Gespräch mit dem neuen Bosch-Gesamtbetriebsratschef „Bosch startet Masken-Fertigung“

Frank Sell ist seit 1. April neuer Gesamtbetriebsratschef von Bosch. Foto: Bosch/Katharina Dubno

Am 1. April hat Frank Sell sein neues Amt als Vorsitzender des Bosch-Gesamtbetriebsrats angetreten – mitten in der Corona-Krise. Der 44-Jährige erzählt, unter welchen Bedingungen er derzeit arbeitet und welche neuen Projekte der Konzern im Kampf gegen das Virus startet.

Stuttgart - Seit 1. April ist Frank Sell Chef des Gesamtbetriebsrats von Bosch. Er vertritt die Interessen von 74 000 Beschäftigten in Deutschland. Der Wechsel erfolgte in einer herausfordernden Zeit. Doch derzeit dreht sich fast alles um Corona, sagt der 44-Jährige in seinem ersten Interview.

 

Herr Sell, der Wechsel an der Spitze des Gesamtbetriebsrates von Bosch kommt überraschend. Hartwig Geisel hatte das Amt erst 2017 übernommen. War das geplant?

Ja, der Wechsel war geplant. Meine Vorgänger im Gesamtbetriebsrat, Hartwig Geisel und Alfred Löckle, waren lange Jahre ein erfolgreiches Team. Zehn Jahre lang war Hartwig Geisel zunächst der Stellvertreter von Alfred Löckle - bis zu dessen Abschied im Jahr 2017.

War Hartwig Geisel dann so etwas wie der logische Nachfolger?

Hartwig Geisel kannte das Gremium gut und hatte viel Erfahrung. Es war daher ein logischer Schritt, dass er den Vorsitz von Alfred Löckle übernahm. Doch es war damals schon klar, dass dies keine langfristige Lösung sein kann. Und in den vergangenen Monaten hat sich Hartwig Geisel dann dazu entschieden, seine Ämter zum 01. April 2020 niederzulegen – nach rund 46 Jahren Tätigkeit in einem Unternehmen ist das auch wohlverdient.

Und seit wann stand fest, dass Sie die Nachfolge antreten?

Ich wurde bereits im Dezember zum Gesamtbetriebsratsvorsitzendengewählt. Wir hatten also drei Monate Zeit für die Übergabe. Das war für mich sehr hilfreich. Damit haben wir gleichzeitig den Generationenwechsel eingeläutet.

Was nehmen Sie von ihren Vorgängern mit?

Meine Vorgänger haben viele Themen angestoßen und umgesetzt. Dazu gehört die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit innerhalb der Betriebsratsgremien. In der Zeit wurden auch Themen wie das mobile Arbeiten entschieden. Auch Regelungen wie die zu Langzeitkonten tragen die Handschrift von Hartwig Geisel und Alfred Löckle. Und sie haben die Konzernbetriebsvereinbarung zur Krisenbewältigung verhandelt, die nach der weltweiten Finanzkrise abgeschlossen wurde – und die auch derzeit angewandt wird.

Was sind Ihre künftigen Themen?

Corona überblendet derzeit alles. Wir kommen im Gesamtbetriebsrat gar nicht dazu „normal“ zu arbeiten. Es gibt keine Präsenztermine, alles läuft per Videotelefonie. Selbst die Betriebsvereinbarung zum Thema Betriebsruhe und Kurzarbeit, die wir zuletzt abgeschlossen haben, haben wir per Videotelefonie verhandelt.

Reden Sie mit den Arbeitgebern auch über den Hochlauf der Produktion?

Wir sprechen über verschiedene Szenarien. Denn bisher ist unklar, welchen Rahmen die Politik setzt. Dennoch tut sich etwas in Feuerbach.

Werden Sie bitte konkreter?

In Feuerbach baut Bosch gerade zwei vollautomatisierte Fertigungslinien. Dort sollen künftig Mund- und Nasenmasken gefertigt werden. Dafür wurden Mitarbeiter gesucht. Das Interesse der Beschäftigten ist aber so groß, dass gar nicht alle zum Zuge kommen können.

Sind das hochwertige Masken, wie sie in Krankenhäusern benötigt werden?

Die eigengefertigten Masken wollen wir in erster Linie zum Schutz der Mitarbeiter an den Bosch-Standorten einsetzen. Etwaige Überkapazitäten werden wir auch außerhalb des Unternehmens zur Verfügung stellen. Deshalb planen wir auch, die Masken für eine externe Nutzung zuzulassen.

Wann könnte die Produktion beginnen?

Die Entwicklung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Ich gehe davon aus, dass die Produktion vermutlich im kommenden Monat starten kann.

Um den Corona-Schnelltest, den Bosch vor kurzem angekündigt hat, ist es ruhig.

Bosch hat den Corona-Schnelltest im März angekündigt und steigert derzeit die Produktionskapazitäten für das Analysegerät Vivalytic und die Testkartuschen am Standort Waiblingen. Dafür sucht Bosch erfahrene Mitarbeiter. Die Geschäftsleitung hat deshalb auch in Feuerbach nachgefragt – und ist auf eine enorme Resonanz gestoßen. Derzeit sind in Waiblingen in dem betroffenen Bereich rund 120 Mitarbeiter tätig.

Ist der Corona-Schnelltest auf dem Markt?

Das Analysegeräte ist bereits im Markt. Auch der neue Schnelltest ist nun verfügbar und kann in medizinischen Einrichtungen wie Kliniken und Arztpraxen eingesetzt werden. Neu ist, dass damit nicht nur innerhalb kurzer Zeit das Coronavirus, sondern neun weitere Atemwegsinfektionen nachgewiesen werden können. Es gibt Überlegungen, solche Geräte auch an verschiedenen Bosch-Standorten einzusetzen. Zunächst allerdings nur an einigen Pilotstandorten.

Dann können sich Mitarbeiter gleich am Arbeitsplatz auf das Virus testen lassen?

Zunächst müssen noch einige Fragen geklärt und verschiedene Regelungen getroffen werden, beispielsweise wie und nach welchen Kriterien Mitarbeiter sich testen lassen können. Darüber reden wir nach Ostern mit der Unternehmensleitung.

Was sind Ihre Themen nach Corona?

Danach werden Themen, die derzeit auf Eis liegen an Bedeutung gewinnen. Dazu gehört vor allem die Transformation.

Was ist da Ihr Anliegen?

Wir haben einmal den Begriff „doppelte Transformation“ geprägt. Zum einen wird es gravierende Veränderungen beim Antriebsstrang geben, zum anderen geht es uns auch um die Digitalisierung. Erst vor kurzem haben wir eine Betriebsvereinbarung zur Qualifizierung abgeschlossen. Vereinbart wurde etwa die Einführung zahlreicher digitaler Lernformate. Und wir haben jetzt Ideen erarbeitet, um die Phase der Kurzarbeit für Qualifizierungen zu nutzen. Auch darüber werden wir mit dem Arbeitgeber reden. Mir ist wichtig, die Produktionsarbeitsplätze langfristig in Deutschland zu halten.

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