Gewerbe in der Region Warnung vor einem Exodus der Firmen

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Walter Rogg von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart sieht die Gefahr, dass viele Unternehmen abwandern, weil sie ihren Betrieb nicht erweitern können. Ein aufstrebender Etikettenhersteller, einst in Ehningen ansässig, bleibt da.

Viel Platz bietet die Immobilie  in Nufringen. Marketingchef Franz Schmiedecker freut sich, dass seine Firma CCL Design Stuttgart nach langer  Suche fündig geworden ist. Foto: factum/Weise
Viel Platz bietet die Immobilie in Nufringen. Marketingchef Franz Schmiedecker freut sich, dass seine Firma CCL Design Stuttgart nach langer Suche fündig geworden ist. Foto: factum/Weise

Nufringen - Wir befanden uns in einer Sackgasse“, berichtet Franz Schmiedecker, Marketingleiter bei CCL Design Stuttgart. Ein Jahr lang hätte der Etikettenhersteller vergeblich nach einer Möglichkeit gesucht, um den Betrieb zu vergrößern. Der bisherige Standort Ehningen war zu klein geworden. Seine Firma hatte Glück und wurde schließlich in Nufringen fündig. „Die Lage bei den Erweiterungsflächen ist dramatisch schlecht“, stellt Walter Rogg fest, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS). In der Boom-Region rund um Stuttgart hätten die Firmen oft keine Chance, zu expandieren.

Daimler produziert Batterien für E-Autos in Sachsen

Das sei fatal, erklärt Rogg und nennt ein prominentes Beispiel. Die Firma Daimler baute Batteriefabriken für Elektroautos in Sachsen und will nun auch ein Werk in Thailand errichten. Erwägungen, die Stromspeicherzellen anstelle der Sitzproduktion auf der Böblinger Hulb zu fertigen, wurden verworfen. „Sonst hätte Daimler für sein Sindelfinger Werk keine Sitze mehr vor Ort herstellen können“, sagt der WRS-Chef. Laut den ihm vorliegenden Erhebungen lag die Nachfrage nach Gewerbeflächen in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt bei 160 Hektar jährlich. Für den gesamten Zeitraum mache das 800 Hektar aus. „Die Städte und Gemeinden konnten jedoch insgesamt nur etwa hundert Hektar Expansionsfläche bieten“, sagt Rogg.

Das mangelnde Angebot an Alternativen hatte auch das aufstrebende Unternehmen CCL zu spüren bekommen, das in seiner Ehninger Firmenzentrale über 2500 Quadratmeter verfügte. Der Hersteller von hochwertigen Etiketten, die für Elektrogeräte bis hin zur Fluchtwegemarkierung verwendet werden, von Etikettieranlagen sowie von Druck- und Lesesystemen, wich an zwei weitere Standorte in der Gemeinde aus, wo es weitere 1500 Quadratmeter nutzen konnte. Für CCL war dies auf Dauer aber nicht zufriedenstellend und ziemlich unwirtschaftlich. „Unsere Berechnungen, uns am Hauptsitz zu vergrößern, hatten nicht zum gewünschten Ergebnis geführt“, erklärt Schmiedecker.

Folgen für die weitere technologische Entwicklung

Im November 2017 war CCL dann auf den Gebäudekomplex in Nufringen gestoßen, der leer stand, weil ein Hersteller von elektronischen Sensoren dicht gemacht hatte. Der Erwerb der Immobilie wurde über die Kreissparkasse Böblingen abgewickelt, die zuletzt immer weniger Gewerbe-Immobilien im Angebot hatte. Konnten im Jahr 2017 noch 45 Objekte vermittelt werden, so waren es im vorigen Jahr nur noch 38. „Im Produktions- und Logistikgewebe sind Hallenflächen auch bei uns im Kreis Böblingen rar“, stellt Uwe Nageler fest, der Leiter des Immobilienvertriebs der Sparkasse. Dasselbe gelte auch für freie Büroflächen. Im Ballungsraum Böblingen/Sindelfingen sei die Leerstandsquote zuletzt unter zwei Prozent gesunken.

Der Wirtschaftsförderer Rogg schlägt deshalb Alarm. Wenn man hiesigen Firmen kaum etwas anbieten könne, stehe ein Exodus bevor: „Wir könnten viele verlieren.“ Das hätte Folgen, wenn man bedenke, dass es künftig um die weitere technologische Entwicklung von Industrie 4.0 gehe, die Produktion von Elektroautos und die Systeme für das autonome Fahren. „Davon hängt ganz viel ab, wenn wir weiterhin eine führende Automobilregion bleiben wollen“, unterstreicht Rogg. Innovative Unternehmen auch der IT-Branche benötigten dringend erschwingliche Produktionsstätten und Büros. Wegen der rasant gewachsenen Nachfrage seien aber auch die Miet- und Kaufpreise teilweise enorm gestiegen.

Begreifen, was die Stunde geschlagen hat

„Wir müssen begreifen, was die Stunde geschlagen hat“, warnt Rogg. „Wir müssen offen, ehrlich und mutig sein.“ In den Kommunen müsste rasch mehr Gewerbefläche geschaffen werden: „Sonst werden wir das Nachsehen haben.“

Immerhin: Die Firma CCL ist der Region erhalten geblieben. Sie investierte am neuen Standort sechs Millionen Euro und passte ihn an seine Anforderungen an. „Eigentlich ist uns der Gebäudekomplex mit 7500 Quadratmetern zu groß erschienen“, erklärt Schmiedecker. Der Vorteil sei aber, dass man künftig erweitern könne.




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