Göppingen Ein Schritt auf dem Weg in die Normalität

Von Sabine Riker 

Das Kinderschutzzentrum bietet seit vielen Jahren einen begleiteten Umgang für die Kinder getrennter Elternpaare an. Jetzt hat dieses Angebot einen neuen Ableger bekommen: das Besuchscafé im Bürgerhaus. Es startet an diesem Freitag.

Auch wenn die Eltern sich getrennt haben, brauchen Kinder ihre Mutter und ihren Vater. Foto: BilderBox
Auch wenn die Eltern sich getrennt haben, brauchen Kinder ihre Mutter und ihren Vater. Foto: BilderBox

Göppingen - Kinder toben im Flur, unentwegt klingelt es an der Tür. Freitagnachmittags herrscht im Göppinger Kinderschutzzentrum Hochbetrieb. Mütter bringen ihre Kinder, Väter holen sie ab, ehrenamtliche Mitarbeiter schauen zu, dass es in dem ganzen Trubel zu keinen unliebsamen Begegnungen zwischen zerstrittenen Elternpaaren kommt. Begleitete Übergabe heißt dieses Angebot des Kinderschutzbundes. Von diesem Freitag an soll es durch ein Besuchscafé im Göppinger Bürgerhaus ergänzt werden. Anders als im Kinderschutzzentrum können sich dort Väter und Mütter zwanglos treffen, während die Kinder miteinander spielen. Dieser neue Ableger des betreuten Umgangs soll zunächst für die Dauer eines Jahres erprobt werden

Anderswo gibt es Besuchscafés schon

Heike Maier ist gespannt, wie das neue Angebot ankommt. Bei der Sozialarbeiterin laufen im Kinderschutzzentrum alle Fäden des begleiteten Umgangs und damit auch der begleiteten Übergabe zusammen. In Stuttgart und Ulm hätten die Kinderschutzbünde bereits gute Erfahrungen mit Besuchscafés gemacht, sagt sie. Im Gegensatz zu der begleiteten Übergabe in den Räumen des Kinderschutzzentrums, wo peinlich darauf geachtet wird, dass sich die zerstrittenen Elternpaare nicht über den Weg laufen und möglicherweise vor den Kindern in Streit geraten, sind Begegnungen im Besuchscafé erwünscht. Ziel dabei ist nicht unbedingt, dass die ehemaligen Paare aufeinandertreffen, wie Heike Maier erläutert. Zum Verständnis der jeweils anderen Seite und zu einem Perspektivwechsel könne auch beitragen, wenn sich ein Vater mit einer anderen Mutter unterhalte oder eben mit anderen Vätern. „Häufig stellt sich dann ein Normalisierungseffekt ein. Die Eltern erleben, dass auch andere Paare Schwierigkeiten bei der Trennung haben und dass man lernen kann, damit umzugehen“, sagt sie.

Für jeden Fall sei der offene Rahmen des Besuchscafés aber nicht geeignet, räumt die Sozialarbeiterin ein. Gedacht sei dieses Angebot vor allem für Eltern in der „Verselbstständigungsphase“, wie es im Fachjargon heißt. Sie hätten die konfliktreiche Trennungsphase hinter sich gelassen und könnten nun üben, selbst mit der neuen Situation klar zu kommen. Im Umkehrschluss heiße das aber auch, dass das Besuchscafé bei „hochkonflikthaften Fällen“ keine Option sei, sagt Heike Maier und berichtet von Familien, bei denen selbst nach mehrjähriger Betreuung keine Entspannung in Sicht sei. „Die begleitete Übergabe findet in diesen Fällen deshalb wie bisher in den Räumen des Kinderschutzzentrums statt.“

Kinderschutzzentrum platzt aus allen Nähten

Da sich Streitigkeiten nie ausschließen lassen, sind zwei Mitarbeiterinnen an den Freitagnachmittagen anwesend. Sie können jederzeit eingreifen. Heike Maier setzt auch auf den eher öffentlichen Charakter des Besuchscafés. Schließlich wollten die wenigsten Leute durch lautstarkes Schimpfen auffallen.

Von dem neuen Angebot profitiert nicht zuletzt auch das Kinderschutzzentrum, das in der Zwischenzeit aus allen Nähten platzt, wie die Sozialarbeiterin sagt. Die bisherige Praxis, jede der insgesamt rund 20 begleiteten Übergaben individuell abzuwickeln, bedeute personell wie räumlich einen Riesenaufwand. Deshalb ist Heike Maier froh, dass das Besuchscafé im Bürgerhaus in Göppingen untergekommen ist. Sie hofft, dass es dort auch bleiben kann, wenn es sich nach dem geplanten einjährigen Testlauf bewährt haben sollte.

Der Bedarf nimmt stetig zu

Das Göppinger Kinderschutzzentrum will Kindern und Eltern nach einer Trennung einen unbeschwerten Umgang miteinander ermöglichen. Zunächst schulterten ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiterinnen diese Aufgabe. Seit Ende 1995 laufen bei der Sozialarbeiterin Heike Maier die Fäden zusammen, die zunächst als Halbtagskraft anfing. Mittlerweile hat sie eine 75-Prozent-Stelle und soll schon bald von einer weiteren Halbtagskraft unterstützt werden.

1995 nahmen 85 Familien den begleiteten Umgang in Anspruch. Inzwischen hat sich die Fallzahl mehr als verdoppelt. Etwa 20 Familien nutzen die begleitete Übergabe. Die Kinder können freitags und sonntags die Seiten wechseln, ohne dass sich ihre Eltern begegnen müssen.

Das Besuchscafé ist ein Ableger der begleiteten Übergabe. Es findet ab sofort freitags von 15 bis 18 Uhr im Bürgerhaus statt. Auskunft gibt es unter der Telefonnummer 0 71 61/96 94 96.