Gil Shaham beim SWR Symphonieorchester Kredit für eine Geige

Diese Hände können zaubern: der Geiger Gil Shaham. Foto: SWR-Presse/Bildkommunikation

War er ein Wunderkind? Nein, sagt der Geiger Gil Shaham, der bereits als Zehnjähriger mit Orchester auftrat. Heute gebe es Kinder, die wirklich perfekt spielten. Als Artist in residence ist Shaman mit dem SWR Symphonieorchester verbunden und nun häufiger in Stuttgart zu erleben.

Stuttgart - Wer war das größte Wunderkind der Musikgeschichte? Wenn es nach Gil Shaham geht, könnte es Erich Wolfgang Korngold sein. Der, so Shaham, habe als Elfjähriger in Wien Richard Strauss’ „Elektra“ gehört und danach die ganze Oper aus dem Gedächtnis auf dem Klavier nachgespielt.

 

Am Donnerstag und Freitag wird Gil Shaham mit dem SWR Symphonieorchester Korngolds Violinkonzert spielen, eines seiner wenigen Werke, die gelegentlich auf Konzertprogrammen zu finden sind. „Ich halte es für ein großes Meisterwerk“, sagt Shaham. „Korngold meinte, der Geiger solle es spielen, als wäre er Caruso.“ Und das treffe den Punkt. „Dieses Stück lässt die Geige singen.“ Gelernt hat es Shaham, der in dieser Saison artist in residence des SWR-Orchesters ist, bereits mit 16 Jahren. Gil, du musst das Konzert von Korngold lernen, habe der Dirigent Yuri Ahronovitch zu ihm gesagt. Shaham war damals Student in New York, und die Aussicht, es dann mit dem Jerusalem Symphony Orchestra zu spielen, war verlockend. Ein Jahr hat es gedauert, bis er das Stück konnte, doch dann wurde das Konzert abgesagt. Umsonst geübt? Keineswegs, sagt Shaham. Er habe sich in das Stück verliebt, in dem Korngold, der während der Nazidiktatur nach Amerika emigrierte und dort als Filmmusikkomponist große Erfolge feierte, Melodien aus vier seiner Filmmusiken verwendet hat. 1994 hat es Shaham mit André Previn als Dirigenten eingespielt, seitdem führt er es regelmäßig immer wieder auf.

Gil Shaman lebt mit Frau und Kindern in New York

Wie vieles ist diese Werk eine Herzenssache für den 46-Jährigen, der einem im Gespräch mit einer liebenswürdigen Freundlichkeit begegnet, wie man sie selten erlebt. Schwer vorstellbar, aus seinem Mund jemals irgendeine Art von Missbilligung zu hören. Auch jede Form von Eitelkeit scheint ihm fremd. Ob er, der bereits als Zehnjähriger als Solist mit Orchester auftrat, ein Wunderkind war? Keineswegs. Heute gebe es Zehnjährige, die wirklich perfekt spielten, er habe eben jeden Tag mehrere Stunden geübt, ganz ohne Druck. „Ich habe das gern gemacht.“

Geboren wurde Shaham im US-Bundesstaat Illinois. Als er zwei Jahre alt war, wanderten seine Eltern nach Israel aus, um sieben Jahre später wieder in die USA zurückzukehren, nach New York, wo er heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt. Seine Frau ist ebenfalls Geigerin, kennengelernt haben sie sich an der Juilliard School of Music in New York, wo Shaham bei der berühmten Violinpädagogin Dorothy DeLay studierte. Von einer Heirat mit einer Mitstudentin wurde ihm freilich abgeraten.„Ich gebe euch einen Rat,“ so habe Peter Pastreich, der Direktor des San Francisco Symphony Orchestra die Studenten gewarnt: „Heiratet niemals einen anderen Musiker!“ Gil Shaham lacht. Er habe Pastreich nie nach dem Grund dafür gefragt, wohl habe der schlechte Erfahrungen gemacht. Seine Frau hat Shaham dann trotzdem geheiratet. „Und das war eine großartige Entscheidung. Wir führen ein so spezielles Leben als Geiger, und es ist schön, diese Erfahrungen mit seinem Partner teilen zu können.“

Rund 50 Konzerte spielt er im Jahr

Gil Shaham ist ein Familienmensch, der sich seiner Privilegien als Musiker bewusst ist. Um die 50 Konzerte spielt er im Jahr, dennoch könne er viel mehr Zeit zuhause verbringen als die meisten anderen berufstätigen Eltern. Was sich geändert hat, nachdem er Vater geworden ist? „Alles“, sagt Gil Shaham. „Die Welt ist eine andere, seit mein erstes Kind auf der Welt ist. Und ehrlich gesagt: ich weiß gar nicht mehr, wie es vorher war.“

Er übt seitdem etwas weniger, aber die private Zeit mit seinem Instrument schätzt er dafür mehr als früher. Lorin Maazel, der große Dirigent, habe ihm einmal gesagt: Gil, du wirst sehen, je älter du wirst, desto mehr genießt du die Musik. Jetzt, so Shaham, beginne er zu verstehen, was er damit gemeint habe.

Gern erzählt Shaham, wie er an seine Geige gekommen ist, eine Stradivari aus dem Jahr 1699, die sogenannte Comtesse de Polignac. Er war gerade mal 18, da bekam er sie von einem Geschäftsmann aus Chicago, der junge Künstler förderte, geliehen. Ein Jahr durfte er darauf spielen, dann sagte ihm der Besitzer, er wolle die Geige verkaufen und räumte Gil das Vorkaufsrecht ein. Der fragte bei Banken an, doch keine wollte ihm Geld leihen. Doch dann erinnerte er sich an den schweizerischen Bankbesitzer, den er zwei Jahre zuvor anlässlich eines Konzerts in Zürich kennengelernt hatte und der ihm finanzielle Hilfe angeboten hatte, wenn es nötig sei. Shaham rief den Banker an. Und bekam den Kredit.

Auf die Zusammenarbeit mit dem SWR Symphonieorchester angesprochen, kommt Gil Shaham ins Schwärmen. Es sei ein Traum, hier in Stuttgart zu sein und mit diesem Weltklasseorchester zu musizieren. Das sei, wie wenn man als Fußballer bei Real Madrid spiele. Das dürfte man gerne hören beim SWR.

Konzert an diesem

Am 8. Februar spielt das SWR Symphonieorchester unter Leitung von Lorenzo Viotti Werke von Claude Debussy, Erich Wolfgang Korngold und Igor Strawinsky mit Gil Shaham als Gast.)

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