Greta Thunberg Vom Sockel gerutscht

Greta Thunberg 2019 beim UN-Klimagipfel Foto: dpa/Jason Decrow

Günter Grass, Margot Käßmann, Alice Schwarzer – und nun Greta Thunberg: Kein Idol ist sicher vor dem Absturz. Warum wir nach Vorbildern gieren, die Lust an ihrem Straucheln aber fast noch größer ist.

Etwas genervt hatte sie schon eine ganze Weile. Ihre Wut-Rede beim UN-Klimagipfel – schwer zu ertragen. Ihre Rhetorik – kurz vor der Apokalypse. Der mediale Hype – bedenklich. Da kam bei manchen fast ein wenig Erleichterung auf, als die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg sich mit ihren Aussagen zum Nahostkonflikt ins Aus schoss. Von der Heiligen der Klimabewegung zur Hasspredigerin der Hamas, tiefer konnte der Absturz kaum ausfallen – ganz gleich ob schlecht beraten, historisch unbeleckt oder intellektuell überfordert.

 

Die 21-Jährige ist nicht die Erste, die vom Sockel ihres Denkmals rutscht. Ganz im Gegenteil, Thunberg erfreut sich bester Gesellschaft: ein Nobelpreisträger, der als Gewissen einer Nation fungiert, dem dann aber plötzlich einfällt, dass er mal in der Waffen-SS war; eine Bischöfin, die sich als moralische Instanz inszeniert und mit 1,54 Promille aus dem Verkehr gezogen werden muss; eine Ikone der Frauenbewegung, die zum Sprachrohr Putins mutiert; ein Verteidigungsminister, der schon als kommender Kanzler gehandelt wird, dann aber über eine Plagiatsaffäre stolpert.

Thunberg ist in guter Gesellschaft

Günter Grass, Margot Käßmann, Alice Schwarzer, Karl-Theodor zu Guttenberg – und nun eben Greta Thunberg. Wieder folgt auf den steilen Aufstieg der tiefe Fall, landet eine Ikone unsanft auf dem Misthaufen der Geschichte. Wieder ist das Entsetzen groß. Noch größer scheint allerdings die Faszination zu sein, die eine solche Selbstentzauberung auslöst.

Nur woher kommt die Gier nach Idolen und die Lust an ihrem Sturz? „Wir brauchen Vorbilder, weil wir uns nicht nur aus uns selbst heraus entfalten können“, sagt Hans Mendl, Religionspädagoge an der Universität Passau. Für die Identitätsentwicklung junger Menschen sei es unabdingbar, sich mit dem Leben und den Entscheidungen anderer Menschen auseinanderzusetzen und sich zu überlegen, wie sie selbst in ähnlichen Situationen handeln würden. Ganz gleich ob es nahe Verwandte oder mediale Helden sind.

Vorbilder bieten Bequemlichkeit

Oder wie der Schriftsteller Erich Kästner einst bemerkte: „Bei Vorbildern ist es unwichtig, ob es sich dabei um einen großen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken gesagt oder getan hat, wovor wir zögern.“

Der Mensch sei ein soziales Wesen, der Drang, sich zu vergleichen, ein geradezu biologisches Bedürfnis, meint auch der Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg. Vorbilder dienen aber nicht nur als moralische Fixpunkte, die Orientierung versprechen. „Praktisch gesehen bieten sie uns auch Bequemlichkeit“, gibt Helen Franziska Veit vom Tübinger Institut für Empirische Kulturwissenschaft zu bedenken: „Wenn sich andere vorbildlich um das Klima kümmern, kann ich mich zurücklehnen und sie anfeuern, statt selbst aktiv zu werden“. So weit, so gemütlich.

Freude über fallende Helden

Doch warum ist die Freude über fallende Helden fast noch größer als die Gier nach Idolen? Ist es Schadenfreude? Neid? Oder schlicht Bösartigkeit? Die Freude über gestrauchelte Vorbilder lenke ab von den blinden Flecken der eigenen Person und biete die Chance, Andersdenkende zu desavouieren, erklärt Mendl. Wobei die Reaktion auf den Absturz davon abhängt, „ob die eigenen Vorbilder die Erwartungen nicht erfüllen oder die Idole anderer stürzen“, betont Veit.

„Gerade im Fall von Greta Thunberg ist bei manchen die Häme groß, weil die Aktivistin mit starken Klimaforderungen bekannt wurde, die viele Menschen noch immer für eine unangebrachte Einschränkung ihrer Freiheiten halten.“ Ihnen komme gelegen, Thunberg das Rederecht zu entziehen und damit auch die ursprüngliche Agenda zu diskreditieren. Die Anhänger der Schwedin sind dagegen alles andere als erfreut.

Wenn ein Narr fällt, ist das kein Drama

Der Würzburger Medienpsychologe Schwab sieht soziale Vergleichsprozesse am Werk. „Greta Thunberg verhält sich in Sachen Klimaschutz konsequenter und korrekter als die meisten von uns. Wenn sie fällt, werde ich aufgewertet. Ich muss nicht mehr hochschauen, sondern kann runterschauen und mich dadurch groß fühlen. Das kickt den Selbstwert.“ Die Sendung „Dschungelcamp“ bediene genau diese sozialen Abwärtsvergleiche. Kakerlaken und Känguruhoden inklusive.

Über den Grad der Häme oder des Entsetzens entscheide die Fallhöhe, erklärt Schwab und verweist auf die Welt des Theaters und die Dramentheorie. Je höher der soziale oder moralische Rang des Helden war, umso stärker wird sein Fall empfunden. „Wenn ein Narr fällt, ist das kein Drama.“ Anders sei es beim König. Je größer die Fallhöhe, umso interessanter für den Zuschauer.

Zum Heldenzyklus gehört der Fall

Aufstieg, Absturz, Abgang. Applaus, Applaus, Applaus. Ob „Nibelungensage“ oder „Rolandslied“: Der Fall gehört zum Heldenzyklus dazu, worauf das Wort Zyklus – altgriechisch für Kreis oder Kreislauf – ja auch zart hinweist. Wobei auf den tiefen Fall durchaus eine Wiederauferstehung folgen kann, vorausgesetzt der Held lebt noch und erkennt seine Fehler. Fertig ist das Happy End.

Zurück in der Realität stellt sich die Frage, ob wir zu viel von unseren Idolen erwarten? Ist es nicht ganz natürlich, dass jede Lichtgestalt Schattenseiten hat, dass selbst der Klügste ein Narr sein kann? „Leider ist die Versuchung, möglichst keimfreie Vorbilder auf einen Sockel zu stellen, unausrottbar. Dabei sind gerade die Personen mit Ecken und Kanten, mit Stärken und Schwächen besonders geeignet, um das Leben in seiner ganzen Fülle kennenzulernen“, sagt Mendl. Thunbergs Aussagen zum Nahostkonflikt seien unsäglich, „trotzdem sind ihre Verdienste für die Bewältigung der Klimakatastrophe unbestritten. Wir brauchen Vorbilder mit Ecken und Kanten, und keine keimfreien!“

Gott nachsichtiger als die Gesellschaft

Der biblische Gott sei da nachsichtiger als die heutige Mediengesellschaft und gebe gefallenen Helden immer wieder eine Chance: dem Mörder Moses genauso wie dem Ehebrecher David, erklärt Mendl, der sich zum Ziel gesetzt hat, Vorbildgestalten – ob biblische Figuren, historische oder aktuelle Persönlichkeiten – vom Sockel herunterzuholen und zu erden. „Denn es ist spannend, nachzuvollziehen, wie Menschen mit Grenzerfahrungen und Scheitern umgegangen sind“, betont Mendl, der in der Online-Datenbank „Local Heroes“ Helden des Alltags ein Gesicht gibt.

Ihren Heldenstatus hat Greta Thunberg verloren. Antisemitismus läuft eher nicht unter „Ecken und Kanten“. Anders als bei Käßmann oder zu Guttenberg, die nach ihren Fehltritten Reue zeigten, fiel bei der Klimaaktivistin die Selbstreflexion der eigenen Selbstgerechtigkeit zum Opfer. Mit jedem Auftritt disqualifizierte sich die einstige Ikone noch mehr.

Tiraden gegen Israel und die Medien

Dass selbst enge Getreue wie Luisa Neubauer ratlos bis peinlich berührt auf ihre Tiraden gegen Israel und die westlichen Medien reagierten, schien sie nicht zum Nachdenken zu animieren. Auf Kritik reagierte sie bockig. Eine Eigenart, die ihr als 15-Jähriger zugestanden wurde, im Dienste der guten Sache bewundernswert erschien, sechs Jahre später, als Erwachsene, aber kaum zum Vorbild taugt. Fakten ändern sich auch nicht, wenn man Lügen ständig wiederholt – oder die Luft lange genug anhält.

Insofern scheint eine Wiederauferstehung der heiligen Greta, zumindest in Deutschland, derzeit ausgeschlossen, wird Thunberg trotz ihrer Verdienste Kritikern und Spöttern als Abwärtsvergleich dienen. Ganz ohne dass sie im „Dschungelcamp“ in Maden baden musste. Das Denkmal ist gefallen. Höchste Zeit für neue Helden!

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