Golfstrom Der lange Weg der Wassermassen

Von Roland Knauer 

Doch welchen Weg haben die Wassermassen des Agassiz-Sees genommen? Konnten sie überhaupt die Warmwasserheizung Europas stoppen, wenn sie doch ins Nordpolarmeer flossen und nicht in den Atlantik? Um das zu klären, ließen Alan Contron und Peter Winson jetzt ein Computermodell laufen, das die Ozeanströme genauer als bisherige Modelle simuliert und dabei auch die Eisbedeckung berücksichtigt. Zum einen stellten sie fest, dass die Fluten des St.-Lorenz-Stroms zwar weit im Süden auf den Golfstrom getroffen wären, aber nicht ausgereicht hätten, um das warme Wasser deutlich abzukühlen. „Dieser Golfstrom schiebt jede Sekunde rund 30 Millionen Kubikmeter Wasser nach Nordosten“, erklärt Jochem Marotzke vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. Die fünf Millionen Kubikmeter Schmelzwasser, die in den Annahmen der US-Forscher damals aus der Mündung des St.-Lorenz-Stroms kamen, dürften die Warmwasserheizung Europas kaum abgekühlt haben.

Zum anderen zeigte die Computersimulation einen Weg für die Fluten des Mackenzie-Flusses auf: Sie flossen entlang der kanadischen Küste nach Osten, umrundeten dann den Norden Grönlands und bogen schließlich nach Süden in Richtung Nordatlantik ein. Dort erreichten sie nach einem langen Weg genau das Gebiet, in dem diese wenig salzhaltige Strömung die Tiefenwasserströme abwürgen und damit die Warmwasserheizung Europas abstellen konnte. „Das ist eine sehr interessante Arbeit“, sagt Martin Visbeck vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar in Kiel.

Von Fachkollegen gibt es Lob für die Studie

Allerdings gibt es nach wie vor noch ein paar Unsicherheitsfaktoren. Visbeck gibt zum Beispiel zu bedenken, dass der Meeresspiegel vor 13.000 Jahren niedriger lag als heute und auch die Winde anders geweht haben könnten. Beides beeinflusst die Strömungen und damit auch Veränderungen beim Klima im Norden Europas. Was dabei aber genau passiert, weiß man derzeit noch nicht. Daher können es auch die Modelle nicht berücksichtigen.

„Berücksichtigt ein Modell der Meeresströmung auch die Verhältnisse in der Atmosphäre, simuliert es die Wasserströme viel besser“, ergänzt Jochem Marotzke. Im Großen und Ganzen aber liefern die neuen Computersimulationen einen wichtigen Hinweis, auf welchem Weg die Eiszeit vor knapp 13.000 Jahren nach Europa zurückkam: über den Norden Kanadas und das Nordpolarmeer. Diese Information aber lenkt auch die Aufmerksamkeit für die derzeitige Entwicklung des Klimas verstärkt auf das Meer rund um den Nordpol.