhielt, wo er von Fritz Windgassen unter die Fittiche genommen wurde. Es heißt, dass der Vater den Sohn, der sich nach der Plattenlegerei oft rasch umziehen musste, auf dem Rücken über die schmutzige Baustelle getragen habe, damit Hose und Schuhe sauber blieben, wenn er direkt ins Opern­studio ging.

Bereits mit 25 Jahren debütierte Alfons Fügel in einer typischen Einstiegsrolle für Tenorhoffnungen. Er sang als Erster Gefangener in „Fidelio“ am Ulmer Stadttheater. Kurze Zeit später durfte der „einfache Plattenleger von den Fildern“ als Fenton in Otto Nicolaus Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ auftreten. Sein Lampenfieber löste sich in Luft auf, als das Publikum vor Begeisterung raste und die Presse sich später mit Lobeshymnen überschlug. Die schöne, wohltuende Stimme sei veredelt von einer „verständnisvollen Durchbildung“ war zu lesen, ebenso wie die Vermutung, dass die Stadt, die seit zehn Jahren keinen lyrischen Tenor erlebt habe, der ähnliches Material mitbringe, wohl nur eine Durchgangsstation sein könne.

„Neuer Tenor kam, sang und siegte“

„Nur zwei Jahre konnte Ulm den aufstrebenden Stern am Opernhimmel halten“, fand Pascher heraus. Die Übergangsstation war ideal für den jungen Tenor, um kleine und große Rollen zu lernen wie den Elfenkönig in „Oberon“, den Herzog in Verdis „Rigoletto“ oder Konrad in „Hans Heiling“. Die Presse huldigte seine Leistung als „begeisternde Schönklangangelegenheit“ und würdigte die „großgeschwungenen Ausdruckslinien in reiner Tonfarbe“. Auch Fridhardt Pascher schwärmt von einem „Hinaufkatapultieren in die fast unerreichbar geltenden Höhen des hohen D einer Tenorlaufbahn“.

Die nächste Station war Graz, wo Fügel sein beachtliches Repertoire erweiterte und seinen Ruhm durch Auftritte in „Tannhäuser“, „Madame Butterfly“ und „Die Macht des Schicksals“ mehrte. Hinzu kamen Konzerte in Stuttgart, München und Berlin. Schon nach einer Saison bot der legendäre Münchner Opernintendant Clemens Krauss dem umjubelten Tenor ein Engagement an der Münchner Staatsoper an. Bis 1943 feierte er große Erfolge. „Auftritte in Opern wechselten sich ab mit Konzerten“, schreibt Pascher. Das Repertoire wurde erweitert auf deutschen und italienischen Liedgesang. Zu den lyrischen Tenorrollen kamen die dramatischen Partien der deutschen, französischen und italienischen Oper hinzu. „Ein neuer Tenor kam, sang und siegte“, jubelte ein wichtiger Kritiker, der sicher war, dass niemand „der Begegnung mit Tönen bis zum hohen C hinauf, deren natürlicher und edler Bildung, deren Glanz und Metall“ widerstehen konnte.

Der Krieg war die große Tragik für viele Menschen, auch für Alfons Fügel. Auf dem Höhepunkt seiner kurzen, aber steilen Karriere waren ihm Gastspiele an internationalen Bühnen wie Mailand, Paris, London und New York verwehrt. Stattdessen machte er Rundfunkaufnahmen mit Heile-Welt-Hits wie „Schenkt man Rosen in Tirol“ oder „Ich bin nur ein armer Wandergesell“. Nach dem Krieg hatte er gesundheitliche Probleme. Er blieb Lied- und Konzertsänger von Format, aber seine große Zeit war vorbei. Der Stimme fehlte der jugendliche Klang der Jahre bis 1944. 1950 kehrte der heimatverbundene Sänger aus dem Olymp großer Opernbühnen wieder ganz zu seiner Familie nach Bonlanden zurück. Dort eröffnete er 1956 mit seiner Frau Mathilde das Café Fügel, das Treffpunkt von Fans und Freunden wurde.

Fridhardt Pascher erinnert sich

Alfons Fügel lag Fridhardt Pascher immer schon am Herzen. Er kannte ihn persönlich aus seiner Zeit als Verwaltungsinspektor bei der Gemeinde Bonlanden 1959. „Damals war ich ledig und ging zur Unterhaltung gerne ins Café Fügel, um ihm zuzuhören, wie er seine Geschichten erzählte“, erinnert sich der heute 85-jährige Pascher, der einst selbst gerne Opernsänger geworden wäre. Doch es kam anders. Als er von 1968 bis zur Gemeindereform 1974 Bürgermeister von Bonlanden war, kümmerte er sich intensiv um das Andenken des großen Sohnes aus dem kleinen Filder-Dorf. Pascher charakterisiert ihn als einen Mensch, der es nie ­verschwieg, aus einfachen Verhältnissen zu stammen, aber auch mit Stolz auf seine musikalische Karriere blickte. Eine Beeinträchtigung am Bein machte dem Sänger zu schaffen und dann natürlich die Herzgeschichte: „zu dick, zu wenig bewegt und gerne ein Zigarettchen geraucht, obwohl es ihm seine Frau verboten hat“.

Der Musiksaal der neugebauten Uhlbergschule wurde nach Fügel benannt. Anlässlich der 700-Jahr-­Feier von Bonlanden 1969 forschte der damalige Bürgermeister im In- und ­Ausland nach verschollenen Aufnahmen und wurde beim Süddeutschen Rundfunk fündig. Eine Spur führte sogar bis in ein Kloster in der Nähe von Moskau, wo viele hundert Originalaufnahmen aus Berlin als „Beutekunst“ lagerten, ­darunter auch welche von Alfons Fügel. So konnten im Lauf der Zeit mehrere Platten mit seinen schönsten Liedern ­herausgebracht werden.




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