„Graue Wölfe“ und Nationalisten Wie türkische Rechtsradikale in Stuttgart um Kinder werben

In einem unscheinbaren hellblauen Eckhaus im Stuttgarter Stadtteil Stöckach inmitten einer Wohnsiedlung sitzt der „Türkische Nationale Kulturverein“. Foto: / Erdem Gökalp

Baden-Württemberg gilt als eine Hochburg türkischer Rechtsradikaler. Ein Ableger hat seinen Sitz im Stuttgarter Stadtteil Stöckach. Der Landesverfassungsschutz sieht eine Gefahr insbesondere für Jugendliche.

Stadtkind: Erdem Gökalp (erg)

Stuttgart - Stolz sehen die Kinder aus. Sie sitzen in ihrem Stuttgarter Vereinshaus am Stöckach zum Essen mit erwachsenen Männern am Tisch, halten eine handgerechte Portion Cigköfte in der einen Hand und formen mit der anderen das Zeichen der rechtsradikalen Grauen Wölfe: Zeigefinger und kleiner Finger sollen abstehen wie Wolfsohren. Die Szene ist festgehalten auf einem Foto, das der „Türkische Nationale Kulturverein“ im November 2021 auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat.

 

An der Wand hinter den Kindern hängen Porträts von Ikonen der türkischen Rechtsradikalen – etwa des Gründers der Partei MHP, Alparslan Türkes. Er war im Jahr 1960 eine der führenden Figuren beim Militärputsch in der Türkei.

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Südwesten ist eine Hochburg für Rechtsradikale

Laut dem Landesverfassungsschutz gilt insbesondere der Südwesten als eine Hochburg der türkisch-rechtsradikalen Bewegung. Auf Anfrage unserer Zeitung sagt ein Sprecher: „Die Vereine im Großraum Stuttgart sind besonders mitgliederstark und weisen eine hohe Aktivität auf.“ Die Verfassungsschützer rechnen der Bewegung im Südwesten etwa 2400 Personen zu. Sie tritt bundesweit jedoch in unterschiedlichsten Vereinen und Parteien in Erscheinung.

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Ein Verein ist die besagte Organisation in einem unscheinbaren hellblauen Eckhaus im Stuttgarter Stadtteil Stöckach inmitten einer Wohnsiedlung. Offiziell sitzt in dem Gebäude der „Türkische Nationale Kulturverein“. Laut Vereinsregister wurde dieser 1975 in der Landeshauptstadt gegründet. Durchforstet man das Internet, so findet man Hinweise auf verschiedene Einrichtungen in dem Gebäude: ein Nachhilfeinstitut, eine Teestube und eine Moschee.

Türkisch-rechtsextremer Dachverband ADÜTF

Laut eines Sprechers des Landesverfassungsschutzes ist der Verein in Stuttgart-Ost Teil des türkisch-rechtsextremen Dachverbands ADÜTF. Der 1978 gegründete Verband ist der inoffizielle Vertreter der türkischen Rechtsextremen in Deutschland und laut Landesverfassungsschutz auf die Wahrung einer „legalistischen Fassade“ bedacht. Laut einer Antwort des baden-württembergischen Landtags auf eine Anfrage der FDP vom Januar 2021 versucht die ADÜTF schon früh, Kinder mit kulturellen Angeboten als Mitglieder zu gewinnen – eigentliches Ziel sei jedoch, sie im Sinne eines türkisch-rechtsextremen Weltbildes zu prägen.

Diesen Eindruck erhält man auch vom Stuttgarter Verein. Laut ihrer offiziellen Selbstbeschreibung richten sich ihre Angebote insbesondere an Kinder und Jugendliche, mit dem Ziel, „die nationale Identität“ zu fördern. Diese Information hat der Verein auf einem Flyer auf Türkisch veröffentlicht, der im Oktober 2021 auf ihrer Facebook-Seite gepostet wurde. Um Kindern und Jugendlichen die türkische Kultur näher zu bringen, werden unter anderem Musik- und Tanzkurse angeboten. Man kann das türkische Saiteninstrument Baglama oder Volkstänze lernen. Auch der Islam ist eng verbunden mit ihrer Ideologie. Im September veröffentlichte der Verein ein Angebot für Korankurse. Angebote unserer Zeitung zu einem Gespräch blieben jedoch unbeantwortet.

Auseinandersetzungen bei Demonstrationen

Aktuell sind laut Landesverfassungsschutz keine politisch motivierten Gewalttaten der in Baden-Württemberg auftretenden Mitglieder türkisch-rechtsradikaler Verbände bekannt. Es sei laut eines Sprechers jedoch eine gewisse „Waffenaffinität“ unter ihnen feststellbar. Zu einem möglichen Vereinsverbot wollte sich das Innenministerium Baden-Württemberg auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern.

In der Vergangenheit kam es vor allem am Rande von pro-kurdischen Demonstrationen immer wieder zu Provokationen und körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrationsteilnehmern und einzelnen Anhängern der türkisch-nationalistischen Bewegung. Aus Teilen von ihnen sei laut Landesverfassungsschutz zudem ein gesteigertes „verbal-radikales Verhalten“ im Internet zu beobachten, häufig in Form von Diffamierungen des propagierten „politischen Gegners“.

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Am wohl bekanntesten unter den türkischen Nationalisten sind die Grauen Wölfe. Die Gruppierung gilt in der Türkei als außerparlamentarischer Arm der Rechtsradikalen. Laut dem Islamwissenschaftler Maurus Reinkowski geht von ihnen in der türkischen Diaspora in Europa die größte Gewaltbereitschaft aus. Ihre Ideologie zeichnet sich durch Antisemitismus und Rassismus aus. Sie haben jedoch keine offizielle Vertretung.

MHP hat Wählerpotenzial von 15 Prozent

Dass türkischstämmige Menschen in Deutschland als Rechtsextreme auftreten, liegt laut Kemal Bozay, Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften an der Internationalen Hochschule Köln, daran, dass sie politische und gesellschaftliche Konflikte aus dem Herkunftsland Türkei auch in Deutschland austragen. In der Türkei allein hat die rechtsradikale Partei MHP ein Wählerpotenzial von 15 Prozent. Die Ideologie zeichnet sich durch einen Panturkismus aus, der vorsieht, dass alle Turkvölker Asiens unter einer gemeinsamen Führung stehen sollten. Eine Ideologie, mit der sich auch Türken in Deutschland ganz offensichtlich identifizieren können.

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