Grabungen auf dem Böblinger Schlossberg Archäologen legen die Geschichte des Böblinger Schlosses frei

Der Eingang zum alten Schlosskeller ist bereits freigelegt. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Auf dem Böblinger Schlossberg laufen gerade archäologische Grabungen. Was sie bisher zutage befördert haben.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Der Böblinger Schlossberg gibt einen Teil seiner Geschichte preis. Seit Januar wird dort in die Tiefe gebuddelt. Die Stadt plant hoch oben über Böblingen einen Neubau für die Kunst- und Musikschule. Aufgrund der historischen Bedeutung des Orts sind vor einer Bebauung aber archäologische Grabungen notwendig.

 

Auf den ersten Blick sieht die Ausgrabungsfläche ziemlich chaotisch aus. Mauerreste durchziehen das Gebiet, der Zugang zum historischen Schlosskeller klafft als großes Loch in der Mitte. Arbeiter schaufeln Erde beiseite, sie legen gerade einen Boden frei. Die Archäologen und das Landesamt für Denkmalpflege gewähren an diesem Tag einen Einblick. Sie berichten vom bislang ältesten Fund und erklären, warum stets ein Kampfmittelbeobachter die Arbeit begleitet.

Der Schlossberg mit seiner Geschichte und seinem Rundumblick ist ein ganz besonderer Ort in Böblingen: Das betonen alle Anwesenden, darunter auch der Oberbürgermeister Stefan Belz und die Baubürgermeisterin Christine Krayyvanger. „An solchen Stellen legten Herrscher den Grundstein für ihre Repräsentation“, sagt Dorothee Brenner vom Landesamt für Denkmalpflege, die die Stadt für die gute Zusammenarbeit und ihren Umgang mit der Geschichte lobt. Brenner wäre es zwar am liebsten, wenn der Boden zu bliebe, aber: „Wir können nicht alle Bauvorhaben verhindern, aber zumindest dokumentieren und möglichst viele Erkenntnisse gewinnen.“

Mächtige Mauer aus dem 13. Jahrhundert

Das bislang älteste freigelegte Bauteil ist aus dem 13. Jahrhundert und unterstreicht die Bedeutung des Standorts. Es handelt sich um die große Umfassungsmauer der damaligen Burg – 2,50 Meter dick und etwa 2,60 Meter hoch. „Das hier war keine Miniburg, sondern eine richtig große Anlage“, betont Brenner. Die aktuellen Ergebnisse der Grabung decken sich mit den schriftlichen Quellen. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts weiß man von einer Burg auf dem Schlossberg, später wurde sie zum Schloss ausgebaut, das im Jahr 1817 in den Besitz der Stadt überging. 1943 zerstörten Bomben das Gebäude, es wurde abgerissen. Ob der Schlossberg schon vor dem 13. Jahrhundert bebaut war, dazu gibt es noch keine Erkenntnisse. Sondierungen aus dem Jahr 2000 hätten zwar Keramikstücke aus dem 9. und 10. Jahrhundert hervorgebracht. „Wir können aber nicht sagen, wie sie dorthin gekommen sind“, merkt Brenner an.

Derzeit arbeitet ein siebenköpfiges Team auf dem Schlossberg. Die Firma E&B Excav, die die Grabungen ausführt, ist mit fünf Personen vertreten, unterstützt wird sie von einem Tiefbauer der Firma Eichner. Stets ist ein Kampfmittelbeobachter dabei, der die Funde bewertet, erklärt Thomas Banholzer von E&B Excav. Der Zweite Weltkrieg könnte seine Spuren hinterlassen haben. „Wir haben schon jede Menge Metallschrott gefunden und bekommen jedes Mal fast einen Herzinfarkt“, meint Banholzer. Bislang sei aber nichts Gefährliches dabei gewesen.

Für die Archäologie wertvollen Abfall entdeckt

Die Fläche, die das Team gerade bearbeitet, ist rund 1200 Quadratmeter groß. Die Arbeiten liegen im Plan und brauchen voraussichtlich zwischen sechs bis acht Monaten. Rund 800 000 Euro hat die Stadt für die Arbeiten eingeplant. Die Straße zur Kirche bleibt unangetastet und damit auch das, was darunter ist. Nach der Südseite, auf der aktuell gewerkelt wird, ist aber noch die nördliche Fläche auf der anderen Straßenseite dran. „Von den 1000 Jahren Baugeschichte, haben wir bislang etwa die ersten 200 Jahre untersucht“, berichtet Banholzers Kollege Benjamin Hamm. Für die groben Arbeiten kommt ein Bagger zum Einsatz, für die feineren Schaufeln oder Spachtel. Fest steht, dass das Team 2,50 Meter tief graben muss. Sondierungen hatten ergeben, dass bis dorthin historische Schichten vorhanden sind.

Zwischen 30 Zentimetern und 1,60 Meter sind sie bereits vorgedrungen. Überall dort, wo sie neue Strukturen, etwa eine neue Mauer oder einen neuen Boden, entdecken, bringen sie kleine Zettel an und dokumentieren die Stelle in Wort und Bild. Die Funde, von denen immer wieder die Rede ist, sind vor allem Abfall. Es handelt sich um Keramikscherben, Steinzeug oder Teile von Ofenkeramiken. „Dieser Abfall hilft uns, die Schichten zu datieren“, sagt Brenner.

Zugang zum Keller freigelegt

Unerwartetes haben die Gräber bisher nicht gefunden – außer man zählt die Dartscheibe und die Bierkästen im Schlosskeller dazu, von denen Hamm berichtet. Wie sie dort hineingekommen sind, ist ein kleines Rätsel. Der denkmalgeschützte Gewölbekeller muss um das Jahr 1500 gebaut worden sein. Seit Abriss des Hauses ist der eigentlich zu. Erst jetzt haben die Archäologen die Stufen zu seinem Haupteingang wieder freigelegt, zum Betreten ist er aber noch zu unsicher. Dass er als denkmalgeschütztes Gebäude erhalten bleibt, steht fest. Bislang sieht es laut Brenner auch so aus, als befinde er sich in einem guten Zustand und könne später auch wieder betreten werden. Wie er in die Neubaupläne integriert wird, entscheide sich in Zusammenarbeit mit der Stadt.

Aus Brenners Sicht gibt es im Moment nichts, das gegen eine Bebauung des Schlossbergs sprechen würde. „Wir haben Substanz, die erhalten bleiben, muss, aber das ist ein Thema für die Planung und verhindert nicht einen Neubau.“ Baubürgermeisterin Kraayvanger betont, in enger Abstimmung mit Brenner zu sein. „Wir wissen, dass der Schlossberg ein besonderer Ort ist.“ Am Ende der Grabungen stelle sich die Frage, wie die Stadt mit den Ergebnissen umgehe. „Wie würdigen wir sie? Wie setzen wir sie in Szene? Könnte beispielsweise eine durchsichtige Bodenplatte den Blick in die Vergangenheit gewähren?“ Doch das ist Zukunftsmusik. Zuerst müssen sich die Archäologen noch tiefer in der Geschichte wühlen.

Böblinger Schloss und umstrittenes Bauvorhaben

Geschichte
Spätestens seit Mitte des 13. Jahrhunderts ist auf dem Böblinger Schlossberg eine Burg belegt. Im späten Mittelalter war sie Witwensitz der Württemberg. Ihre Hochzeit erlebte sie im 15. Jahrhundert, als sie regelmäßig Fürsten und Herzöge beheimatete. 1817 kaufte die Stadt das Schloss und funktionierte es in ein Schulzentrum um. In der Nacht auf den 8. Oktober 1943 zerstörten Bomben das Gebäude, es wurde abgerissen.

Umstrittener Neubau
Braucht der Schlossberg ein neues Gebäude? Das stand bereits vor rund 20 Jahren zur Debatte, ein entsprechendes Vorhaben scheiterte. 2019 zog die Böblinger Stadtverwaltung die damaligen Entwürfe wieder hervor und schlug vor, einen dreiteiligen Neubau zu errichten, in den die Musik- und Kunstschule einziehen könnte, inklusive öffentlicher Nutzung wie Gastronomie und Aufführungssaal. 2021 hat der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss gefasst, die Neubaupläne voranzutreiben. Doch das Vorhaben ist umstritten, sogar eine Petition gegen die Höhe der Gebäude wurde gestartet. Zentrale Fragen sind: Ist der geplante Gebäudekomplex zu massiv, der Schlossberg der richtige Ort, das Projekt überhaupt finanzierbar? Kosten von 36,5 Million Euro stehen im Raum. Bäume, die die Stadt für die archäologischen Grabungen fällen ließ, heizten die Stimmung zusätzlich an. Was schlussendlich auf dem Schlossberg entsteht, ist aber noch offen und hängt maßgeblich vom Ergebnis der Grabungen ab. Die Stadt informiert über das Projekt auf der Webseite www.schlossberg-bb.de

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