Geschichte Mord am Strand

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Am 31. Januar 1945 wurden im ostpreußischen Palmnicken Tausende Juden von den Nazis umgebracht. Martin Bergau hat das Massaker als Jugendlicher hautnah miterlebt.

Martin Bergau lebt heute in Heimsheim bei Leonberg. Foto: Gottfried Stoppel
Martin Bergau lebt heute in Heimsheim bei Leonberg. Foto: Gottfried Stoppel

Palmnicken/Heimsheim - Als an der Ostfront der Tod reihum ging, erlebte Martin Bergau glückselige Kindheitstage an der Ostsee. Während in Stalingrad die Soldaten der 6. Armee krepierten, konnte er als Hitlerjunge seinen Traum vom Fliegen erfüllen. Erst allmählich fasste ihn die kalte Hand des Krieges. Im Winter ’45 verlor er seine jugendliche Naivität: Das Massaker von Palmnicken, bei dem Tausende jüdische Gefangene ermordet wurden, bekam er hautnah mit. Heute lebt Bergau in Heimsheim bei Leonberg. Im hochgeheizten Wohnzimmer, Bernsteinbrocken in den Regalen und die Danziger Bucht auf Ölbildern, erzählt er seine Geschichte.

Ich wurde 1928 im ostpreußischen Palmnicken geboren, ein samländisches Fischerdorf am Bernsteinstrand unweit von Königsberg. Das Wiegenlied sangen mir die Wellen des Baltischen Meers. Wie die meisten Küstenkinder hatte ich einen von Sonne und Salzwasser gebleichten Schopf und blaue Augen.

Meine älteren Freunde waren irgendwann bei den Jungvolk-Pimpfen, und ich konnte es kaum erwarten, es ihnen gleich zu tun. „Wir sind die nordöstlichste Bastion des Reiches“, sagten sie und wiesen stolz auf das Gebietsdreieck auf dem Ärmel ihres Braunhemds. Sie hatten tolle Fahrtenmesser mit einem Hakenkreuz am Griff. In der Schule erfuhr ich einen Tag nach der Reichskristallnacht zum ersten Mal von den hinterhältigen und faulen Juden, denen der Führer nun endlich einen ordentlich Denkzettel verpasst hatte. Der Lehrer erklärte uns, dass Juden Parasiten seien und was der Begriff bedeutet.

Als wir unser neues Eigenheim bezogen, musste auch eine Hakenkreuzfahne her, denn jeder musste sein Haus zu bestimmten Anlässen beflaggen. Meine Mutter nähte die Fahne selber. Das Hakenkreuz hatte sie aus einer alten schwarzen Schürze gefertigt. Als ich protestierte, dass im Stoff lauter kleine weiße Punkte seien, meinte sie nur, dass man das aus der Entfernung gar nicht sehen könne. „Überhaupt, steck du deine Nase lieber in die Schulbücher.“ Onkel Walter, der abends gern auf einen Sprung vorbei kam, merkte außerdem, dass das Hakenkreuz spiegelverkehrt stand: „Damit ist nicht zu spaßen.“ Die Flagge blieb so. Erst später verstand ich, dass Mutter damit auf ihre Art die Nazis verhöhnte.

Anfang 1939 wurde ein Bahngleis in den Küstenbereich gelegt, und 220-Millimeter-Langrohrgeschütze wurden in Stellung gebracht. Ich verbrachte jede freie Minute bei den Soldaten. Dann, am 1. September 1939, der Angriff auf Polen: Der Beschuss der Westerplatte durch die „Schleswig-Holstein“ und die Bomben der Stukas sandten ihre Schallwellen über die Danziger Bucht. In Palmnicken gab es Aufmärsche, die Bergwerkskapelle spielte „Siehst du im Osten das Morgenrot?" Ich hisste Mutters Fahne.

Eine Kindheit an der Bernsteinküste

Anfang 1941 trat ich der Flieger-HJ bei. Unser Palmnicken war nicht nur wegen seiner einzigartigen Bernsteinschätze bekannt, es gab auch einen breiten weißen Badestrand, und die Steilküste bot den Segelfliegern einmalige Bedingungen. Ich war mit großer Begeisterung dabei.

Im Februar begann das Unternehmen „Barbarossa“, der Überfall auf die Sowjetunion. Die Ostprovinzen wurden zu einem einzigen Heerlager. Endlose Güterzüge mit Waffen, Fahrzeugen, Pferden und Truppen, die den Frankreichfeldzug mitgemacht hatten, rollten in den Bahnhof. Für uns Kinder, aber auch für die Veteranen des Ersten Weltkriegs, gab es viel zu sehen.

Im Juni 1941 machte Hitler ernst. Blitzkrieg. Kesselschlachten, bei denen große russische Einheiten in Gefangenschaft gerieten. „Es läuft alles nach Plan“, hieß es bei uns. Man sang „Volk ans Gewehr, vorwärts nach Osten, du stürmend Heer.“

Im Winter war die Ostsee bis zum Horizont zugefroren. Herrlich für uns Kinder. Von den im Samland einquartierten Soldaten erfuhr man aus Feldpostbriefen von verheerenden Verlusten. Erste Berichte von SS-Gräueltaten drangen durch. Wir sangen „Von Finnland bis zum Schwarzen Meer, Führer befiehl, wir folgen dir.“

Der Nachbar Perschel, der beim Küstenschutz war, nahm mich manchmal zum Unterstand in der Steilwand mit. Hier bildete der Strand nur einen schmalen Gürtel, und bei schweren Stürmen war der Küstensockel ganz den Brechern der See preisgegeben. Der Unterstand befand sich versteckt in Sanddorngestrüpp. Ein Kanonenofen, ein Tisch und eine Bank boten ein wenig Behaglichkeit. Wenn ich Lust hätte, meinte der alte Perschel, könnte ich ruhig ab und zu den „Seeadlerhorst“ aufsuchen. Von dem Angebot machte ich oft Gebrauch. Nie verriet ich meinen Freunden von seiner Existenz. Wenn mein Blick über die weite See schweifte, stellte ich mir vor, wie einst die Normannen an dem Gestade landeten.

Im Juli 1942 durfte ich zum Segelfluglehrgang nach Sensburg, ein kleines masurisches Städtchen. Als der Zug in Königsberg einlief, konnte ich die Fronturlauber und Verwundeten beobachten. Es herrschte Hochbetrieb. Voller Ehrfurcht saß ich dann im Abteil mit Frontkämpfern. Sie trugen Auszeichnungen wie das Infanterie-Sturmabzeichen und die Nahkampfspange. Sie erkundigten sich, wo ich denn hin wolle. Als ich es ihnen erklärte, meinten sie nur: „Na, da kannst du froh sein, du gerätst nicht mehr in die Scheiße wie wir.“ Helden hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt.

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