Göppinger Flüchtlingspolitik Landkreis verlässt den Krisenmodus

In die Leichtbauhallen in Ebersbach sind am Freitag die ersten Flüchtlinge eingezogen. Foto: Michael Steinert
In die Leichtbauhallen in Ebersbach sind am Freitag die ersten Flüchtlinge eingezogen. Foto: Michael Steinert

Der Kreis Göppingen hat das Problem der Flüchtlingsunterbringung durch einen Kraftakt in den Griff bekommen. Der Landrat Edgar Wolff will jetzt sein Hauptaugenmerk darauf legen, bei der Bevölkerung wieder mehr Akzeptanz zu schaffen.

Politik/ Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)
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Göppingen/Gingen - Für die Firma Holzbau Göser ist es ein schöner Auftrag, doch für das Landratsamt bezeichnet es eine Zäsur in der Flüchtlingspolitik. Das Unternehmen aus Rechberghausen soll für 877 000 Euro in Gingen eine Flüchtlingsunterkunft für 57 Menschen bauen. Bis vor kurzem wäre die Lieferung von Stahlcontainern die einzige Lösung gewesen. Doch darauf will der Kreis künftig verzichten. Jetzt gönnt man sich etwas mehr Zeit und bestellt ein Gebäude in Holzbauweise. Das sei zwar etwas teurer, sagt der Leiter des Kreishochbauamtes, Rainer Mittner. Allerdings sei es die nachhaltigere Lösung. „Holzbauten sind langlebiger, und sie erfüllen die Vorgaben der Energieeinsparverordnung“, sagt der Zimmerermeister Klaus Göser.

Hochbauamt „extrem unter Druck“

„Wir waren im letzten Quartal in der Krise“, sagt der Vizelandrat Jochen Heinz. „Das möchte ich nicht mehr erleben.“ Woche für Woche tagte der Koordinierungskreis – bezeichnenderweise – im Katastrophenschutzraum des Landratsamtes. Woche für Woche kamen die Busse aus den Erstaufnahmeeinrichtungen. Händeringend wurden Unterkünfte gesucht, Immobilien angemietet und Behelfsbauten erstellt. „Wir waren extrem unter Druck“, sagt Mittner, dessen Abteilung in wenigen Monaten zwölf Bauvorhaben bearbeitete.

Zwar reißt der Flüchtlingsstrom nicht ab. Auch gestern wurden im Foyer des Kreistagssitzungssaals mehrere Dutzend Familien registriert und in die neu errichteten Leichtbauhallen in Ebersbach gebracht. Doch die Verwaltung sieht sich mittlerweile in der Vorhand. Seit Mai sei die Zahl der Plätze in den Sammelunterkünften verdreifacht worden. „Wir kommen in geordnete Prozesse hinein“, sagt Heinz. Durch die Aktivitäten der vergangenen Monate gelang es, im gesamten Kreisgebiet fast 30 Grundstücke und Objekte zu sichern. Dort könnten bei Bedarf bis zu 1500 Plätze neu geschaffen werden. Nur noch ganz wenige kleine Gemeinden stehen abseits. „Das war vor einem halben Jahr noch ganz anders“, sagt der Uhinger Bürgermeister Matthias Wittlinger (CDU).

Landrat: Bevölkerung ist sehr viel sensibler

„Mein Ziel ist es, die Unterbringungsfrage zügig abzuräumen, damit wir uns anderen Punkten zuwenden können“, sagt Heinz. Aus Sicht des Landrats Edgar Wolff ist die Frage der Akzeptanz in der Bevölkerung mittlerweile am dringlichsten. Im „Notmodus der vergangenen Monate“ habe man die Flüchtlinge ohne große Konsultationen einquartieren können. Doch seit dem Jahreswechsel und den Übergriffen in Köln sei spürbar, dass die Bevölkerung „sehr viel sensibler“ geworden sei. Die Kreisverwaltung bemühe sich jetzt darum, die Anwohner zu informieren. Allerdings sei das nicht immer einfach. Es vergingen nur zwei bis drei Tage zwischen der Ankündigung und der Ankunft der Flüchtlinge.

Derweil stellt sich allmählich auch die Frage der so genannten Anschlussunterbringung. Spätestens nach zwei Jahren oder sobald sie anerkannt sind, dürfen die Asylbewerber die Sammelunterkünfte verlassen. Genau hier sieht der Hochbauamtschef Mittner den Vorteil der neuen Holzbauten. Sie ließen sich mit einfachen Mitteln zu Wohnungen umrüsten. Nach der Einschätzung der Landkreisverwaltung werden die meisten Flüchtlinge bleiben. 80 Prozent stammen mittlerweile aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.

Flüchtlingsheim auf Zeit

Auch der Gingener Bürgermeister Marius Hick begrüßt den Holzbau. Ihm sei wichtig, dass er sich zerlegen und anderswo aufbauen ließe. Am Platz in der Hindenburgstraße hat die Gemeinde nämlich noch etwas vor. 2018 wird die Umgehungsstraße eingeweiht. Dann soll der Bereich an der alten B 10 der Kernpunkt eines städtebaulichen Entwicklungskonzepts werden.




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