Gipis Comic „Eine Geschichte“ Briefe aus dem Krieg

Der Comic „Eine Geschichte“ führt uns auch hinein in die Gräben des Ersten Weltkriegs. Foto: Avant/Gipi

Ein Schriftsteller kommt in die Psychiatrie. Auch dort bekommt er in Gipis Graphic Novel „Eine Geschichte“ die Erlebnisse eines Vorfahren im Ersten Weltkrieg nicht aus dem Kopf.

Landi, ein Schriftsteller, landet in der Psychiatrie. Dort hält man den bekannten Kulturmenschen wie eine schmückende Trophäe fest, und die Graphic Novel „Eine Geschichte“ zeigt nur, dass er an dieser Anstaltswelt leidet. Sie gibt uns aber wenig Hoffnung, Landi, der um Freigang bittet, käme draußen zurecht.

 

In „Eine Geschichte“ bekommen wir in immer neuen Bildgestaltungen, die der Italiener Gipi (bürgerlich: Gianni Pacinotti) meisterlich beherrscht, zu sehen, was Landi umtreibt. Farbig und schwarz-weiß, mal schroff karg, mal in einer Art paranoider Wehmut breit zerfließend, mal untergangsromantisch, mal expressionistisch zerrüttungsfasziniert, mal veräppelnd satirisch erleben wir Landis Träume, Erinnerungen und Visualisierungen von Angelesenem – ein gigantisches Kaleidoskop. Das Paradoxe daran: gerade die grimmigsten Themen üben eine Faszination aus, die Landi zu stützen scheint. Das, was zu seinem seelischen Infarkt geführt hat, und das, was ihn vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt, sind für uns nicht sicher unterscheidbar. In dieser Ambivalenz liegt ein großer Reiz dieser Graphic Novel.

Die Schönheit mitten im Krieg

Den Schriftsteller plagen die Last des Alterns und das Gefühl, generell versagt zu haben. Sein Gewissen, das ihm gegenüber tritt, ist ein schwarzer Blob mit einem beunruhigend zahnreichen Maul, kein Freund, sondern ein destruktiver Widersacher. Seine Tochter hat jede Geduld mit ihm verloren, und die Entfremdung ist mehr als Genervtheit. Da ist Verachtung zu spüren. Aber was wir sehen, das imaginiert Landi. Vielleicht erliegt er da der ganz falschen Interpretation einer Überforderung.

Was Landi besonders umtreibt, ist die durch alte Briefe in sein Leben gekommene Geschichte seines Urgroßvaters, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs erlebt hat. Immer wieder stellt der Nachgeborene sich diesen Krieg vor, vor allem eine entscheidende Episode, einen Schnittpunkt zwischen Frontalltag und Hölle. Der Urgroßvater Landi wird da nicht nur – wie so oft – erfahren, wie bedroht sein Leben ist, wie nichtig im großen Gemalme der Blutmühlen. Sondern auch, zu welchen Taten er willens und fähig ist, um dieses von den Vorgesetzten schon abgeschriebene Leben zu retten.

Aber mittendrin in dem, was man als vehemente Anklage der Humanitätsauflösung im Krieg sehen könnte, sucht Landi auch nach Schönheit, nach Ruhe, nach einem Moment bestärkender Erkenntnis. Nichts löst sich hier sauber auf, alles behält die Kraft des Verstörenden.

Gipi: „Eine Geschichte“. Aus dem Italienischen von Myriam Alfano. Avant-Verlag. 128 Seiten, 28 Euro. Hier gibt es eine Leseprobe.

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