Glasfaser-Ausbau in Baden-Württemberg Tür-zu-Tür-Aktion der Telekom sorgt für Verwunderung in Corona-Zeiten

Die Telekom hält sich mit genauen Zahlen zu der Vertriebsinitiative bedeckt, aber es gibt viele, die von Besuchen der Telekom berichten. (Symbolbild) Foto: AFP/JOHN MACDOUGALL

Dieser Tage bimmelt es bei vielen an der Tür – die Telekom ist da und bietet Glasfaseranschluss gegen Tarifwechsel an. Manche wundert diese sehr persönliche Vertriebsstrategie in Pandemiezeiten. Die SPD sagt: Der Breitband-Ausbau gehört in öffentliche Hand.

Digital Desk: Sascha Maier (sma)

Stuttgart - Wenn in diesen Zeiten der Postbote ein Päckchen bringt, legt er es für gewöhnlich ins Treppenhaus. Unterschriften? Aufgrund der Kontaktvermeidung eher die Ausnahme. Umso mehr wundern sich manche, wenn Vertriebsmitarbeiter im Auftrag der Telekom an der Tür klingeln und anbieten, einen Anschluss ans Glasfasernetz zu installieren, wenn man den Tarif wechselt. Manche wittern zwar Betrugsversuche – da ist laut Innenministerium aber nichts dran. Dennoch gibt es in Baden-Württemberg aus der Opposition Kritik an der Digitalisierungsstrategie des Landes.

 

Aktuell läuft es mit der mit dem Ausbau der Digitalisierung so, dass Privatunternehmen wie die Telekom ganz unterschiedliche Aufgaben übernehmen und diese auch mit Tür-zu-Tür-Vertrieb über beauftragte Firmen vorantreiben. „Die von uns mit dem Direktvertrieb beauftragten Unternehmen arbeiten bundesweit zumeist überall dort, wo wir unser Netz optimiert haben beziehungsweise optimieren und den Kunden deshalb mehr Bandbreite und neue Produkte anbieten können“, sagt Hubertus Kischkewitz, ein Sprecher der Telekom. Das können sowohl großflächige Ausbauten in Städten oder Landkreisen sein, aber auch kleinere Maßnahmen in Dörfern, so der Sprecher.

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Erstaunte Reaktionen über Vertriebsmitarbeiter in Corona-Zeiten, die bisweilen unangekündigt klingeln, kann die Telekom nicht wirklich nachvollziehen. „Der Wunsch von Bürgerinnen und Bürgern, zu Hause beraten zu werden, ist nach wie vor signifikant und macht für viele Kunden auch Sinn“, sagt Kischkewitz. Die eingesetzten Mitarbeiter würden umfangreiche Unterweisungen zum Infektionsschutz erhalten, außerdem wären sie mit Masken, Handschuhen und ausreichend Desinfektionsmittel ausgestattet, die Unterlagen seien laminiert.

Keine unseriösen Praktiken bekannt

Wer die Authentizität der Außendienstmitarbeiter anzweifelt, könne sich am in Brusthöhe getragenen Ausweis, einem Autorisierungsschreiben und unter der Autorisierungshotline 0800/8266 347 vergewissern, dass der Besuch auch wirklich im Auftrag der Telekom erfolge.

Laut Innenministerium gibt es aber aktuell keine Betrüger, die den Glasfaser-Ausbau nutzen, um in fremde Wohnungen zu gelangen, auch wenn manchen die Besuche merkwürdig vorkommen mögen. „Uns sind bislang keine unseriösen Praktiken im Rahmen der Vermarktung bekannt geworden“, sagt Katja Walter, eine Sprecherin des Ministeriums.

Bei den Vertriebsaktivitäten der Telekommunikationsunternehmen geht das Land davon aus, dass alle Corona-Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Das Konstrukt, den Glasfaserausbau in Baden-Württemberg zu beschleunigen, funktioniere über Prämien von Bund und Ländern. „Land und Bund bieten eine Breitbandausbauförderung an, die sich an Kommunen und Landkreise richtet. Sie können insbesondere Förderung für den Ausbau von ,weißen Flecken’ beantragen“, sagt Walter.

SPD übt Kritik

Ein solcher liege vor, wenn in dem entsprechenden Gebiet keine Versorgung mit einer Bandbreite von mindestens 30 Mbit/s zur Verfügung steht und gleichzeitig ein Versagen des marktgetriebenen Ausbaus durch private Telekommunikationsunternehmen vorliege. „Zukünftig wird auch die Förderung des Ausbaus von sogenannten ,grauen Flecken’ möglich sein, bei denen eine Versorgung von weniger als 100 Mbit/s besteht“, sagt Walter.

Seit 2016 habe die Landesregierung rund 2600 kommunale Breitbandprojekte mit insgesamt 1,1 Milliarden Euro gefördert. Zusammen mit der Bundesförderung seien bisher 2,5 Milliarden Euro für die kommunale Digital-Infrastruktur in Baden-Württemberg zusammengekommen. Andere Unternehmen in Baden-Württemberg als die Telekom, die sich prämiengestützt am Glaserausbau beteiligten, seien BBV, Deutsche Glasfaser oder Netcom.

Die SPD als Oppositionsführerin im Landtag kritisiert das Vorgehen. „Was den Glasfaserausbau angeht, unternimmt die Telekom immer wieder Versuche, quartierweise den Bedarf festzustellen um dann zu entscheiden, ob es sich lohnt, ein Kabel zu legen oder nicht“, sagt Hendrik Rupp, ein Sprecher der SPD-Fraktion. Bisweilen gehe es sogar um den letzten Meter, also vom Verteiler an der nächsten Ecke bis ins einzelne Haus. „Hier haben wir ja nicht selten den Fall, dass es zwar Glasfaser an der Straßenecke gibt, die letzten Meter Kupferkabel die Übertragung aber spürbar einschränken.“, sagt Rupp.

Kerzen und Ziehbrunnen

Dieses Vorgehen sei „äußerst unbefriedigend und hat mit der unbedachten Privatisierung der Ära Kohl zu tun.“ Schnelles Internet gehöre heute zur Daseinsvorsorge und sollte in der öffentlichen Hand liegen. „Als es um Strom oder fließendes Wasser ging, gaben auch nicht konservative Kreise das Tempo vor, die noch mit Kerzen und Ziehbrunnen zufrieden waren“, sagt Rupp.

Der Flickenteppich aus kommunalen Anstrengungen, privaten kommerziellen Anbietern und staatlichen Förderungen führe auch zu vermeidbaren Koordinationsprobleme. „Auch hier wäre ein Ausbau aus einer öffentlichen Hand die weit bessere Lösung“, sagt Rupp.

Gegen das Vorgehen, Glasfasernetze an der Haustür zu vertreiben, hegt die SPD keine prinzipiellen Bedenken. Aber: „Entscheidend ist natürlich, dass dieses Hygienekonzept auch wirklich umgesetzt wird.“

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