Geweihe aus Kernen im Remstal Ein Nietenschädel für die Domina

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Bisher ist Rolf Miess aus Kernen nur einmal gescheitert. Für ein Dominastudio wollte eine Kundin ein mit Latex überzogenes Geweih, was aber nicht klappte. Stattdessen nahm er verchromte Nieten. Seitdem haben sich die Hardcore-Modelle seiner Geweih-Manufaktur zum Verkaufsschlager entwickelt.

Rolf Miess bemalt und lackiert seit einigen Jahren Geweihe. Seine nebenberuflich betriebene Geweih-Manufaktur erfreut sich so großer Beliebtheit, dass er mit den Aufträgen kaum hinterher kommt. Foto: Gottfried Stoppel 11 Bilder
Rolf Miess bemalt und lackiert seit einigen Jahren Geweihe. Seine nebenberuflich betriebene Geweih-Manufaktur erfreut sich so großer Beliebtheit, dass er mit den Aufträgen kaum hinterher kommt. Foto: Gottfried Stoppel

Kernen - Bisher ist Rolf Miess erst einmal gescheitert. Eine Kundin wollte, dass er ein Geweih mit Latex überzieht. „Ich habe es zwar ausprobiert, aber wegen der Struktur des Geweihs hat das nicht richtig funktioniert“, erzählt er. Ersatzweise schlug er der Kundin vor, die Hirschstangen mit Klavierlack anzumalen, damit sie einen schönen Glanz bekommen. Und weil das gute Stück in einem Dominastudio aufgehängt werden sollte, besetzte er den Schädel mit verchromten Nieten. Die Hardcore-Modelle haben sich mittlerweile zu einem Verkaufsschlager entwickelt. Beliebter sind nur die Glamourgeweihe, die mit Blattgold überzogen und mit Swarovski-Strass-Steinchen besetzt sind. Zum Leidwesen von Rolf Miess, denn diese Aufträge bedeuten jede Menge Arbeit: „Ich sitze bestimmt zwölf Stunden dran, um einen Schädel mit Strass-Steinchen zu besetzen“, erzählt der 36-Jährige. Und das nach Feierabend. Denn auch wenn der Bankkaufmann aus Rommelshausen mittlerweile etwa 20 Stunden pro Woche in seine Geweih-Manufaktur investiert, ist diese eigentlich nur ein Hobby.

Angefangen hat alles mit ein paar kleineren Geweihen, die ihm sein Onkel – ein Jäger – geschenkt hatte. „Ich hatte noch ein paar auf dem Flohmarkt dazu gekauft, aber die lagen alle nur im Keller“, erzählt Rolf Miess. Dann besuchte der Bankmitarbeiter eine alte Dame, um ihr bei finanziellen Dingen zu helfen. „Sie hatte ein tolles Hirschgeweih an der Wand hängen, das ich gerne mitgenommen hätte.“ Die betagte Frau wollte das Andenken an ihren Mann nicht hergeben, versprach Rolf Miess aber, es ihm zu vererben. „Eines Tages meldete sich ihre Tochter bei mir. Die Dame war gestorben und hatte mir tatsächlich das Geweih vermacht.“ Diese Geste rührte ihn so, dass er das Geweih unbedingt aufhängen wollte. „Aber es hat nicht zu meiner modernen Wohnung gepasst.“ Also kam er auf die Idee, das Erbstück zu verändern. Er lackierte es mit goldener Farbe, malte das Brett weiß an und besetzte den Schädel mit Strass-Steinchen. „Als es hing, hat mich jeder gefragt, woher ich das habe“, erzählt er. Und so kam es, dass er zunächst für Freunde und Bekannte die im Keller gelagerten Geweihe bemalte, lackierte und besprühte. „Es hat mir einfach Spaß gemacht, ein typisch deutsches Symbol so zu verändern, dass ein Eye-Catcher entsteht.“ Wichtig ist ihm allerdings, dass das Geweih immer noch als Geweih zu erkennen ist und durch ihn nicht völlig verfremdet wird.

Auch die High-Society in Kitzbühel steht auf seine Geweihe

Durch verschiedene Messen wurden die Werke von Rolf Miess immer bekannter. Die Bandbreite seines Tuns kann man sich in seiner eben erst bezogenen Chalet-Chic-Residenz anschauen. Etwa 1000 Geweihe warten dort darauf, dass Rolf Miess sie in seiner kleinen Werkstatt be- oder verarbeitet. „Die meisten Sachen sind Auftragsarbeiten“, sagt er. Gerade eben sitzt er an einer Garderobe, die mit drei kleinen Geweihen verziert wird. Eine fünfköpfige Familie hat eine ganze Wagenladung bei ihm bestellt: zwei kleine Geweihe pro Kind, ein großes Hirschgeweih für die Eltern und eines mit Haken für das Badezimmer. Ein riesiges Rothirschgeweih in Gold hat er gerade eben an einen Optiker in Hamburg geliefert. „Das Tolle an der Manufaktur ist, dass ich so unterschiedliche Menschen kennenlerne“, erzählt er. Miess war vergangenen Sommer mit seinen Geweihen bei einem Golfturnier der High Society in Kitzbühel, er hat Läden und Cafés mit eingerichtet – unter anderem Timo’s Bar in Schorndorf. „Weil es sich dabei um einen Gewölbekeller handelt, kann man keine Bilder aufhängen, aber Geweihe.“

Ebenso spannend sind oft die Geschichten, wie er an das Rohmaterial für seine Bastelarbeiten kommt. Rolf Miess arbeitet zwar mit Händlern zusammen, manchmal melden sich aber auch Privatleute bei ihm. In seiner Manufaktur hat er momentan etwa 150 Jahre alte Geweihe aus Afrika hängen. „Die hat mir eine 82 Jahre alt Münchnerin überlassen. Ihr Vater und Großvater haben die Geweihe von der Großwildjagd mitgebracht.“ Auf dem Boden liegen große Rothirschgeweihe, auf deren Schädel das Abschussdatum aufgemalt ist: 18.9.1971. „Das sind Stücke aus einer Sammlung der Familie Bogner. Ein Freund von mir hat sich gleich ein Geweih gesichert, weil er Fan der Mode ist“, erzählt Rolf Miess. Das größte Exemplar, das je in seinen Händen war, hat übrigens zu Herbert gehört – einem kanadischen Elch. „Allein der Kopf hat 1,20 Meter in den Raum hinein geragt. Das riesige Teil schmückt ein Autohaus, in ein Wohnzimmer würde es nicht passen.“

Obwohl seine Manufaktur für einen Nebenerwerb schon fast zu gut läuft, scheut sich Rolf Miess bisher noch davor, sein Hobby zum Beruf zu machen. „Ich habe gerade erst wieder darüber nachgedacht, ob ich das machen soll. Aber ich bin ein zu sicherheitsbewusster Mensch, außerdem macht mir mein Hauptberuf auch viel Spaß“, sagt er. Dafür hat er jetzt eine Aushilfe eingestellt, um die ganze Arbeit bewältigen zu können. Negative Reaktionen hat er bisher übrigens noch nie bekommen. Nicht von Tierschützern und auch nicht von den Jägern. Im Gegenteil, er wird regelmäßig zur Kreisjägervereinigung Esslingen eingeladen, um dort seine Sachen zu zeigen. „Die haben immer weniger Nachwuchs, vielleicht will man sich dadurch auch moderner zeigen.“