Grammy Awards 2024 Der Gott des Rock ’n’ Roll ist eine Frau

Die Gewinnerinnen der Grammy-Nacht: Miley Cyrus, Billie Eilish, Taylor Swift Foto: AFP/Valerie Macon, AFP/Frederic J. Brown, dpa/Chris Pizzello

Taylor Swift ist kein Einzelfall. Bei der Grammy-Verleihung gehen alle wichtigen Preise an Frauen. Auch Miley Cyrus, Billie Eilish oder Victoria Monét zählen zu den Gewinnerinnen des Abends. Und dann gab es da noch die denkwürdigen Auftritte von Joni Mitchell und Annie Lennox.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Die alten weißen Männer müssen jetzt ganz stark sein. Denn spätestens seit Sonntagnacht verstehen sie die Welt nicht mehr: Da veröffentlichen die Rolling Stones endlich mal wieder einen richtigen Kracher. Da präsentieren sich Mick Jagger, Keith Richards und Co. in dem knurrigen Riffmonster „Angry“ endlich wieder in Bestform. Da wird das Lied verdientermaßen für einen Grammy als bester Rocksong nominiert – und dann wird der Preis in dieser Kategorie einfach an drei Frauen vergeben, die sich frech Boygenius nennen.

 

Der Männerclub hat ausgedient

„Not Strong Enough“ heißt das Lied, mit dem Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus die Stones und Rock-’n’-Roll-Männerclubs wie die Queens of the Stone Age oder die Foo Fighters in der Kategorie „Bester Rocksong“ hinter sich lassen. Sie setzen sich auch in der Kategorie „Best Rock Performance“ gegen Metallica und die Arctic Monkeys durch. Weil Boygenius auch noch den Preis für das „Best Alternative Album“ erhalten, und Hayley Williams mit ihrer Band Paramore die Preise für „Best Alternative Performance“ und „Best Rock Album“ gewinnt, bleibt Sonntagnacht in der einst als Männerdomäne bekannten Rockabteilung nur der Preis für die „Best Metal Performance“ für Männer übrig: Metallica bekommen ihn für „72 Seasons“.

Phoebe Bridgers, Julien Baker, Lucy Dacus, Taylor Swift und Jack Antonoff (von links) mit ihren Grammys Foto: AFP/FRAZER HARRISON

Dieser Preis wird allerdings wie die meisten der insgesamt 94 Grammys, die es in der Nacht von Sonntag auf Montag in der Crypto.com Arena in Los Angeles zu verteilen gibt, bereits vor der eigentlichen Show verliehen. Während des Events treten Männer dann kaum in Erscheinung. In den vier wichtigsten Grammy-Kategorien (Bestes Album, Bester Song, Beste Aufnahme, Bester Newcomer) gewinnen nur Frauen: Die Ausnahmekünstlerin Taylor Swift holt sich bereits zum vierten Mal die Trophäe in der Königinnenkategorie „Album des Jahres“ – und übertrumpft damit Frank Sinatra, Paul Simon und Stevie Wonder – und verrät nebenbei, dass am 19. April ihr neues Album „The Tortured Poets Department“ erscheinen wird.

Zum Song des Jahres wird Billie Eilishs „What I Was Made For“ aus dem „Barbie“-Film erkoren. Die beste Aufnahme des Jahres heißt „Flowers“ und stammt von Miley Cyrus, die in ihrer Dankesrede wieder einmal gekonnt die Provokateurin spielte („Ich glaube, ich habe zwar keinem vergessen zu danken, dafür habe ich aber wahrscheinlich meine Unterwäsche vergessen.“). Und als Newcomerin des Jahres wird Victoria Monét ausgezeichnet, die ebenfalls einen Rekord aufstellt: Mit 34 Jahren ist sie die älteste Musikerin, die jemals mit diesem Preis ausgezeichnet wurde, sie entthront Sheryl Crow, die 33 Jahre alt war, als sie im Jahr 1995 in dieser Kategorie gewann.

Trevor Noah als Quotenmann

Miley Cyrus mit Meryl Streep und Mark Ronson (von links) Foto: AFP/VALERIE MACON

Die weibliche Dominanz bei der 66. Grammy-Awards-Show, die von Trevor Noah als Quotenmann moderiert wird, kommt nicht überraschend. Unter die Nominierten in den Kategorien „Aufnahme des Jahres“, „Song des Jahres“ und „Album des Jahres“ hatte es nur ein Mann geschafft: Jon Batiste trat allein gegen Taylor Swift, Miley Cyrus, Lana Del Rey, Victoria Monét, Billie EIlish, Boygenius, Dua Lipa, Olivia Rodrigo und SZA an.

Joni Mitchell singt „Both Sides Now“

Auch im Showteil der Awards-Gala stehen die Auftritte von Musikerinnen im Vordergrund. Zwar war mit großer Spannung Billy Joels Auftritt mit seinem neuen Song „Turn the Lights Back On“ erwartet worden, doch viel beeindruckender ist dann doch Joni Mitchell, die krankheitsbedingt im Sessel sitzend eine betörende Version ihres Klassikers „Both Sides Now“ vorträgt, oder Annie Lennox’ herzzerreißende Interpretation von „Nothing Compares 2 U“, mit der der verstorbenen Sinéad O’Connor gedacht wird.

Zum neuen weiblichen Selbstbewusstsein im Pop passt, dass viele der Songs, die die Nominierten während der Show spielen, ein trotziges Bekenntnis zu sich selbst sind und eine Abrechnung mit männlicher Selbstgerechtigkeit darstellen – Miley Cyrus „Flowers“ ebenso wie „Kill Bill“ von SZA, Billie Eilishs „What Was I Made For“ oder Olivia Rodrigos „Vampire“. Den Refrain des Hits der 20-Jährigen, die mehrfach nominiert war, aber leer ausgeht, muss Rodrigo für die Show, die in den USA im öffentlichen Fernsehen übertragen wird, allerdings umdichten – aus „Bloodsucker! Famefucker!“ wird „Bloodsucker! Dreamcrusher!“

Oliva Rodrigo singt „Vampire“ Foto: AFP/VALERIE MACON

Ed Sheeran lächelt sich durch den Abend

Während all dieser Auftritte kann man immer wieder im dunklen Saal sehen, wie Taylor Swift fröhlich die Songs ihrer Kolleginnen mitsingt. Gleich neben ihr lächelt sich Ed Sheeran durch den Abend, der mit seinem „Subtract“-Album in der Kategorie „Bestes Gesangsalbum Pop“ gegen Swift verliert.

Als einzige Männerdomäne erweist sich bei der diesjährigen Grammy-Verleihung nur der Job des Produzenten. Hier waren tatsächlich ausschließlich Männer nominiert. Und es gewinnt wenig überraschend Jack Antonoff. Der hat immerhin Lana Del Reys „Did You Know That There’s a Tunnel Under Ocean Blvd“ produziert – und eben Taylor Swifts „Midnights“.

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