Fantasie ist gefragt: Kurz mal die Augen schließen und sich die Esslinger Stadtsilhouette mit Umgebung vor das geistige Auge malen. Dann einen mentalen Radiergummi benutzen und die Weinberge, die Reben, die Trauben, die Trockenmauern ausradieren. Es bleibt: ein trostloses Bild. Esslingen ohne Weinberge, das wäre wie Württemberg ohne Trollinger. Für den Erhalt des gewohnt idyllischen Panoramas setzt sich auch der Staffelsteiger-Verein ein. Mit dem Jahreswechsel startet er in ein Festjahr. Vor knapp zehn Jahren, im März 2013, wurde der Verein gegründet.
Pep für Betonmauer
Die Betonmauer in den Esslinger Weinbergen in der Nähe des Staffelsteiger-Platzes ist kein Augenschmaus. Sie ist gut 30 Meter lang, etwa drei Meter hoch. Und sehr grau. Der Verein will sie zu einem Hingucker machen. Ein professioneller Graffiti-Künstler solle beauftragt werden, kündigt Jochen Clauß als Erster Vorsitzender an. Dieser solle der Mauer mehr Pep verpassen. Clauß schwebt ein Motiv vor, das die jahreszeitlich wechselnden Arbeiten der Winzer dokumentiert, ein ganzes Jahr Wengerter-Tätigkeit im künstlerischen Zeitraffer: „Aber natürlich wollen wir dem Künstler nicht zu sehr ins Handwerk pfuschen.“ Die Graffiti-Kunst soll neue Akzente in den Weinbergen schaffen.
Per Satzung ist der Verein mit seinen etwa 160 Mitgliedern eigentlich der Tradition verpflichtet. Er trägt Sorge dafür, dass die Trockenmauern in den Weinbergen erhalten bleiben. Bereits im 13. Jahrhundert wurden sie unter der Herrschaft des Stauferkaisers Friedrich II. errichtet, hat Margit Rapp, die Zweite Vorsitzende, in den Annalen recherchiert. Der Monarch versetzte die Welt zwar vor allem als Enkel Barbarossas, durch sein Falkenbuch sowie seine Beteiligung an den Kreuzzügen ins Staunen. Doch auf die Liste der Errungenschaften während seiner Herrschaft gehören auch die Trockenmauern.
Der Staffelsteiger-Verein legt dabei nicht selbst Hand an. Es sei nicht so, dass Mitglieder mit Handwerkszeug und Leitern in die Weinberge ziehen, um die Trockenmauern auf Vordermann zu bringen, korrigiert Clauß ein aus dem Vereinsnamen leicht ableitbares Vorurteil. Bei der Gründung 2013 wollten die Initiatoren das Problem der von Verfall, Einsturz, Bruch und fehlender Pflege bedrohten Trockenmauern ins öffentliche Bewusstsein rücken und Anreize für deren Erhalt schaffen. Das sei gelungen, freut sich Clauß.
Für in Schuss gebrachte Mauern gibt es Geld. 150 Euro zahlt der Landkreis Esslingen pro Quadratmeter hergerichtetem Stück sichtbare Trockenmauer. Die Stadt Esslingen schießt noch einmal die gleiche Summe hinzu – und der Verein kann nochmals 100 Euro beisteuern. Doch der Betrag von bis zu 400 Euro pro Quadratmeter decke keinesfalls die Unkosten, so Clauß. Die Arbeiten seien aufwendig. Zumal es strenge Vorschriften gebe. Mörtel dürfe nicht verwendet werden. Dem historischen Vorbild folgend sollte Stein um Stein ohne Hilfsmittel aufeinandergesetzt werden. Jeder Einzelblock müsse dafür von Hand gehauen werden. In historischen Quellen, sagt Jochen Clauß, werde berichtet, dass ein Mann einst einen Tag brauchte, um einen Stein in die perfekte Form zu bringen.
Wirtschaftsfaktor und Tierparadies
Der Verein setzt sich nicht nur wegen der Attraktivität des Stadtbildes für die Trockenmauern ein. Jochen Clauß und Margit Rapp zählen weitere Motive für ihr Engagement auf: Die Mauern hielten den Hang und machten den Weinbau in den steilen Terrassenlagen überhaupt erst möglich. Die Stubensandsteine speicherten zudem die Sonneneinstrahlung und gäben die Wärme an die Weinstöcke ab. Sie seien ein Habitat für viele Tiere und Pflanzen. Historische Bedeutung hätten sie durch ihre Entstehung im 13. Jahrhundert zudem. Wichtig sei auch der Erhalt der Handwerkskunst des Trockenmauerbaus. In den Anfangszeiten habe der Verein Workshops dazu angeboten, wie die Mauern fachgerecht saniert werden können: „Diese Kurse werden wir bei Gelegenheit wiederholen.“ Seit der Vereinsgründung, so Clauß, wurden etwa 1000 Quadratmeter Trockenmauern wieder instand gesetzt.
Die herausgeputzten Mauerwerke können und sollen sich sehen lassen. Unter eine Glasglocke möchten der Verein und die Winzer ihre landschaftlichen Schätze nicht stellen. Besucher sind willkommen. Darum wurde laut Margit Rapp 2016 der Weinerlebnispfad oberhalb von Mettingen mit Informationstafeln eingeweiht. Er klärt über Rebsorten, Historie, Anbau, Wichtiges auf. Eine Optimierung ist geplant. Jochen Clauß spricht von mehr QR-Codes, Schildertausch, neuen Tafeln. Bis zum Stadtjubiläum 2027 soll der Weinlehrpfad modernisiert werden.
Der Staffelsteiger-Verein
Geburtstag
Seinen zehnten Geburtstag möchte der Staffelsteiger-Verein Esslingen mit zwei Veranstaltungen für die Öffentlichkeit feiern. Im Sommer ist am Staffelsteiger-Platz in den Weinbergen bei Mettingen ein Fest für alle angedacht. Im November planen die Mitglieder eine Weinprobe mit einem Schuss Unterhaltung im Alten Rathaus. Die genauen Termine werden noch bekannt gegeben.
Lehrpfad
Von der Frauenkirche verläuft der auch vom Staffelsteiger-Verein betreute Weinerlebnispfad in Richtung Mettingen. Der Wanderweg führt bis zur Wengerter-Schutzhütte und dann die Staffeln abwärts nach Westen in Richtung Mettingen. Auf dem Rundkurs können Besucher an vielen Stationen und an Schautafeln Wissenswertes über den Esslinger Weinbau in den Steillagen lesen.
Trollinger
Auf dem Weinlehrpfad geht es auch um Rebsorten. Eine oft geschmähte Sorte ist der Trollinger. Der aber sei besser als sein Ruf, sagt Margit Rapp. Bis in die 90er Jahre seien die Vorschriften in Bezug auf Quantität und Qualität nicht so streng gewesen. Die Reben seien reichlich und üppig gewachsen. Da habe die Qualität schon mal hintanstehen müssen. Heute sei das nicht der Fall.