Gipfel-Streit mit Reinhold Messner Ein Lörracher spaltet den Profi-Bergsport

Der Bühler Ralf Dujmovits, hier am Mount Everest, ist der erste Deutsche, der alle 14 8000er der Welt bestiegen hat. Foto: Ralf Dujmovits/Bruno Hufschmid

Berg-Chronist Eberhard Jurgalski aus Lörrach spricht einigen der berühmtesten Bergsteiger den Gipfel ab, weil sie den exakt höchsten Punkt am Berg verfehlten. Sein Streit mit Reinhold Messner geht um die Welt. Dabei liegt das Problem woanders.

An einigen Stellen versinkt Ralf Dujmovits bis zu den Hüften im Schnee. Zu dritt bahnen sie den Pfad für seine Expeditionsgruppe in Richtung Gipfel. Die Neuschneemassen am Manaslu in Nepal haben auch seinen Meteorologen überrascht – Lawinengefahr. 15 Jahre ist das jetzt her, doch der Profi-Bergsteiger aus dem Schwarzwald erinnert sich gut.

 

Noch fast 1000 Höhenmeter sind es damals zum Gipfel und Dujmovits zweifelt: Soll er die Gruppe umdrehen lassen? Zehntausende Euro bezahlen Expeditionsteilnehmer für einen Trip auf einen 8000er. Sie zahlen, damit ihr Führer sie auf den Gipfel bringt – und sicher wieder runter. An diesem Tag ist keine andere Gruppe am Berg, sagt er. Dujmovits muss eine Entscheidung treffen.

Bei 20 Grad minus sichert Dujmovits die Gruppe

Als er die Gruppe zum Gipfelgrat anführt, wird es langsam Tag. Vorsichtig stapfen sie über den Wechtengrat, kein falscher Schritt jetzt, keine darf brechen. Der Wind wirbelte Eiskristalle auf, sagt Dujmovits. Spindrift nennen sie das am Berg, miese Sicht. Am Gipfel sichert Dujmovits einen Teilnehmer nach dem anderen auf den letzten Metern zum höchsten Punkt.

Zwei Stunden sind es bestimmt, sagt Dujmovits, in denen er bei 20 Grad minus in Schnee und Wind steht, Knoten knüpft, bis das Rauf und Runter endlich vorbei ist. Doch in diesem Moment als er mit seiner Gruppe ganz oben auf dem Manaslu steht, fühlt Ralf Dujmovits nur eines: „Unbändige Freude“.

Der Bühler Bergsteiger und Expeditionsführer Ralf Dujmovits ist der erste Deutsche, der alle 14 8000er bestiegen hat. Foto: Ralf Dujmovits/Nancy Hansen

Neben dem Manaslu gibt es 13 Berge auf der Welt, die höher sind als 8000 Meter. Mount Everest, Annapurna, Dhaulagiri, K2 – ihre Namen sind verbunden mit den sonnenverbrannten Gesichtern der strahlenden Bezwinger. Aber auch mit jenen der Bergsteiger, die beim Gipfelversuch starben. So wurden die Namen derer, die alle 8000er bestiegen haben, zu Legenden. Allen voran der Erste: Reinhold Messner.

Als Ralf Dujmovits im Mai 2009 auf dem Gipfel des Lhotse steht, wird auch er Teil dieses Zirkels von etwa drei Dutzend Menschen. Der Bühler ist der erste Deutsche. Es ist ein Rekord für die Ewigkeit, zwölf Jahre später ist er weg. Zumindest glauben das viele, als eine Tabelle von Eberhard Jurgalski um die Welt geht.

Jurgalski hat Legenden des Bergsteigens den Gipfel aberkannt

Nur drei Namen stehen in der Tabelle, als Eberhard Jurgalski sie im Juli 2022 auf seine Webseite stellt. Es sind die Namen der drei Bergsteiger, die laut den Nachforschungen von ihm und seinem Team zweifelsfrei auf allen 8000er-Gipfeln gestanden haben. Bei allen übrigen hingegen, die diese Leistung für sich reklamieren und die Jurgalski bisher in seiner Tabelle führte, fand er Hinweise, dass sie bei mindestens einem der Berge den geografisch höchsten Punkt verfehlten – und damit für Jurgalski und Kollegen auch den Gipfel.

Ralf Dujmovits steht nicht in der Tabelle. Mit ihm sind es 32 Namen, die Jurgalski und Kollegen gestrichen haben. Sie haben Namen gestrichen, die im Bergsport Göttern gleichen: Jerzy Kukuczka, Erhard Loretan, Reinhold Messner. Und vielleicht lag es vor allem an diesem großen Namen Messner, dass die Tabelle von Eberhard Jurgalski, Berg-Chronist aus dem beschaulichen Lörrach, eine weltweite Lawine lostrat.

Jahrelang sucht ein Team nach Spuren

„Eigentlich habe ich doch gar keinen Bock auf diesen ganzen Krach“, sagt Jurgalski und sinkt tiefer in den bunten Gummi-Sitzball. Der Mann mit dem grauen Vollbart und den langen Haaren schaut auf von der Excel-Tabelle auf seinem Bildschirm. „Aber wenn du so etwas entdeckst, kannst du das doch nicht zurückhalten.“

Seit mehr als 40 Jahren sammelt Jurgalski Fakten und Fotos zu Besteigungen, systematisiert und veröffentlicht sie auf seiner Webseite. Waren die Bergsteiger erfolgreich? Wie lange brauchten sie? Atmeten sie zusätzlichen Sauerstoff aus der Flasche? Zu allen vorstellbaren Merkmalen hat Jurgalski irgendwo eine Tabelle. Er kennt jede Route auf die 8000er, kennt ihre Massive, die Gesteine.

Den Verdacht, dass bei den Gipfelfotos einiger Bergsteiger etwas nicht ganz stimmig ist, hatte er schon viel früher, sagt er. Sicher, dass es ein Problem gibt, sei er sich aber nicht gewesen. Also fragte er Kollegen um Rat. Es war der Beginn einer jahrelangen Spurensuche.

Wie konnten Tausende den Gipfel verfehlen?

Gemeinsam mit den Himalaya-Experten Tobias Pantel und Rodolphe Popier sowie dem Bergsteiger Damien Gildea sprach Jurgalski mit Bergsteigern und Zeugen. Vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt bekam das Team digitale Geodaten des Gipfelgrats der Annapurna. Neue Drohnenaufnahmen zeigten den Gipfel des Manaslu im Detail. Das Team verglich Fotos und Videos, studierte Expeditionsberichte.

Ihre Ergebnisse ließen nur einen Schluss zu, sagt Jurgalski: Hunderte Bergsteiger standen nicht auf dem wahren Gipfel von Annapurna und Dhaulagiri, kehrten zu früh um. Beim Manaslu seien es sogar mehr als 2000. Und geirrt haben sollen sich auch 32 derjenigen Bergsteiger, die alle 14 Berge bestiegen.

Wie kann das sein? Die meisten scheiterten am Manaslu. „Das ist echt ein Rätsel für mich“, sagt Jurgalski. Denn während die japanischen Erstbesteiger 1956 noch auf dem wahren Gipfel standen und das mit Fotos dokumentierten, haben ihn laut Jurgalski nur 80 Personen nach ihnen erreicht. Tausende dagegen standen falsch – trotz zuletzt moderner GPS-Geräte.

Die meisten von ihnen stoppten 35 Meter zu früh an einem erhöhten Punkt entlang des langen Gipfelgrats. Wer die Standardroute geht, kann von diesem Punkt aus den wahren Gipfel nicht sehen. Die Route macht hier einen 90 Grad Knick. In anderen Fällen sind die fehlenden Distanzen größer, bis zu 100 Weitenmeter am Manaslu. Am Dhaulagiri verfehlten einige den wahren Gipfel um bis zu 140 Weitenmeter, an der Annapurna gar um 190 Weitenmeter, sagt Jurgalski.

Der Manaslu hat einen langen Gipfelgrat und mehrere Vorgipfel. Foto: Ralf Dujmovits/ / www.Ralf-Dujmovits.de

Jurgalski glaubt nicht, dass die meisten Bergsteiger absichtlich betrogen haben. „Sie haben einfach einen Fehler gemacht.“ Der 71-Jährige hat nie Geografie studiert, war nie im Himalaya, ist kein Bergsteiger. Aber er ist seit Jahrzehnten fasziniert von Bergen. In einer Schublade liegt das „Gipfelstürmer“-Buch, das ihm sein Großvater als Kind schenkte. Der Einband ist längst abgerissen.

Jurgalski sagt, dass er anders als mancher Bergsteiger die Berge nie verklärt hat. Aber ihre Formen seien für ihn unheimlich schön. „Deswegen mache ich all das. Nicht nur auf den 8000ern, auf jedem einzelnen Berg würde ich gerne stehen. Allein, um das Panorama zu sehen.“

Eberhard Jurgalski arbeitet seit mehr als 40 Jahren als Chronist. Foto: Privat

In seinem Arbeitszimmer hängen Poster: der Everest, der Lhotse, der Westgrat vom Nuptse in schwarz-weiß. Im Schrank reihen sich Bücher und Magazine bis knapp unter die Decke. „In vielen ist etwas von meiner Arbeit drin“, sagt er.

Jurgalski fertigt nicht nur Tabellen, er systematisiert Gebirge, arbeitet an Benennungen und korrigiert Fehler in bestehenden Karten. Für vieles, was er tut, bekommt er weder breite Anerkennung noch Geld. Nur seine Arbeit für das Guinessbuch der Rekorde bringe ihm ein wenig ein.

Jurgalskis Freunde warnten ihn

Unter Bergsteigern aber ist Eberhard Jurgalski schon vor dem Streit ein Name. Viele geben ihm nach Besteigungen die Daten und Fotos durch. Manche holen sich vor Expeditionen Informationen zu Bergen und Routen. Mit einigen ist er befreundet. Auch Ralf Dujmovits hat ihn besucht: „Eberhard war der absolute Nerd. Er verfügte über ein unglaubliches Wissen, das hat mich immer weggeblasen. Ich erwähnte einen Berg – und er hatte sofort die Höhen im Kopf, die Besteigungen, die Geschichten.“

Seit 2017 arbeitet Jurgalski an der Revision seiner Tabelle. Er will absolut sicher sein, „geografisch absolut präzise“ und „alpinistisch gerecht“, wie er sagt. Mehrere Entwürfe für neue Tabellen verwirft er und wird von seinem Team doch auf immer mehr Fehlbesteigungen hingewiesen. Manche davon tun ihm selbst weh. „Ausgerechnet Kukuczka, ich habe es mir so gewünscht, dass er richtig lag“, sagt er. Als er 1998 den polnischen Chronisten Józef Nyka in Warschau besucht, sitzt er auf einem Sessel, auf dem auch die Bergsteiger Kukuczka und Wanda Rutkiewicz einmal saßen. „Das war der Himmel.“

2019 wendet sich Jurgalski auf seiner Webseite an die Bergsteigerszene. Die Forschung des Teams habe gezeigt, schreibt er, dass viele Bergsteiger, darunter bekannte, wissentlich oder unwissentlich vor dem wahren Gipfel umgekehrt seien. Wie solle er damit umgehen? Brauche es Toleranzzonen oder eine neue Tabelle? Namen nennt er damals keine. Denn es sind nicht irgendwelche Namen, die er streichen will. „Die machen dich fertig“, hätten ihn seine Freunde gewarnt, sagt er. Jurgalski zögert, monatelang.

„Aber nur der geografisch höchste Punkt ist nun mal der Gipfel. Das ist für mich ganz klar. Ich musste meine alte Tabelle modifizieren.“

Messner sagt, Jurgalski habe keine Ahnung

Als eine der ersten Zeitungen berichtet die „New York Times“ über das Gipfel-Problem. Auch Reinhold Messner kommt zu Wort. Damals sagt er, es sei schon möglich, dass er an der Annapurna nicht am exakt höchsten Punkt stand. Dass die Sicht schlecht gewesen sei.

Als dann Medien weltweit im Spätsommer 2023 behaupten, das Guinessbuch der Rekorde erkenne Messner den Rekord als Erstbesteiger aller 8000er ab, kommentiert dieser gegenüber der Deutschen Presse Agentur, Eberhard Jurgalski habe keine Ahnung. „Natürlich sind wir auf dem Gipfel angekommen.“

Der erste Bezwinger aller 8000er: Der Italiener Reinhold Messner. Von Eberhard Jurgalskis Tabelle hält er wenig. Foto: Imago//Alexander Gonschior

Dazwischen liegen zwei Jahre und die Lawine aus unzähligen Berichten, Interviews, Videos, Podcasts und teils wüsten Social Media-Kommentaren über einen Streit, der in den Medien irgendwann zu „Messner versus Jurgalski“ mit etlichen Runden geraten ist. Zuletzt wollte Jurgalski eine „goldene Brücke“ in dem Konflikt bauen, wie er es nennt: Auf seiner Webseite führt er inzwischen drei Tabellen.

In der „Übergangstabelle“ sammelt Jurgalski alle von den Forschern verifizierten 8000er-Gipfel, in der Tabelle für „die neue Ära“ stehen nur Bergsteiger, die nachweislich auf allen 14 wahren Gipfeln standen. Die „historische Anerkennungstabelle“ endet im Jahr 2017. Als letzte Version der Originaltabelle und Vermächtnis soll sie laut Jurgalski für immer gültig bleiben. Wollte er einst von seinem eigenen Vorschlag der Toleranzzonen nichts mehr wissen, gelten in dieser Tabelle eben solche Zonen von bis zu 190 Metern für jene Bergsteiger, die alle 14 8000er vor dem Bekanntwerden der Forschungsergebnisse bestiegen.

An ihrer Spitze steht Reinhold Messner.

Und damit könnte nun wieder Ruhe in den Bergen sein. Nur, dass es an den 8000ern schon lange nicht mehr ruhig ist. Ralf Dujmovits hat bereits vor Jurgalskis Tabelle verkündet, dass er den höchsten Punkt des Manaslu um einige Meter verfehlt hat. Die neuen Drohnenaufnahmen der Gipfelzone machten ihm das klar. Er gehört zu den laut Jurgalski inzwischen mehr als 100 Bergsteigern, die noch einmal gestartet sind. Nicht wegen Jurgalskis Tabelle oder eines vermeintlich verlorenen Rekords, wie Dujmovits betont. Bereits zuvor habe er das für sich entschieden.

Vergangenes Jahr war der heute 62-Jährige wieder am Manaslu – und musste wegen schlechtem Wetter und Lawinenabgängen im letzten Lager umkehren. Trotzdem spricht er von einer gewissen Leichtigkeit am Manaslu: „Mit meinem Aufstieg von 2007 hatte das nichts mehr gemeinsam.“

Ralf Dujmovits am Manaslu. Foto: Ralf Dujmovits/www.Ralf-Dujmovits.de

Die Ausrüstung ist besser geworden, leichter, genauso wie die Organisation. „Früher hat mich die Logistik monatelang beschäftigt. Letztes Jahr musste ich mich um nichts kümmern. Du reist an, und im Basislager steht ein Riesenzelt mit Essen wie im Hotel.“ Selbst im flachen Gelände seien fast durchgängig Fixseile angebracht gewesen, sagt Dujmovits – nicht von ihm selbst, sondern von Extra-Teams.

Der Mythos 8000er gepaart mit dieser vermeintlichen Leichtigkeit zieht immer mehr Menschen an die höchsten Berge der Welt. 2012 hält Dujmovits in einem Foto fest, wie sich die Bergsteiger an der Lhotse-Flanke stauen: „Vom Bergsteigen haben viele kaum Ahnung. Das macht es für alle gefährlicher.“ Mancher unerfahrene Expeditionsteilnehmer mit Sauerstoffmaske werde von den Sherpas regelrecht auf den Gipfel gezogen und geschoben.

Einst einsamer Gigant, stauen sich bei guten Wetterbedingungen heute auch mal die Bergsteiger am Everest – hier festgehalten vom Bergsteiger Nims Purja im Jahr 2019. Foto: Nimsdai Project Possible/AP/Nirmal Purja

„Hätte ich es vergangenes Jahr geschafft und am höchsten Punkt des Manaslu angeschlagen, wäre das für mich trotzdem keine so starke Leistung wie der knapp verfehlte Gipfel 2007. Deshalb sage ich mir: Vergiss es. Für mich zählt das“, sagt Dujmovits. Vielleicht war die Frage ja nie, wer auf dem wahren Gipfel stand. Sondern, was dieser Gipfel noch bedeutet?

„Eberhard hätte sich nie an die Massenmedien wenden sollen“, sagt Dujmovits. „Diese ganze Debatte ist völlig falsch gelaufen.“

Wenn Ralf Dujmovits darüber spricht, was ihn all die Jahre und trotz aller Risiken antreibt, spricht er nicht über Rekorde und Zeiten. Dujmovits spricht über „das Gesamterlebnis“. Da gehe es um sportliche Leistung, natürlich sei die wichtig. Aber eben auch um das Erleben der Natur, fremder Kulturen. Um die Freude, wenn er im Hochlager aus dem Zelt schaut und weiß: „Was ich mir vorgenommen hab, hab ich geschafft.“

„Reine Freizeitgestaltung, Abenteuer, Überwindung der Natur – das sind schöne Beschreibungen früherer Bergsteiger“, sagt Jurgalski. „Aber diese Pionierzeit ist vorbei. Wir haben heute Massenanstürme und Rekordsammler. Da muss es doch klare Regeln geben.“

Die Sherpas der neuen Rekordhalterin flogen mit dem Heli ins Lager

Ruhm unter Bergsteigern erkletterte sich auf den höchsten 14 Gipfeln dieser Welt, wer ohne Sauerstoff oder im Winter aufstieg, wer unberührte und unvorstellbare Routen erschloss. Weltweit Schlagzeilen machten in diesem Jahr aber die Norwegerin Kristin Harila und der Nepalese Tenjen Lama, die alle 8000er in 92 Tagen bestiegen. Reinhold Messner hatte dafür noch 16 Jahre gebraucht.

Der für Netflix groß verfilmte sechs Monate und sechs Tage-Rekord des Nepalesen Nirmal „Nims“ Purja von 2019, der weltweit für Aufsehen sorgte, war damit pulverisiert. Aber schon Purja war mit dem Helikopter von einem Basislager zum nächsten geflogen, hatte bei den meisten Aufstiegen Sauerstoff aus der Flasche verwendet. Dujmovits erwähnt, dass die Sherpas in Harilas Team am Manaslu und an der Annapurna per Helikopter ins Hochlager geflogen sein sollen, um dann die Spur von oben nach unten zu treten. Sherpas waren es auch, die Harilas Ausrüstung trugen.

Eine Netflix-Doku über seinen Rekord an den 8000ern machte den Bergsteiger Nims Purja zum Star. In den sozialen Medien folgen ihm Millionen. Foto: Imago/Skanda Gautam

„Natürlich wirft das Fragen auf“, sagt Dujmovits. „Mit wie viel Geld darf ich auftauchen? Wie viele Helikopter dürfen mein Team und meine Ausrüstung rauf und runter fliegen? Ab wann darf ich zusätzlichen Sauerstoff atmen? Wie viele Sherpas darf ich bezahlen, dass sie mir den Berg vorab durchsichern?“

Viele der 8000er sind keine einsamen Giganten mehr – und die Frage, wo auf den Meter genau ihre Gipfel liegen, könnte nur der Anfang gewesen sein.

Die Spaltung, die durch den Sport geht, zeigen nicht nur die drei Tabellen auf Jurgalskis Website. „Mir sind technische Daten zu wenig“, sagt Dujmovits. „Es ist eine neue Generation und das sind andere Leistungen. Nackte Zahlen und höher, schneller, weiter – mein Zugang war das nie.“

Tenjen Sherpa (l.) und Kristin Harila sind seit diesem Jahr die neuen Speed-Rekordhalter auf den 8000ern. Foto: Imago/Aryan Dhimal

Eberhard Jurgalskis Zugang zu den Bergen waren immer Daten. Was könnte besser für diese neue Art des Bergsteigens stehen als seine Tabelle voller Zahlen, auf der die Namen der Pioniere fehlen? Aber Jurgalski hat in seinen Tabellen seit Jahrzehnten ebenso nüchtern festgehalten, wer zusätzlichen Sauerstoff nutzte, wer im Winter aufstieg, wer eine neue Route zum Gipfel erschloss.

„Hier steht es doch alles!“, er tippt auf den Bildschirm: „Vier Mal im Winter und neun neue Routen für Kukuczka und sechs neue Routen und zwei Varianten immerhin bei Messner, alle ohne zusätzlichen Sauerstoff. Nims dagegen alle 14 mit Sauerstoff! Wie kann man da den Unterschied nicht sehen?“

Im August geht ein neuer Beitrag auf 8000ers.com online. „Die zweiten Vierzehn“ steht darüber. Jurgalski hat eine neue Tabelle erstellt. Eine Tabelle für die 14 höchsten 7000er. Viele von ihnen finden sich in einsamen Gegenden. An einigen hat sich seit Jahrzehnten kein Bergsteiger versucht, schreibt Jurgalski.

Und vielleicht ist das die größte Friedensgeste für einen zerrissenen Sport. Die Pionierzeit ist nicht vorbei – nur eben an den 8000ern.

Weitere Themen