Gewerkschaftschef Jörg Hofmann Der Meistersinger der IG Metall

Mächtig und gut verdrahtet: IG-Metall-Chef Hofmann Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Der Schwabe Jörg Hofmann steht vor vier weiteren Jahren als Vorsitzender der IG Metall. Ein sehr gutes Wahlergebnis beim Bundeskongress in Nürnberg scheint ihm sicher, nachdem er den Einfluss der Gewerkschaft noch vergrößert hat.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Nürnberg - Der Unterschied ist bezeichnend: Mehr als 110 Minuten hat der charismatische Frank Bsirske, da noch Verdi-Chef, für seinen letzten, umjubelten Rechenschaftsbericht neulich in Leipzig benötigt. Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall, beschränkt sich hingegen beim Gewerkschaftstag in Nürnberg auf 25 Minuten, in denen er die zentralen Botschaften unterbringt. Das passt zu ihm, verfährt er doch nach der Devise: nur nicht mehr Wirbel um die eigene Person machen als unbedingt nötig. Große Showeffekte sind dem Schwaben ein Gräuel.

 

Verkörperte der einst von der Gemeinde hoch geschätzte Vorsitzende Berthold Huber noch das Herz der IG Metall, so ist Hofmann ihr Hirn. Kühl kalkulierend und lediglich mit einem Mindestmaß an Emotion steuert er die größte Gewerkschaft der freien Welt zielsicher durch die schwierigen Zeiten. Aber auch „der Jörg“ hat die Wertschätzung der Seinen gewonnen, so dass einer zweiten Amtszeit nie etwas im Wege stand. Alles andere als ein Wahlergebnis von mehr als 90 Prozent an diesem Dienstag wäre eine große Überraschung.

Bundesarbeitsminister ist ein wichtiger Gefährte

Immer mehr Zeit verbringt Hofmann in der Berliner Dependance der IG Metall – auch an Wochenenden. Dies hat den Nebeneffekt, dass der Fußballfan seine seit vielen Jahren verlängerte Dauerkarte bei Heimspielen des VfB Stuttgart immer seltener selbst nutzen kann. Doch die Gewerkschaft profitiert von seiner Dialogfähigkeit gegenüber den Mächtigen. Nie hatte die IG Metall mehr Einfluss als derzeit, da sie auch mit dem Bundesarbeitsminister ein aufgeschlossenes Gegenüber hat: Kommt die Rede auf das IG-Metall-Mitglied Hubertus Heil (SPD), der immer wieder neue Forderungen der IG Metall zu seinem politischen Programm erhebt, kann sich auch Hofmann ein Lächeln der Genugtuung nicht verkneifen.

Ein Beispiel ist das Transformations-Kurzarbeitergeld, das den Beschäftigten mit Weiterbildung die Chance auf Arbeit erhalten soll, wenn der alte Job dem Strukturwandel zum Opfer fällt. Das Transfer-„KUG“ ist Hofmanns Idee, wie so viele andere gesetzes- und tarifpolitische Initiativen zuvor. „Wir haben dazu seit Beginn des Jahres sehr erfolgreiche Lobbyarbeit betrieben“, lobt sich der Vorsitzende auf der Bühne. Heil habe „die wesentlichen Eckpunkte aufgegriffen und wird sie in Kürze ins Kabinett bringen“. Auch nationale Plattformen von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft wie die Zukunft der Mobilität oder Industrie 4.0 wären ohne das Engagement der IG Metall nicht denkbar. Hofmann war schon vor der Übernahme des Vorsitzes im Jahr 2015 gut verdrahtet mit den Mächtigen von Union und SPD – dieses Netzwerk hat er noch perfektioniert und nach Brüssel ausgeweitet, wo immer öfter die Musik spielt.

Verhältnis zum Gesamtmetall-Chef auf Tiefpunkt

Getrübt wird der Ruf des durchsetzungsfähigen Pragmatikers vom eisigen Verhältnis zu seinem Pendant bei den Arbeitgebern, Gesamtmetallpräsident Rainer Dulger. Dies hat mit dem Stuttgarter Tarifabschluss 2018 zu tun, der im Arbeitgeberlager „offene Wut“ erzeugt hat, wie es dort heißt. Hat es Hofmann übertrieben? In der Folge gerieten auch die Verhandlungen über eine 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland unter die Räder. „Wenn Gesamtmetall den Flächentarif im Osten aus ideologischer Borniertheit opfert und sich damit als Verband selbst entleiben will, dann werden wir sie nicht davon abhalten können“, ätzt der Gewerkschafter. Er selbst werde im Drang nach einer Angleichung der Arbeitszeit Ost aber „nicht lockerlassen“. Gemeint ist, dass er sich schon wenige Tage nach dem Gewerkschaftskongress mit Dulger zusammensetzen will, um den Streit rational zu lösen statt im „Häuserkampf“ in den Betrieben.

Hofmann beherrscht die Krawallrhetorik, weiß aber zugleich, wann er einlenken muss, um zu Ergebnissen zu kommen. Nur wenn es gegen die Rechten geht, bleibt der Sozialdemokrat eindeutig. Schon auf dem Gewerkschaftstag 2015 hatte er die Parole ausgegeben „Wer hetzt, der fliegt“. Dies habe einen „Shitstorm der Rechten“ ausgelöst, der sich jüngst wiederholt hätte, schildert er. „Aber da ist nichts zu korrigieren: Wer hetzt, der fliegt aus dem Betrieb und aus der IG Metall.“ Damit trifft er den Nerv. „Wir haben in der Organisation ein Problem, um das man sich kümmern muss“, mahnt einer der gut 480 Delegierten mit Blick auf den Zuspruch für die Rechten an der Basis.

Wer die Nachfolge antreten kann, ist offen

Jörg Hofmann ist kein Mann für die Talkshows. Für ihn zählt Kompetenz statt Geschwätzigkeit. Er ist ein Detailversessener, der sich nicht scheut, seine Mitarbeiter in Tagesrandzeiten um Unterstützung zu ersuchen. Nicht wenige, die ihn in seiner Zeit als Bezirksleiter in Stuttgart begleitet haben, tun dies nun in Frankfurt. Der Esslinger neigt dazu, einen kleinen Kreis von Vertrauten um sich zu scharen und Misstrauen gegenüber all jenen zu zeigen, die er nicht so sehr im Griff hat.

64 Jahre alt wird Hofmann Anfang Dezember. Folglich wird er seine Zeit bis zum Ende des 67. Lebensjahres voll auskosten, bevor die Metaller beim nächsten Bundeskongress 2023 in Frankfurt eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger küren. Wer dann die größten Chancen hat, die Vize Christiane Benner, der Stuttgarter Bezirksleiter Roman Zitzelsberger oder gar der Hauptkassierer Jürgen Kerner – das ist noch nicht klar auszumachen. Eine Frage wird sein, ob der traditionelle Männerladen dann schon bereit ist für eine Frau an der Spitze. Noch wichtiger dürften die Eigenschaften Verlässlichkeit und Berechenbarkeit sein. „Man braucht einen an der Spitze, der das Vertrauen der Leute hat“, sagt ein früherer Vorsitzender. Und dann ist da noch die Frage, wen Hofmann selbst für geeignet hält. So wie er seine eigene Karriere mit strategischer Weitsicht vorangetrieben hat, so dürfte er auch die Zeit nach ihm einleiten wollen.

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