Ministerium fürchtet Besuchermagnet
Die Wilhelma ist ein Wirtschaftsbetrieb des Landes Baden-Württemberg und untersteht als öffentliche Dienstleistungseinrichtung direkt dem Finanzministerium. „Auch wir bedauern, dass die Wilhelma, als Aushängeschild des Landes und der Stadt Stuttgart, derzeit für das Publikum geschlossen ist“, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums. „Aus Gründen der Gesundheitsfürsorge“ habe man vom 11. Mai 2020 an nur einer begrenzten Besucherzahl den Eintritt ermöglicht, „jetzt aber haben wir eine noch viel dramatischere Situation als noch im Frühjahr. Vor diesem Hintergrund wäre es geradezu unverantwortlich, wir würden die Wilhelma – als Besuchermagnet – geöffnet lassen und die Gefahr eingehen, einen Hotspot in der Region zu schaffen“, begründet die Behörde.
„Einfach zuzuschließen ist fantasielos“, sagt Georg Fundel, der Vorsitzende der Freunde und Förderer der Wilhelma. „Die Ministerien behandeln alle Publikumsbetriebe gleich, obwohl es doch wohl ein Unterschied ist, ob ich mich in einem geschlossenen Museum aufhalte oder im Freien und zudem in einem Park, dessen Zugang kontrolliert werden kann“, sagt er. Die Wilhelma habe zwischen Mai und November bewiesen, dass sie den Zugang geregelt abwickeln und steuern könne. Damals gab es Zugang nur mit einem zuvor gebuchten Online-Ticket. „Schon das spricht dagegen, dass sich die Wilhelma zu einem Hotspot entwickeln könnte“, sagt Fundel. Er sei kein Corona-Verweigerer, „aber ich habe kein Verständnis dafür, dass man alle über einen Kamm schert“.
Millionenverluste vervielfachen sich
Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin bedauert: „Für die Wilhelma ist es schade, dass die Corona-Restriktionen es erfordern, den Park vorerst komplett für das Publikum geschlossen zu halten“, hält es aber für „nachvollziehbar“, dass angesichts der hohen Ansteckungszahlen aktuell sehr stringente Maßnahmen notwendig seien, um die zweite Corona-Welle einzudämmen. „Wir respektieren deshalb die Entscheidung des Landes, eine einheitliche Linie im Bereich der Kultur- und Freizeitangebote durchzuhalten“, er gibt jedoch zu bedenken: „Auf längere Sicht stellt uns das natürlich vor besondere Herausforderungen.“
Eine der größten Herausforderungen ist der Verlust an Einnahmen durch Eintrittsgelder. Dieser lag bereits nach der ersten Schließung im Frühjahr bei zwei Millionen Euro. Das Finanzministerium rechnet damit, dass in diesem Jahr nur etwa die Hälfte der Besucherinnen und Besucher im Vergleich zum Vorjahr kommen konnte, die Einnahmen aus Eintrittsgeldern liegen damit bis jetzt „um einen mittleren einstelligen Millionenbetrag niedriger“.
Kein Benefit für Vereinsmitglieder
Bisher ist der Landesbetrieb tatkräftig unterstützt worden vom Verein der Freunde und Förderer. Zwischen 1991 und 2019 sind nach Darstellung des Vereins mindestens 18 Millionen Euro Spenden in Neu- und Umbauten geflossen, aktuell wird die Umgestaltung des Eisbärengeheges in die neue Geparden-Anlage mitfinanziert. Möglich machen das 33 000 Mitglieder, deren Jahresbeitrag, sozusagen als Ausgleich für das finanzielle Engagement des Vereins, freien Eintritt in die Wilhelma garantiert. Schon dieses Benefit ist 2020 weitgehend entfallen, und Fachvorträge, der musikalische Sommerabend im Maurischen Garten sowie Exkursionen sind abgesagt worden. „Wir haben 33 000 Mitglieder und nichts mehr zu bieten“, lautet Fundels Fazit.
Der Vereinsvorsitzende fürchtet auch um die Zukunft der Mitarbeiter in der Wilhelma-Gastronomie und bedauert, „dass am Ende der Bürger, der Steuerzahler, das Defizit trägt“ – das seiner Ansicht nach nicht noch mehr anwachsen müsste. Vom Bund bekommt das Land keine finanzielle Unterstützung für die Wilhelma, bestätigt die Pressestelle des Wirtschaftsministeriums.
Verband würde „Erholungsorte“ gern öffnen
Der Verband der Zoologischen Gärten appelliert ebenfalls an die Regierungschefs der Bundesländer, bei der Umsetzung der neu beschlossenen Pandemiemaßnahmen Augenmaß walten zu lassen. „Eine pauschale Schließung aller Zoos und Tierparks ist aus unserer Sicht nicht notwendig“, sagt der Präsident des Verbandes, Professor Jörg Junhold. Die Hauptsaison sei zu Ende, aber Zoos könnten „in dieser angespannten gesellschaftlichen Situation einen sicheren Erholungsort im urbanen Raum bieten“. Auch dieser Appell ist ungehört verhallt.