Göppingerin liebt ihr Akkordeon Musikerin spielt für Trauernde

Von Philipp Braitinger 

Der Tod der Eltern hat ihr Leben verändert: Sylvia Rees aus Göppingen spielt seither für Trauernde und hat ihr Akkordeonspiel sogar zum Beruf gemacht.

Sylvia Rees hat ihr Akkordeonspiel zum Beruf gemacht. Foto: privat
Sylvia Rees hat ihr Akkordeonspiel zum Beruf gemacht. Foto: privat

Göppingen - Es sind Klänge, die das Herz berühren sollen: Sylvia Rees aus Göppingen-Faurndau spielt mit ihrem Akkordeon auf Trauerfeiern. Ihr einfühlsames Spiel mit dem für Beerdigungen und Urnenbeisetzungen eher ungewöhnlichen Instrument ist offenbar sehr gefragt. Und so hat Rees, von Haus aus Erzieherin, vor eineinhalb Jahren das Musizieren bei Trauerfeiern zu ihrem Beruf gemacht. „Es kommt unheimlich viel von den Gästen zurück“, sagt sie über ihre Engagements.

Die Musik beginnt, wo die Sprache aufhört

„Das Akkordeon transportiert die Gefühle unheimlich stark“, es sei deshalb für die Begleitung Trauernder sehr gut geeignet, trotzdem sei es auf Beerdigungen nur selten zu hören. Oft aber fehlten den Angehörigen angesichts des Todes eines Freundes oder Familienmitglieds die Worte. Und die Musik beginne genau dort, wo die Sprache aufhöre. So steht es auch auf dem Flyer, mit dem Sylvia Rees wirbt.

Die Musik könne Trauernden helfen, sagt sie: „Ich kann mit dem Spiel noch einmal die Gedanken an den Verstorbenen herholen.“ Einfach sei es für sie allerdings nicht, auf Beerdigungen zu spielen. Die Trauer der Gäste, der Rahmen, das alles lasse sie nicht kalt. „Ich bin sehr emotional. Vielleicht ist das ja nicht professionell, aber so bin ich eben.“

Von Schlager bis Musiktherapie

Vielleicht sei der Beruf als Trauermusikerin so etwas wie ihre Bestimmung und wichtiger als beispielsweise Volksmusik zur reinen Unterhaltung zu spielen, was sie auch praktiziere. So spielt Rees im Ensemble des Göppinger Akkordeonorchesters und im Projektorchester Georg Penz in Schwäbisch Gmünd. Mit Schlagern aus den 1950er und -60er Jahren und alten Volksliedern ist sie im Seniorenheim in Zell sowie im Café des Rehazentrums in Bad Boll zu Gast, und im Heininger Seniorenheim bietet sie eine Musiktherapie an. „Ich mache das sehr gerne“, sagt die gläubige Katholikin. Die Senioren blühten beim Singen und Hören der bekannten Lieder regelrecht auf. Im Haus der Mitte, einer Einrichtung für Menschen mit Unterstützungsbedarf in Heiningen, unterrichte sie darüber hinaus einen der Bewohner.

Der Tod der Eltern hat ihr Leben verändert

Meist sind es nur wenige Momente, die rückblickend als Weichenstellungen für das weitere Leben bewertet werden. Für viele ist es eine Hochzeit, die Geburt eines Kindes oder der Tod eines nahen Angehörigen. Für Sylvia Rees war der Tod ihrer Eltern im Jahr 2013 ein einschneidendes Ereignis, das ihr Leben veränderte. Plötzlich mochte sie damals ihr geliebtes Akkordeon nicht mehr spielen, das die 49-Jährige seit Kindertagen begleitet. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis sie wieder ein Konzert geben konnte. „Es war sehr schwer, aber ich wollte wieder spielen“, erinnert sich Rees.

Dann folgte ein Engagement auf einer Beerdigung der Tante einer Bekannten und weitere Auftritte bei Trauerfeiern. Seit eineinhalb Jahren hat die Akkordeonspielerin nun die musikalische Begleitung von Beerdigungen und Urnenbeisetzungen zu ihrem Beruf gemacht.

Von Ave Maria bis Musik von DJ Ötzi

In ihrem Repertoire sind viele klassische Titel wie „Ave Maria“ von Franz Schubert, „Gabriel’s Oboe“ von Ennio Morricone oder Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ zu finden. Darüber hinaus bietet Rees auch moderne Musikstücke an. „Nessaja“ von Peter Maffay ist ebenso in ihrer Auswahl zu finden wie „Tears in Heaven“ von Eric Clapton oder „Ein Stern“ von DJ Ötzi. Viele der ursprünglich nicht für das Akkordeon geschriebenen Stücke hat sie selbst transkribiert, und sie erfüllt auch individuelle Wünsche der Trauernden, die bisher nicht zu ihrem Repertoire gehören. Die Auswahl der Stücke erfolgt in Absprache mit den Angehörigen.

Erinnerung an einen Stammgast

Besonders in Erinnerung geblieben ist der Musikerin eine Begebenheit in Bad Boll mit einem Stammgast, auch wenn sie mit dem Mann nie ein Wort gewechselt hat. Jedenfalls blieb dieser Stammgast ihrer Montagskonzerte plötzlich aus. Er war gestorben, wie Rees nach ihrem Konzert erfuhr. Einen Tag später rief der Bestatter bei ihr an, denn der Mann hatte sich gewünscht, dass sie auf seiner Beerdigung spielen sollte. Und in ihrem Flyer hatte er bereits seine Auswahl per Kreuzchen getroffen: „Er hat sich nur klassische Stücke gewünscht“, erzählt Sylvia Rees.