Gottfried von Neuffen Der frivole Rittersmann vom Hohenneuffen
Einer der wichtigsten Lyriker der Stauferzeit war Gottfried von Neuffen. Der wenig zimperliche Ritter pflegte den Minnesang – auch mit derben Texten.
Einer der wichtigsten Lyriker der Stauferzeit war Gottfried von Neuffen. Der wenig zimperliche Ritter pflegte den Minnesang – auch mit derben Texten.
Die Festungsruine Hohenneuffen auf 743 Metern Höhe am Albtrauf ist eine der größten Höhenburgen Süddeutschlands. Im 11. Jahrhundert errichtet, war sie einst die Stammburg der Edelfreien von Neuffen, einer der mächtigsten Adelsfamilien Süddeutschlands. Ein Abkömmling dieser Familie, Gottfried von Neuffen, hielt sich im engen Kreis der staufischen Herrscher auf und hat es als Dichter und Sänger zu Ruhm gebracht. Bei einer Tagung zu neuen Forschungen zur Burg, ihrer Bewohner und ihrer Nutzung wurden nun Aspekte aus dem Leben Gottfrieds von Neuffen beleuchtet.
„Gottfried von Neuffen hatte eine herausgehobene Stellung im Kreis der Adligen seiner Zeit, er war Ritter, in diplomatischer Mission unterwegs, und er war einer der bedeutendsten Sänger seiner Zeit. Er spielte in der Champions League des staufischen Reichs“, sagt Peter Rückert, promovierter Historiker, Germanist, Hochschullehrer und Leiter des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, über den „bei Weitem berühmtesten aller Herren von Neuffen“. Im Codex Manesse, der berühmtesten Liederhandschrift des Mittelalters, erscheint der Sänger mit einer Miniatur, die ihn als Her Gotfrit von Nîfen ausweist. 190 Strophen seines lyrischen Werks sind in der Handschrift erhalten. Anhand des Codex lässt sich auch nachvollziehen, dass Gottfried von Neuffen bei Weitem nicht irgendein, wenngleich auch begabter, Bänkelsänger von der Schwäbischen Alb war. Die Liedersammlung war nach Ständen angelegt, und Gottfried von Neuffen erscheint nach den Fürsten als erster in der Gruppe der edelfreien Herren. „Seine herausgehobene sozialständische Bedeutung ist damit angemessen reflektiert“, meint Rückert.
Die Herren von Neuffen gehörten zum Kreis der Vertrauten der staufischen Herrscher. Durch Eheschließungen und Erbschaften waren sie zu Reichtum und territorialer Macht gekommen. „Ihr herrschaftlicher Einzugsbereich massierte sich an der Alb und am mittleren Neckar und strahlte bis nach Oberschwaben, zum Bodensee und nach Franken aus“, erläutert Rückert. Geboren um das Jahr 1215, taucht Gottfried von Neuffen erstmals urkundlich und in diplomatischer Mission im Jahr 1234 am Hof von Heinrich VII., römisch-deutscher König, König von Sizilien und Sohn Kaiser Friedrichs II., in Frankfurt auf. Dieser war eine Zeit lang auf dem Hohenneuffen erzogen worden und begünstigte die Familie von Neuffen, band sie allerdings auch an sich und seine politischen und militärischen Ambitionen, dem Kaiser, der sich in Italien aufhielt, die Macht zu entreißen.
Gottfried von Neuffen tat sich dabei standesgemäß als wenig zimperlicher Ritter hervor, verwüstete etwa im Zuge des Aufstands Heinrichs VII. gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich die Stadt Backnang und ließ das dortige Stift niederbrennen. Der Kaiser entschied den Machtkampf schließlich militärisch für sich, die Herren von Neuffen verloren Macht, Besitz und Prestige, wurden jedoch begnadigt.
Gottfried von Neuffen fand im engen Kreis der staufischen Herrscher gleichgesinnte Lyriker und Sänger, Förderer und Gönner, Auftraggeber für Dichtkunst und Publikum. Seine Lieder sind im Nachhall des klassischen Minnegesangs einzuordnen. „Die Wonnen des Mai werden gerühmt, da singen die Vögelein, die Auen sind grün, der Mund der Geliebten ist rosenrot“, sagt Rückert. Doch wenn man genau hinhöre, fänden sich viele Andeutungen des Alltags wieder. Dazu zitiert Rückert auch die bittere Klage des Vaters Gottfried, der an der Wiege seines Kindes mit seinem Schicksal hadert: „Wenn ich mich diesen Sommer lang mit Kindern beschweren muss und mich nicht bis zum Morgengrauen dem Tanz und Reigen, der Minne hingeben kann, so waer ich vil lieber tot“.
Aber der Dichter hatte auch sogenannte Pastourellen verfasst, Lieder über das Zusammentreffen eines Ritters mit einer Hirtin in freier Natur, und hatte dabei keine Scheu vor derben Texten. „Da gibt es ganz handfeste Sachen, ausdrücklich erotische Texte“, erzählt Rückert von „durchaus frivolen Metaphern“. Da soll die Magd auf dem Kornfeld überwunden werden, der Fassbinder deutet seine handwerkliche Kunstfertigkeit mit seiner Manneskraft zusammen – und die Dame scheint entzückt: „si sprach ir sint niht las/ mir wart nie gebvnden bas“. In späteren Jahren wurde es ruhig um Gottfried von Neuffen. Der Sänger hatte sich nach einer Erbteilung mit seiner Familie auf die vergleichsweise kleine Burg Blankenhorn bei Güglingen zurückgezogen und widmete sich der Pflege seines Seelenheils durch reichliche Unterstützung des Klosters Maulbronn.
Allerdings war er noch bis ins hohe Alter im diplomatischen Dienst unterwegs, reiste 1273 nach Speyer und trat 1279 noch in Mainz urkundlich als Zeuge auf. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt. Peter Rückert hat jedoch ein historisches Rätsel gelöst. Seine Forschungen ergaben, dass die lange Zeit unbekannte Grablege Gottfrieds von Neuffen und die seiner Familie in der Klosterkirche Maulbronn zu finden ist. „Seine Dichtkunst sollte viele Jahrhunderte überdauern und viele Generationen von Sängern inspirieren“, sagt Rückert.
Hohenneuffen
Die Burg Hohenneuffen liegt in 743 Metern Höhe auf einem mächtigen Felssporn. Die Burg wurde unter Manegold von Sulmetingen im 11. Jahrhundert errichtet. Familiär eng mit den Grafen von Urach und von Achalm verbunden, war die Familie de Niphan (Neuffen) dem süddeutschen Hochadel zuzurechnen. Ab etwa 1185 tritt die Familie als staufischer Parteigänger in Erscheinung. Der Ritter Gottfried von Neuffen lebte etwa von 1215 bis 1279, eine Statue vor dem Heimatmuseum Neuffen erinnert an ihn.
Codex Manesse
Die Liederhandschrift wurde in den Jahren 1300 bis etwa 1340 in Zürich für die Patrizierfamilie Manesse hergestellt. Der Codex gilt als umfangreichste deutsche Liederhandschrift des Mittelalters. Er besteht aus 426 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern und versammelt lyrische Werke in mittelhochdeutscher Sprache. Insgesamt 138 Miniaturen stellen die Dichter in idealisierter Form bei höfischen Aktivitäten vor. Die Anordnung der Texte orientiert sich am sozialen Stand der Autoren. Der Codex Manesse wird in der Universitätsbibliothek Heidelberg aufbewahrt. Im vergangenen Mai nahm die Unesco den Codex in die Liste des Weltdokumentenerbes auf.