Was du wissen musst Wir erklären Ballroom und Voguing
Rihanna macht’s, Lady Gaga sowieso und Madonna hat’s gemacht: Voguing. Ballroom Culture ist überall. Worum’s geht? Cary und Chris von Voguing Stuttgart erklären’s.
Rihanna macht’s, Lady Gaga sowieso und Madonna hat’s gemacht: Voguing. Ballroom Culture ist überall. Worum’s geht? Cary und Chris von Voguing Stuttgart erklären’s.
First things first: Woher kommt der Name „Voguing“? „Paris Dupree soll während eines Streites in einem New Yorker Club Seiten des Vogue Magazins aufgeschlagen und auf den Beat der Musik die jeweilige Model-Pose auf der offenen Seite nachgestellt haben“, berichtet Chris Georgas aka Chris Bandita, Stuttgarter Voguing-Performer und -Trainer, von der in der Szene verbreiteten Entstehungslegende aus den 1970ern. Die anwesenden Drag Queens sollen es ihr daraufhin gleichgetan und darum gewetteifert haben, wer die bessere Posen aus der Vogue auf Beat nachahmen kann, was dem Tanzstil seinen Namen gegeben haben soll.
Ob wahr oder Legende: Die mittlerweile verstorbene Drag Performerin Paris Dupree war eine der Wegbereiter:innen des populären Tanzstils, der sich dadurch auszeichnet, mit dem Körper zweidimensionale Bilder, auch „Figures“ genannt, darzustellen. Er ist wichtiger Teil des Ballrooms, der als Safe Space für die queere, trans* und People-of-Color-Community und als Austragungsort von Wettstreits in unterschiedlichsten Disziplinen fungiert.
Doch die Ursprünge der Ballroom-Kultur reichen viel weiter zurück als in die Seventies. Chris, der gemeinsam mit Cary Clay, ihres Zeichens Showagenturinhaberin, Voguing-Artist und -Coach, vor knapp zwei Jahren die Community „Voguing Stuttgart“ gegründet hat, holt aus: „Die Ballroom-Szene hat ihren Ursprung in der Harlem Renaissance, also etwa vor hundert Jahren in den 1920ern in New York“, fängt er, den Cary liebevoll als „unser Ballroom-Lexikon“ bezeichnet, seine Erzählung an. „Damals wurden ‚Drag Pageants‘ abgehalten, bei denen Drag Queens gegeneinander angetreten sind.“ Die Events fanden in einer Underground-Szene statt, weil offenes Queersein damals selbst im progressiven New York noch schwierig war. Doch auch diese Szene war, wie der Rest der Gesellschaft, von Rassismus geprägt. „Drag Queens of Color waren oft gezwungen ihre Hautfarbe mit hellerer Farbe zu überschminken und wurden generell benachteiligt bei den Wettbewerben.“
In den 1960er-Jahren kam es zu einem einschneidenden Ereignis: „Crystal LaBeija, eine Drag Queen of Color und – vermutet man heute – Person of trans* Experience, hat nach einem ihrem Eindruck nach aus rassistischen Gründen verlorenen Pageant im Backstage-Bereich lauthals ihrem Frust Ausdruck verliehen. Sie hat das rassistische System geoutcalled und beschlossen, dass sie sich das nicht mehr gefallen lässt“, erzählt Chris. Das markierte einen Wendepunkt in der Szene: Schwarze und braune queere Personen sowie trans*Frauen haben sich von der Szene abgespalten und ihre eigene gegründet. Der Grundstein für die queere, stark von und für People of Color geprägte Ballroom-Szene, wie man sie heute kennt, war gelegt.
„Die Ballroom-Community bestand aus vielen Individuen, die mit Armut und Obdachlosigkeit zu kämpfen hatten, weil sie etwa aus ihren Elternhäusern verstoßen wurden, aufgrund ihrer Sexualität oder Identität“, schildert Chris die damalige Situation. Cary ergänzt: „Das war auch ein Grund für die Gründung sogenannter ‚Houses‘, in denen ‚Mothers‘ und ‚Fathers‘ – erfahrene queere Personen – quasi eine WG gegründet und sich der von ihren Blutsfamilien verstoßenen jungen queeren Menschen angenommen haben. In diesen Zusammenschlüssen, die wie eine Familie fungiert haben, wurde auch viel Wissen und Alltagswissen von Generation zu Generation vermittelt, zum Beispiel wie man sich draußen bewegen und einen Job finden kann und wie man seine Rechnungen bezahlt.“
Mittlerweile gibt es besagte WGs und tatsächlichen Häuser, in denen man zusammenwohnt, nicht mehr. Die ‚Houses‘ sind mittlerweile zu Institutionen avanciert, einem Verein nicht unähnlich. „Der aber sehr stark zusammenhält und wie eine Familie füreinander da ist“, sagt Cary. Und den man als Mitglied bei Wettbewerbs-Events, sogenannten „Balls“, vertritt und repräsentiert.
Im Laufe der Jahre kamen im Ballroom immer mehr Kategorien hinzu, in denen die Teilnehmer:innen gegeneinander angetreten sind. Dazu gehören auch diejenigen, für die Voguing und Tanzen relevant sind. „Den Ballroom kann man heute grob in drei Kategorien einteilen: Body-, Fashion- und Performance-Kategorien“, erklärt Cary. „Und die Performance-Kategorie, in welcher der Tanzstil Voguing gebraucht wird, wiederum teilt sich grob in drei Unterkategorien: Old Way, New Way und Vogue Fem.“ Letzterer ist der Tanzstil, der in den kommerziellen Medien am häufigsten repräsentiert wird und Hyper-Feminität in all ihren Bewegungsfacetten zelebriert. Praktiziert wird er durch die Bank weg von Drag Queens über Butch Queens und Fem Queens bis hin zu Cis-Frauen.
„Man kann sich als Community aber auch immer wieder neue Unterkategorien ausdenken – im Grunde wächst die Anzahl an Kategorien und deren Virtuosität von Generation zu Generation und von Szene zu Szene“, berichtet Cary. Denn die Community passt sich an die jeweiligen zeitlichen, geografischen und gesellschaftlichen Umstände an. „Im Ballroom geht’s darum: Was wird hier gebraucht? Was bringt die Community weiter? Was braucht die Community, um sich zu zeigen?“
Dabei ist eines besonders wichtig: „Der Ballroom definiert Ästhetik anders als es die weiß dominierte westliche Gesellschaft tut“, bekräftigt die Showagentur-Inhaberin. So gibt es in den Body-Kategorien Unterkategorien, die sich jeweils anderen Körperformen widmen. „Zum Beispiel Luscious Body, Model Body und Athletic Body. Dahinter steckt eine Kernaussage: Körper sind grundsätzlich immer schön, vor allen Dingen auch von People of Color. Es gibt verschiedene Bodytypen, und die zelebrieren wir, in all ihren Besonderheiten, in all ihrer Individualität.“ So wurden etwa mit der Zeit und zunehmendem Wissen rund ums Thema Geschlechteridentität auch Unterkategorien wie ‚non binary‘ eingeführt.
Die Ballroom-Szene ist eine zeitgenössische, die selbst an sich den Anspruch hat, sich weiterzuentwickeln. „Traditionellerweise ist der Ballroom recht binär, aber vor allem in Europa geht die Tendenz aktuell in die Richtung mehr Gender Identitäten mitzudenken. Die Community diskutiert Fragen wie ‚Inwiefern finden wir es gut, sich immer entscheiden zu müssen, ob männliche oder weibliche Seite‘ und ‚Inwiefern wollen wir diese von der Gesellschaft auferlegte Einteilung reproduzieren‘?“, berichtet Cary von den aktuellen Bewegungen in der Szene.
Sich an der Ballroom-Szene zu beteiligen und sie zu unterstützen, geht übrigens nicht nur über die eigene Performance. „Es gibt auch die Möglichkeit zu ‚chanten‘, also die Menschen, die gerade auf dem Runway sind, mit Chants und Lyrics anzuheizen oder Bühnenoutfits zu nähen oder als DJ aufzulegen.“ Wer Teil der Community sein und etwas zu ihr beitragen möchte, findet im Ballroom auch seinen:ihren place to shine.