Glosse: Hashtag #allesdichtmachen Das zweischneidige Schwert der Ironie

Sie meinen zu wissen, was uns in der Pandemie fehlt: Ironie. Foto: dpa
Sie meinen zu wissen, was uns in der Pandemie fehlt: Ironie. Foto: dpa

Film- und Fernsehstars veröffentlichen ironische Videos zur Corona-Politik – mit dem Beifall müssen sie nun leben.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Stuttgart - In 50 kurzen Videos auf Youtube und unter dem Hashtag #allesdichtmachen mokiert sich ein Teil der deutschen Bühnen- und Fernsehprominenz über die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus. Was man besser machen könnte, sagen sie nicht. Ihr Mittel der Wahl ist Ironie. Grotesk übersteigerte Vorschläge ziehen die Pandemie-Politik ins Lächerliche: sofort Supermärkte schließen, absoluter Kadavergehorsam - „schließlich wissen nur ganz wenige Spezialisten, was gut für uns ist.“

Wirklich eine gute Idee: zu einem Zeitpunkt, an dem das Ziel nahe rückt, noch einmal alle Register ziehen, die man als Schauspieler zur Verfügung hat, um, wie es sich für ein großes Drama gehört, noch einmal ein ordentliches retardierendes Moment einzubauen. Dass es vielleicht doch noch einmal spannend wird, bevor die ganze Impferei dem ein Ende bereitet und der „Tatort“- und Krimi-Alltag im Deutschen Fernsehen wieder das einzige ist, was für etwas Nervenkitzel sorgt.

Die Querdenkerszene frohlockt

Dann müssen sich die Fernsehkommissare und -kommissarinnen, der lustige Jan-Josef Liefers, der hintersinnige Ulrich Tukur, die widerspenstige Ulrike Folkerts und die forschen Jungs aus Stuttgart, Felix Klare und Richy Müller wieder ihren Sonntagabendleichen zuwenden. Wie gut, dass sie und dutzende ihrer prominenten Kolleginnen und Kollegen es noch einmal allen gezeigt haben, wie kritisch sie sind, und was sie von dem ganzen unnötigen Corona-Theater der Bundesregierung und ihrer gleichgeschalteten Medien-Claqueure halten. Dass am vergangenen Sonntag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der 80 000 Toten gedacht hat, die die Pandemie gefordert hat, und dass diese Zahl ohne das Dichtmachen, ohne Lockdowns, ohne das Ringen um noch so kurzlebige Lösungen um ein vielfaches höher liegen würde, ficht sie nicht an.

Das Problem an Ironie ist aber leider, dass sie nur allzuleicht missverstanden wird. Nun müssen die mutigen Chefironiker damit leben, dass ihnen für ihre Aktion rauschender Beifall von Rechts zuteil wird, und dass die Querdenkerszene frohlockt, als wäre es ein Stück von ihr, das da gerade zur Aufführung kommt. Beabsichtigt war das sicher nicht. Absehbar schon.




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