Hier der emotionale, weit in die Musikgeschichte zurückgreifende Stimmvulkan Joss Stone, dort Grace Jones, die unterkühlte Diva der Disco-Ära und Ikone der achtziger Jahre: Zwei komplett verschiedene Charaktere bringen die Jazz Open am vorletzten Festivalabend auf dem Schlossplatz zusammen.
Ganz in weiß betreten pünktlich um 19 Uhr die Begleiter von Joss Stone die Bühne, dann erst erscheint eine der großen Stimmen des jüngeren britischen Soul und signalisiert schon mit einem knallpinken Abendkleid, wer hier im Mittelpunkt steht. Exakt dieser Konstellation folgt auch das Anfangsdrittel ihres Konzerts: Knapp eine halbe Stunde lang steht hier eine Sängerin mit einer Band auf der Bühne, weniger hingegen eine Band inklusive Sängerin.
Joss Stone im mondänen Paillettenkleid
Entspannt nimmt die Chefin Kontakt zum Publikum auf, wechselt in ein mondänes Paillettenkleid und erzählt erste Anekdoten aus einer zwanzigjährige Musikkarriere mit vielen Höhen und Tiefen, derweil ihr acht Köpfe starkes Ensemble konzentriert einen dezent groovenden Teppich aus Funk und Jazz ausrollt.
Doch trotz schwungvollem Baritonsaxofon, mit energischem Daumenanschlag gespieltem Slap-Bass sowie geschmackvollen Soli an Flügelhorn und Jazzgitarre dauert es, bis Joss Stone und ihr Oktett auf derselben Wellenlänge funken. Mit dem sanften Bar-Jazz „4 and 20“ aber wächst dann zusammen, was zunächst eher nebeneinander her musizierte.
Ein emotionaler Tsunami
Für weitere rhythmische Abwechslung und sommerliche Stimmung sorgt dann ein Reggae-Medley, ehe der Vokal-Vulkan Joss Stone mit „Music“ vom 2007er-Album „Introducing Joss Stone“ endgültig ausbricht. Pure Leidenschaft erfüllt da den Schlossplatz, ein emotionaler Tsunami rollt zwischen Bühne und Tribüne hin und her: Ein beeindruckender Leistungsnachweis einer großartigen Sängerin, die mit Klassikern wie Janis Joplins „Piece of my Heart“ oder dem 1967 von Burt Bacharach komponierten Evergreen „The Look of Love“ auch tief in die Musikgeschichte zurückgreift und ins Great American Songbook.
Wesentlich überschaubarer in jeder Hinsicht ist dann die Zeitspanne, die Grace Jones auf dem Schlossplatz bespielt. Schmale fünfundsiebzig Minuten kurz bleibt ihr Auftritt, und er fokussiert sich auf nur eine Dekade: die 80er Jahre, ihr größtes Jahrzehnt. Die Ära von Walkman, Zauberwürfel und Klamotten aus neofarbener Ballonseide ist mittlerweile bekanntlich ein Fall fürs Museum, wie ein Blick nach Karlsruhe lehrt.
Sind die 80er wirklich reif fürs Museum?
Dort widmet das Badische Landesmuseum den Achtzigern derzeit eine große Retrospektive, stellt in deren Titel (ein scheinbarer Widerspruch) aber zugleich fest: „Sie sind wieder da“. Stellt sich allerdings die Frage: Was ist eigentlich ein Museum? Ein Walhalla der Erinnerungskultur, sicherlich – ebenso sehr aber auch eine Art Gefrierschrank, der Ethnologisches tieffrostet und frisch hält, bis dessen Zeit für ein Revival gekommen ist.
Was Grace Jones dann auf den Schlossplatz zaubert, hat mit einem Soundtrack zum 80er-Jahre-Comeback freilich nicht das Geringste zu tun. Vielmehr zeigt diese Revue, wie weit die heute 75-jährige Hohepriesterin von Genres wie Disco, New Wave und elektrifiziertem Reggae damals ihrer Zeit voraus war.
Grace Jones verkörpert pure Avantgarde
In luftiger Höhe, gut fünfzehn Meter über der Bühne, startet ihr Konzert mit „Nightclubbing“ und einem Dialog aus düster grundierendem Bass und knochentrockenem Schlagzeug. Einmal zu Boden geschwebt, zeigt sich „Amazing Grace“ als Zeremonienmeisterin einer Show, deren visuelle, musikalische und popkulturelle Reize noch immer pure Avantgarde verkörpern.
Rund ein halbes Dutzend Kostümwechsel bekommen die siebentausend Zuschauer auf dem ausverkauften Schlossplatz zu sehen, doch egal, was Grace Jones trägt (oder nicht trägt), ob Pharaonenmaske oder Brustpanzer, ob Netzstrumpfhose, Ballonrock, wagenradgroßen Designerhut oder Kriegsbemalung auf nackter Haut: Radikal ironisiert und pulverisiert sie heute wie vor vierzig Jahren Geschlechterstereotypen und verkörpert schwarzes feminines Selbstbewusstsein. Mehr noch als die Sängerin ist es das Role Model Grace Jones, das einen Quantensprung für die weibliche Selbstermächtigung in der Popkultur verkörpert und den Weg bereitete, auf dem heutige Black-Music-Ladys wie Janelle Monaé oder Santigold unterwegs sind.
Grace Jones fasziniert
Doch auch die Musikerin Grace Jones fasziniert an diesem Abend: avanciert im Police-Song „Demolition Man“ zur manisch wütenden „Demolition Woman“, intoniert bewegend den Kirchenlied-Klassiker „Amazing Grace“, macht mit „Pull Up to The Bumper“ den Schlossplatz zur Großraum-Disco und „Slave to the Rhythm“ knappest bekleidet zur erotisch aufgeladenen Hula-Hoop-Performance.
Die Begleitband an ihrer Seite verbindet derweil Präzisionsarbeit mit höchster musikalischer Ökonomie, spielt keinen Ton zu viel und agiert dennoch mit gnadenloser Vehemenz. Ein Bass im XXL-Format lässt im Schlosshof mehr als nur die Hosenbeine vibrieren, wie Peitschenschläge zerschneiden die teils mit Dub-Effekten aufgemischten Reggae-Grooves die Luft, und eisige Synthie-Sounds ringen wie in „Love is the Drug“ mit einer messerscharfen E-Gitarre unerbittlich um die Vorherrschaft in den Arrangements.
Als Grace Jones schließlich um 22:46 ohne Zugabe (und leider ohne ihren legendären „Libertango“) die Bühne verlässt, ist eines klar: Länger kann man spielen – besser aber kaum.