Kreis Böblingen - Schon Mama hat geraten: „Hüte dich vor Kälte, die macht krank.“ Im Winter stets dick anziehen, das sollte die Devise sein. „Bei meiner Mutter war es genauso“, nickt Silvana Kolman. Dann schickt sie die entscheidende Ergänzung hinterher: „Aber es stimmt einfach nicht.“ Die Böblingerin muss es wissen. Sie ist eine von 30 Eisbadetrainern nach der Wim-Hof-Methode in Deutschland.
Warmduscher fangen schon an zu bibbern, wenn sie der 50-Jährigen nur zuschauen. Irgendwas zwischen 0,2 und 0,9 Grad zeigt das Laserthermometer beim Ausrichten auf die Wasseroberfläche an. Kein Wunder, schließlich schwimmen zusätzlich 30 Kilo Eiswürfel in dem mit einem Gartenschlauch befüllten Mini-Pool. Silvana Kolman fokussiert kurz, konzentriert sich auf ihre Atmung. Dann steigt sie rein. Ohne eine Miene zu verziehen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Sie lächelt sogar.
Wie Meditation, das macht den Kopf frei
„Wenn ich nach einem anstrengenden Tag ins Wasser gehe, ist das wie Meditation für mich“, beschreibt sie. „Dann sind da nur ich und die Kälte. Das macht den Kopf frei.“ Man sei nur bei sich und habe überhaupt keine Zeit, an Stress zu denken.
Eisbaden ist allerdings nicht nur eine Angelegenheit der Psyche. „Es ist ein physiologischer Prozess“, stellt die Expertin klar. „Die Gefäße ziehen sich zusammen. Dadurch wird Noradrenalin produziert. Man befindet sich in einem Wachzustand. Der Körper setzt Glückshormone frei.“
Erster Kontakt über den Lebensgefährten
Zum ersten Mal kam sie über ihren Lebensgefährten in Kontakt mit dem Eisbaden. Das war auf einer gemeinsamen Reise. In einem fünf Grad kalten Fluss. Fließendes Wasser fühlt sich bekanntermaßen noch kälter an, als es eh schon ist. „Die Absicht, mit der du an die Sache rangehst, ist entscheidend“, betont Silvana Kolman, „tust du es mit Angst oder mit Motivation.“ Bei ihr war es letzteres.
Sie erinnert sich noch gut an die Gedanken, die ihr durch den Kopf schossen, während ihr Partner sie fachmännisch anleitete. „Boah, was mache ich hier?!“, habe sie überlegt. „Man verspürt den Impuls: Ich will hier raus“, räumt die Böblingerin ein. Durch ruhiges und tiefes Ein- und Ausatmen habe sie den Drang allerdings umgehen und über dieses Stadium hinauskommen können.
Lehrmeister Wim Hof hält etliche Weltrekorde
Seither hat sich viel getan. Silvana Kolman absolvierte ebenfalls eine Wim-Hof-Instructor-Ausbildung – als nur eine von zwei Frauen in Deutschland. Wim Hof – auch bekannt unter dem schönen Spitznamen „The Iceman“ – hält etliche Weltrekorde im Ertragen extremer Kälte. Alles nur durch eine von dem Niederländer selbst entwickelte Atemtechnik.
Das Wissen darüber gibt Silvana Kolman inzwischen in eigenen Workshops weiter. Der nächste davon findet am 4. Dezember statt. Erneut im Pink Power in Böblingen, wo die Icelady selbst seit gut 20 Jahren Mitglied ist. „Ein tolles Studio, immer offen für neue Sachen“, schwärmt sie.
Dagmar Schlecht vom Pink Power ist begeistert
Dessen Leiterin Dagmar Schlecht hat das Eisbaden ebenfalls für sich entdeckt. „Wir suchen in einer Zeit mit hitzigen Debatten immer Dinge, bei denen wir den Geist abkühlen und mit wertvollem Input füttern können“, war die Pinki-Chefin dankbar, dass Silvana Kolman auf sie zukam. Dagmar Schlecht hat schon immer gern in Bergseen gebadet. „Doch das ist kein Vergleich zu dieser Hölle“, deutet sie mit einem bittersüßen Schmunzeln auf den hellblauen Mini-Pool, in dem immer noch die Eiswürfel schwimmen.
Dennoch lässt sie es sich nicht nehmen, ebenfalls ein weiteres Mal hineinzusteigen. Ihr Gesichtsausdruck ist nicht ganz so locker wie der ihrer Lehrerin zuvor, aber sie zieht das beeindruckend souverän durch. „Zellen haben ein Gedächtnis“, erläutert Silvana Kolman, „und die haben sich gemerkt, dass es beim ersten Mal super geklappt hat.“
Und danach eine warme Dusche oder ein heißer Tee zur Belohnung? Silvana Kolman schüttelt entschieden den Kopf
Während ihrer eintägigen Workshops nimmt sich die 50-Jährige viel Zeit für die Neulinge. Bevor diese komplett in die Eiseskälte eintauchen, sind erst einmal Arme und Beine dran. Ist danach schon mal jemand abgesprungen? „Eher umgekehrt“, verneint Silvana Kolman. „Viele sagen am Anfang, sie gehen da bestimmt niemals rein, tun es letztlich aber doch.“
Klar, die spontanen Reaktionen auf das Premierenbad sind natürlich nicht immer entspannt. „Manche schreien, andere fangen an zu schimpfen“, lacht die Expertin, „denn die ersten 20 Sekunden sind schon heftig.“ In diesen Situationen greift sie ihren Schülern unter die Arme. Beruhigt sie. Leitet sie an. Hilft beim Finden der ruhigen Atmung. Denn die sei das A und O. „Und wenn sie dann nach zwei Minuten rauskommen, sieht man ihnen die Glücksgefühle an.“
Danach nicht einfach losjoggen, sonst droht der Afterdrop
Jetzt vielleicht eine warme Dusche und ein heißer Tee als Belohnung? Silvana Kolman schüttelt den Kopf. „Das würde nichts bringen, weil das Blut abgekühlt ist.“ Unmittelbar danach sollte der Körper anders wieder angeheizt werden. Mit dem sogenannten Horse Stance. Leicht in die Hocke gehen, den Oberkörper abwechselnd drehen, durch die Nase ein-, durch den Mund ausatmen. Zehn bis 15 Minuten lang.
Übertreiben sollten es Eisbader mit dem Aufwärmen allerdings auch nicht. „Wenn man einfach losjoggt, kann das zu Kreislaufproblemen führen“, warnt Silvana Kolman. „Das warme Blut hat sich in den Körperkern zurückgezogen, das kalte befindet sich in den Extremitäten“, fügt sie hinzu. „Wenn sich das zu schnell mischt, könnte der sogenannte Afterdrop eintreten. Man sitzt da, friert und zittert unkontrolliert. Das ist nicht so lustig.“
Wer interessiert ist, kann es als Test zu Hause mit Wechselduschen versuchen
Sowieso rät sie dringend dazu, nicht unvorbereitet loszulegen. Erst informieren. Über Bücher zum Beispiel. Oder auch das Internet. „Wer interessiert ist, kann es ja mal als Test zu Hause mit Wechselduschen probieren, dabei kontinuierlich die Zeiten mit kaltem Wasser steigern“, schlägt Silvana Kolman vor.
Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kann sich schließlich bei ihr für einen Workshop anmelden – und sich dort davon überzeugen lassen, Mamas Ratschlag von einst endgültig ins Reich der Fabeln zu verbannen.
Eisbaden nach der Wim-Hof-Methode
Körperliche Vorteile
Die Kälte ist ein ideales Instrument, um die Durchblutung zu fördern, das Immunsystem zu stärken und den Schlaf zu verbessern. Außerdem wirkt das regelmäßige Eisbaden entzündungshemmend. So kann beispielsweise Arthritis in den Gelenken gelindert und eine Operation verhindert werden. „Außerdem wird man kälteresistent und spart im Winter Heizkosten“, lacht Silvana Kolman.
Mentales Training
Die Atemtechnik nach der Wim-Hof-Methode, die die Böblingerin für ein Eisbad lehrt, hilft auch dabei, in sonstigen Stresssituationen Ruhe zu bewahren. Außerdem ist das Hochgefühl nicht zu unterschätzen, sich getraut zu haben. „Man denkt sich: Wenn ich hier über meinen Schatten gesprungen bin, dann kann ich das auch bei allen anderen Dingen im Leben schaffen.“
Nicht ad hoc loslegen
Nicht jeder Mensch bringt die Voraussetzung für ein Bad in der Nähe des Gefrierpunktes mit. Kontraindikationen sind beispielsweise zu hoher Blutdruck, Herzprobleme, Epilepsie, Schwangerschaft oder das Raynaud-Syndrom. „In diesen Fällen sollte man zumindest mit Vorsicht an die Sache rangehen“, betont Silvana Kolman.
Andere coole Methoden
Kältetraining besteht nicht nur aus Eisbaden oder kalten Duschen, sondern auch aus Barfußläufen im Schnee oder dem Meditieren/Atmen in einer weißen Winterlandschaft. „Wir steigen auch in kurzen Sachen auf Berge“, nennt Silvana Kolman ein weiteres Beispiel.
Workshop im Pink Power
Ihren nächsten eintägigen Workshop im Pink Power in Böblingen gibt die 50-Jährige am 4. Dezember. Nähere Informationen und eine Kontaktmöglichkeit finden sich unter http://www.back2elements.de/ im Internet.