Glücksspiel in Stuttgart Im Sumpf der Spielsucht

Volker Brümmer vor einer Spielhalle Foto: dpa
Volker Brümmer vor einer Spielhalle Foto: dpa

300 000 Euro Schulden – Volker Brümmer wäre seine Spielsucht fast zum Verhängnis geworden: „Die Suizidgedanken waren da.“ Heute bekämpft er seine alte Liebe, die nicht nur seine Ehe, sondern auch den Rest seines Lebens fast zerstört hätte.

Digital Unit : Sascha Maier (sma)
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Stuttgart - Sonntags-„Tatort“: Schimanski in der Kneipe. Für den von Götz George verkörperten bärbeißigen Kommissar kein ganz unübliches Bild. Doch anstatt auf den Plot kann Volker Brümmer nur auf das Automatengedudel im Hintergrund achten: „Fabrikat Disc, Risikostufe: 12 Sonderspiele.“ Volker Brümmer war 23 Jahre glücksspielsüchtig, kennt alle Automaten und alle Geräusche, die sie bei allen Spielen machen. Er sagt, die Reizaffinität, wenn etwa so ein Gedudel wie im „Tatort“ zu hören ist, wird er wahrscheinlich mit ins Grab nehmen.

Mit einer Mark hat alles angefangen

Dem war er am Höhepunkt seiner Karriere sehr nah. Jetzt, da Brümmer seit zehn ­Jahren „trockener“ Spieler ist, wie er sagt, spricht er offen über das Erlebte. Der alleinerziehende Vater hat eine gesunde Bräune und lachende Augen. „Die Bräune kommt vom Walken im Wald“, sagt der 48-Jährige.

Als Brümmer ganz unten war, hat er von Dingen wie dem Wald überhaupt nichts mitbekommen: „Man vergisst, wie Blumen riechen, wie die Sonne scheint.“ Erst spielte er in dunklen Spielhallen, dann alleine zu Hause im Internet. Hier sieht Brümmer die größte Schwäche der Neuerungen des Landesglücksspielgesetzes, die vom 1. Juli an in Kraft treten und die Spielhallenbetriebe mit Abstandsregelungen eindämmen wollen. „Wenn man im Netz zockt, bringt das nichts. Mich hätte das Gesetz nicht vom Spielen ­abgehalten“, sagt Brümmer. Als er seinen Erstkontakt mit dem Glücksspiel hatte, gab es noch kein Internet. Brümmer war damals fünf, mit seinen Eltern an einer Autobahnraststätte und ging alleine auf die Toilette. Dort hielt er an einem Spielautomaten inne, war fasziniert von den blinkenden Lichtern. „Eine Mark hatte ich in der Tasche“, erinnert sich Brümmer. Er warf sie rein. Es blinkte noch mehr, zurück bekam er aber nichts.

Süchtige stricken sich ein Netz aus Lügen

Für den kleinen Jungen war das faszinierend. Zur Sucht wurde es, als er mit der Ausbildung zum Fliesenleger begann. „Am Anfang gewinnt man immer“, sagt er. Statistisch mag das Unsinn sein. Aber um Fakten ging es dem jungen Mann schon bald nicht mehr. Dass Süchtige häufig ein beeindruckendes Netz an Lügen um ihr Leben spinnen, ist nicht nur beim Glücksspiel zu beobachten. Dennoch: Dass 23 Jahre lang nicht einmal die eigene Frau, der Bruder und die Eltern mitbekommen haben, dass Brümmer spielsüchtig und hoch verschuldet war, bezeichnet er heute selbst fast als Kunststück: „Spieler sind super Schauspieler.“

Und Eigenbrötler. Zumindest beim Spielen. „Spieler sind keine sehr geselligen Typen“, sagt Brümmer, „am liebsten war es mir, wenn es möglichst leer war.“ An bis zu zwanzig Geräten hat Brümmer gleichzeitig gezockt – und häufig in derselben Zeit ­zwanzigmal so viel verloren, wie das bei einem Gerät der Fall gewesen wäre.

Brümmer log sich all das in die Tasche, bis er eines Tages kein Geld mehr hatte, seiner Tochter ein Eis zu kaufen. „Da wollte ich nicht mehr“, sagt er, „ich war hoch verschuldet, es gab keine Kredite mehr, es war einfach Schluss.“ Bei 300 000 Euro Schulden blieb ihm 2007 keine andere Wahl, als Privatinsolvenz anzumelden. Wie viel er in all den Jahren wirklich in den Automaten versenkt hat, hat Brümmer nie ausgerechnet.

Einen Schritt vor dem Abgrund

Suizid oder 180-Grad-Wende – Brümmer entschied sich für Letzteres. Bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva) Stuttgart suchte er die Suchtberatungsstelle auf und begann eine Therapie. Seitdem, sagt er, habe es nicht einen Rückfall gegeben. Auch wenn seine Ehe nicht hielt. Auch wenn sich Teile der ­Familie von ihm abwendeten.

Heute versucht Brümmer, Menschen, denen es wie ihm ergangen ist, zu helfen. Er hat einen Suchthelferschein gemacht, leitet eine Selbsthilfegruppe und hält Vorträge. Zum Beispiel an Schulen. „Ich glaube, dass der Schlüssel bei der Aufklärung liegt“, sagt Brümmer – und beantwortet damit die Frage, wie groß seine Erwartungen an Spielhallenverbote durch das Landesglücksspiel­gesetz sind. Womöglich, weil sich Sucht auch woanders einfach ihren Weg bahnt.

Brümmer steht nach einem Rundgang durch die Innenstadt vor einer Spielhalle. Er lacht. „Wenn ich Geburtstag habe, schenkt mir meine Mutter nach wie vor lieber Gutscheine als Bargeld.“ Sicher ist sicher.




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