Gesprächsformat im Blauen Haus Starker Talk-Auftritt von Ex-Turnerin Kim Bui

Zwischen charmantem Witz und tiefer Ernsthaftigkeit: Die ehemalige Olympia-Turnerin Kim Bui im Gespräch mit Steffen Volkmer. Foto: Langner

Einen spannenden Gästemix hatte Moderator Steffen Volkmer am Montag für seinen Night-Talk im Böblinger Blauen Haus: Neben Schauspieler Ernst Konarek und Brauereichef Werner Dinkelaker beeindruckte Kim Bui mit Einblicken in die dunklen Seiten ihrer Sportkarriere.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Wer Talkshows nur aus dem Fernsehen kennt, erlebt beim Night-Talk im Blauen Haus eine angenehme Überraschung. Anders als bei Markus Lanz oder Maybrit Illner dürfen die Gäste hier einfach mal ausreden. Das liegt allerdings auch daran, dass Moderator Steffen Volkmer sich keine Großkopferten aus Politik und Wirtschaft einlädt, denen man schon aus Prinzip ins Wort fallen muss, weil sie sonst endlos Monologe halten.

 

Volkmers Gäste sind dagegen Menschen wie du und ich – zumindest, wenn man in diese Kategorie Schauspieler, Bierbrauer und Olympiaturnerinnen zählen kann. Denn so sah der Gästemix am Montagabend in dem Kulturnetzwerk auf dem Schönbuch-Bräu-Gelände aus. Hier lädt der Böblinger Journalist und Comic-Redakteur seit mittlerweile fünf Jahren regelmäßig zur Gesprächsrunde.

Viele Gäste sind wegen Kim Bui gekommen

Das Format erinnert durch seine ungezwungene Kneipen-Atmosphäre mit Livemusik-Auflockerungen an die TV-Sendung „Inas Welt“. Mit seinen schwarzen Schuhen, schwarzen Cargo-Hosen und seinem schwarzen Killer-Kaninchen-T-Shirt (eine Anspielung an Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“) hebt der 53-jährige Moderator sich deutlich ab von vergleichsweise austauschbaren Anzugträgern im Fernsehen.

Wie ein Blick in den gut gefüllten Veranstaltungsraum zeigt, kommt diese Art von Talkshow auch in Böblingen gut an. Viele lockte offenbar die Aussicht darauf, die ehemalige Olympiaturnerin Kim Bui aus nächster Nähe zu erleben. Die ehemalige Leistungsturnerin aus Ehningen macht derzeit mit einer Buchveröffentlichung und einer TV-Doku Schlagzeilen.

Bei „Kottan ermittelt“ gab Konarek den Bösewicht

Doch bis Steffen Volkmer zu ihr kommt, muss das Publikum sich noch gedulden. Den Anfang macht der Schauspieler Ernst Konarek. Den 77-Jährigen kennt man in Böblingen als Gastgeber der „Literatur zur Blauen Stunde“. Bei den Leseabenden in der Stadtbibliothek versammelt der charismatische Bühnen- und TV-Darsteller mit seiner humorvoll-einnehmenden Art regelmäßig eine treue Zuhörerschaft um sich.

Was womöglich manche gar nicht mehr wissen: Konarek gehörte von 1976 bis 1983 zur Besetzung der anarchisch-satirischen TV-Serie „Kottan ermittelt“. Die österreichische Krimireihe mit Peter Vogel in der Titelrolle genießt bis heute Kultstatus bei Krimifans. Konarek, der seit Ende der 80er in Malmsheim lebt, spielte hier Kottans verbrecherischen Widerpart. Beim Talk mit Volkmer plaudert Konarek darüber, wie man am Abend nach den Dreharbeiten mit Regisseur Peter Patzak gerne mal im „Heurigen“ eingekehrt sei – mit erheblichen Auswirkungen auf den nächsten Drehtag. „Aber das war Wien – oills ned so schlimm“, verfällt Konarek kurzfristig in den charmanten Schmäh seiner Heimatstadt. Mit seinen süffisanten Anekdoten gewinnt er das Publikum spielend für sich. Der Mann ist eben ein Profi.

Dasselbe gilt für Böblingens Schönbuch-Bräu-Chef Werner Dinkelaker. Der feiert in diesem Jahr mit seinem Familienunternehmen 200-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass bringt die Brauerei zu Ehren des Gründers Carl Gottfried Dinkelacker (damals noch mit „ck“ geschrieben) ein Jubiläumsbier heraus. „Er war mein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater“, sagt Werner Dinkelaker und streckt für die Zählung vier Finger von sich.

Für das 200-Jahr-Bier hat sich der Chef von Böblingens ältestem Unternehmen in Nürnberg auf Spurensuche begeben. Hier hatte sein Vorfahre elf Jahre lang als „Oberknecht“ gearbeitet und die untergärige Brauart gelernt. Das Ergebnis von Dinkelakers Zeitreise in die Familiengeschichte ist ein Rotbier nach Nürnberger Brauart, auf dessen poppig-buntem Etikett das Konterfei des Namensgebers Carl Gottfried zu sehen ist.

Zusammen mit TV-Journalist und Craft-Beer-Brauer Oliver Koblenzer hat Dinkelaker anlässlich des Firmenjubiläums einen Dokumentarfilm über die Firmengeschichte produziert. Dieser soll unter anderem bei einem für 26. und 27. Mai geplanten Jubiläumsfest auf dem Brauereigelände zu sehen sein.

Nach dem süffig-humorvollen Plausch über moderne Biervermarktung und vorindustrielle Braukunst schlägt Steffen Volkmer mit seiner nächsten Gesprächspartnerin zwischenzeitlich einen ernsteren Ton an. Es ist die ehemalige Leistungsturnerin Kim Bui. Die Ehningerin hat an drei Olympischen Spielen, neun Weltmeisterschaften und zwölf Europameisterschaften teilgenommen. Der Moderator und die Sportlerin kennen sich schon von einer der ersten Night-Talk-Runden im Jahr 2018.

Wie schon damals strahlt die 34-Jährige eine charmante Lockerheit und Humor aus. Nach ein paar selbstironischen Witzeleien des Moderators darüber, was sein Köper im Vergleich zu dem der Ex-Turnerin alles nicht kann, führt die Unterhaltung zu dem Buch, das sie gemeinsam mit dem Autoren Andreas Matlé veröffentlicht hat. In der Sportlerbiografie „45 Sekunden“ spricht sie auch über die Schattenseiten ihrer Karriere. Aufhorchen lässt hier – ebenso wie in der aktuellen ARD-Doku „Hungern für Gold“ – der offene Umgang mit der eigenen Essstörung. Die hatte die damals 15-Jährige entwickelt, weil man ihr von Trainerseite suggeriert habe, sie sei „zu fett“.

Kim Bui: „Das Buch ist keine Abrechnung.“

Wie die Ex-Turnerin deutlich macht, war sie damit kein Einzelfall. Bei 42 Prozent der Sportlerinnen und Sportler in ästethischen Sportarten würden Essstörungen auftreten, erklärt sie. „Das heiß, es trifft fast jeden Zweiten. Aber es sind eigentlich noch viel mehr“, verweist sie auf die Dunkelziffer. Kim Bui – damals gerade erst 17 Jahre alt – suchte sich therapeutische Hilfe und schaffte es, die Bulemie zu überwinden.

„Wenn ich nur einen Menschen das Gefühl gebe, dass er damit nicht alleine ist, dann war es das wert“, erklärt sie ihre Motivation dahinter, das für sie so lange schambehaftete Thema öffentlich zu machen. „Das Buch sei allerdings keine Abrechnung mit dem Deutschen Turner-Bund, betont sie. „Ich will einfach nur Dinge ansprechen und den Finger in die Wunde legen“, hofft sie, beim DTB eine Veränderung anzustoßen. Womöglich mit Erfolg: Just an diesem Abend habe sich DTB-Generalsekretär Kalle Zinnkann per SMS bei ihr gemeldet und um ein Gespräch gebeten. „Jetzt bin ich mal gespannt“, sagt sie mit süffisantem Lächeln.

Und wie soll ihr Leben nach dem Turnsport aussehen? „Ich mache eine Ausbildung zum systemischen Coach“, erklärt Kim Bui, die von jetzt an die Hilfe, die sie selbst erfahren habe, an andere weitergeben möchte.

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