Göppingen Schiere Not trieb Auswanderer in die Ferne

Von Sabine Riker 

Im 19. Jahrhundert verließen 900 Göppinger ihre Heimatstadt, um in Nordamerika ihr Glück zu suchen. Ein Vortrag im Museum im Storchen erhellt dieses Kapitel der Stadtgeschichte und gibt einen Einblick in persönliche Schicksale.

Der Göppinger Kaufmann Karl Ludwig Gaiser wurde Inhaber eines Saloons in New York. Foto: Privatbesitz
Der Göppinger Kaufmann Karl Ludwig Gaiser wurde Inhaber eines Saloons in New York. Foto: Privatbesitz

Göppingen - Vom Tellerwäscher zum Millionär – mit diesem Traum im Reisegepäck brachen in den Jahren 1830 bis 1870 rund 900 Göppinger nach Nordamerika auf. Sie ließen alles zurück in der Hoffnung, in der neuen Welt ihr Glück zu machen. Doch nur für die wenigsten erfüllte sich der amerikanische Traum – wie für Albert Schoenhut, der als Spielwarenfabrikant schwerreich wurde und den zurzeit eine Ausstellung im Göpppinger Stadtmuseum im Storchen würdigt. Die Ursachen dieser Auswanderungswelle und die Schicksale der Göppinger Auswanderer beleuchtet ein Vortrag am kommenden Dienstag im Stadtmuseum. Die Referenten sind der Leiter des Archivs und der Museen der Stadt, Karl-Heinz Rueß, sowie die Archivarin Melanie Köhler-Pfaffendorf.

Eine Vielzahl von Briefen hat Melanie Köhler-Pfaffendorf gesichtet, um ein Bild der Situation der Auswanderer in Amerika zeichnen zu können. Viele dieser schriftlichen Zeugnisse, die im Stadtarchiv aufbewahrt werden, geben Einblick in ein Auswandererleben im 19. Jahrhundert. Und das war in den allermeisten Fällen kein Zuckerschlecken. So sind die Zeilen, die Friedrich Lauth in St. Louis am 10. Dezember des Jahres 1866 an seine Mutter in Göppingen richtet, ein einziger Hilfeschrei. „Ich habe an mein Glück zu fest geglaubt und dass es mir nie fehlen werde“, schreibt er, „aber es ist anders geworden (. . .), habe all mein Hab und Gut verloren“. Der Brief endet mit dem eindringlichen Appell, ihm doch „um Gottes Willen“ zu helfen.

Briefe erzählen Schicksale

Besser Fuß gefasst im „gelobten Land“ hat wohl Fritz Ehmann, der am 10. Februar 1863 an seine Mutter und seine Schwestern in der fernen Heimat schreibt. Wie viele andere deutsche Einwanderer diente er als Soldat im Amerikanischen Bürgerkrieg (1862-1865). Eher beiläufig berichtet er davon und versichert, dass er „gut davongekommen“ sei. Nach einer Verwundung an der Hand durch ein Bajonett sei er als „untauglich“ eingestuft worden. Er schreibt, dass er eine Amerikanerin geheiratet habe, die „aber auch deutsch spricht“. „Bis jezt habe Ich das Geschlecht Ehman noch nicht fortgepflanzt“, lässt er seine Familie wissen. Aus dem Brief geht außerdem hervor, dass auch seine drei Brüder nach Amerika ausgewandert sind. Bewegend sind die kurzen Sätze über seinen Bruder Charle. Er habe sich alle Mühe gegeben, etwas über ihn herauszufinden, „aber vergebens. Ich war bey seinem Regiment, (. . .) und so wollen wir hoffen, dass er noch am Leben ist.“

Dass es sich bei den meisten Auswanderern um einfache Leute mit einer nur geringen Schulbildung handelte, darauf lassen zahlreiche Schreib- und Grammatikfehler in den Briefen schließen. Schwierigkeiten bereitet nicht nur das Englische, sondern auch die Muttersprache. Groß- und Kleinschreibung gehen wild durcheinander, anstelle eines i findet sich oft ein y, um nur einige Beispiele zu nennen.

In Württemberg herrschte Armut

Die Hoffnung auf ein besseres Leben, trieb die Auswanderer an. „Im Prinzip waren das alles Wirtschaftsflüchtlinge“, erklärt Karl-Heinz Rueß. Wie schwierig es für die meisten war, in der Fremde ein Auskommen zu finden, auch das belegt ein Teil der Briefe. So berichtet Charles Huebner seinem Schwager haarklein, mit welchen Arbeiten Geld zu verdienen ist. Zur Auswanderung rät er dennoch nicht. „Es würde mich herzlich freuen sagen zu können – kommt“, schreibt er. „Doch wen es nich gut geht drausen, so möchte ich euer Glück nicht auf das Spiel gesetzt sehen.“

Trotz der Ungewissheit entschlossen sich viele, ihre Heimat zu verlassen. Denn im rückständigen Württemberg und damit auch in Göppingen herrschte bittere Armut. Ungeachtet dessen und trotz der Auswanderungswelle wuchs die Stadt von 1845 an enorm. „Viele Menschen zogen zu, weil mittlerweile die ersten größeren Fabriken entstanden waren und man Arbeitskräfte brauchte“, sagt Rueß. So zählte die Stadt 1900 rund 20 000 Einwohner, 1830 waren es nur 4000 gewesen.




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