Grippe Ist die jährliche Impfung sinnvoll?
Experten diskutieren, ob eine wiederkehrende Immunisierung deren Wirkung abschwächt.
Experten diskutieren, ob eine wiederkehrende Immunisierung deren Wirkung abschwächt.
Stuttgart - Dem ersten Mahner wollte vor fast 40 Jahren noch keiner richtig glauben. 1979 berichtete der britische Mediziner Trevor Hoskins über eine seltsame Beobachtung. Er hatte in einem Internat in der Nähe von London 800 Jugendliche gegen die Grippe geimpft. Und festgestellt: Die Spritze wollte nicht bei allen Jungen gleich wirken. Der Schutz gegen die Influenza funktionierte bei den einen nur halb so gut wie bei den anderen.
Und zwar handelte es sich genau um die Schüler, die schon im Jahr zuvor geimpft worden waren – eigentlich hatte man das Gegenteil erwartet. Mit diesem „Hoskins Paradoxon“ gelang es dem Wissenschaftler zwar, sich in die Geschichtsbücher einzutragen, aber damit hatte es sich auch. Schon bald schien die Entdeckung vergessen.
Spätestens seit vergangenem Jahr kann davon keine Rede mehr sein, sein Paradoxon hat sich zu einem der heißesten Themen in der Influenzaforschung gemausert. Schon in Australien fiel 2017 die Grippe im Sommer besonders schwer aus, im Winter zogen die Viren dann auf die Nordhalbkugel weiter. Und zeigten sowohl hier wie dort dieselbe rätselhafte Eigenschaft: Nach den Ungeimpften setzten sie am übelsten den Menschen zu, die sich bereits im Vorjahr hatten impfen lassen. Ein Schutz durch die Auffrischung war bei ihnen bloß in einem von zehn Fällen zu beobachten. Bei Neugeimpften wirkte die Spritze viermal stärker.
Dieses Problem trat so allerdings nur bei einem Erreger auf, dem Virus H3N2. Gerade er ist aber besonders gefürchtet: Im Vergleich zu seinen Reisebegleitern H1N1 und den Influenza-B-Viren wird er älteren Menschen deutlich gefährlicher. Und wandelt zudem am schnellsten die Strukturen ab, auf die die Mediziner mit den Impfstoffen zielen. Die Hersteller versuchen zwar jedes Jahr, sich dem anzupassen, kommen aber nicht immer richtig hinterher. Das galt zum Beispiel auch im vergangenen Winter.
Früher, sagt Danuta Skowronski, habe man solche Phänomene gerne ignoriert, um Diskussionen über die Wirksamkeit zu vermeiden. Inzwischen schauen die Influenzaforscherin von der kanadischen Gesundheitsbehörde im Bundesstaat British Columbia und ihre Kollegen genauer hin. Und stellen auch dank neuer Technologien fest: Hoskins’ Paradoxon ist eher die Regel als die Ausnahme. Auch 2014 waren Menschen, die ihre Impfung nur auffrischen wollten, deutlich schlechter geschützt. In der Saison vier Jahre zuvor schien die Spritze in einer Studie bei ihnen gar nichts zu bewirken. In manchen Wintern wiederum ist der Effekt kaum zu erkennen. Warum, bleibt ein Rätsel.
Offen ist auch noch die Antwort auf die Frage, ob das Impfen über mehrere aufeinanderfolgende Jahre die Abschwächung noch weiter verstärkt. Hinzu kommt: So häufig wie die Influenza-Vakzine wird keine andere Impfung gegeben. Gegen Masern, Mumps und Röteln kommen bis zum Rentenalter gerade mal zwei Spritzen zusammen, gegen die Grippe können es 65 sein. „Und noch kann keiner genau sagen, was das für Langzeiteffekte hat“, sagt Danuta Skowronski.
Für die Epidemiologin steht fest: „Wir müssen unbedingt die Auswirkungen und Ursachen dieser Effekte aufklären.“ Immerhin wird jedem Deutschem über 60 und anderen besonders Bedrohten die jährliche Grippeimpfung offiziell ans Herz gelegt, in den USA sogar allen Menschen.
Als die wahrscheinlichste gilt momentan folgende Erklärung: Wenn sich nach einer Impfung im einen Jahr sogenannte Antikörper bilden, können diese im nächsten Jahr den neuen Impfstoff neutralisieren. Dies gilt vor allem, wenn der Impfstoff unverändert bleibt. Damit würde auch keine frische Antikörpermunition entstehen, mit der die Abwehrzellen dann neue Virengenerationen attackieren. Andere Nebenwirkungen als diese sogenannte negative Interferenz waren bei der Impfung von mehreren Hundert Millionen Menschen zum Glück nicht zu entdecken.
Womöglich spielt sogar noch ein weiterer Faktor eine Rolle, vermutet Ana Rita Gonçalves Cabecinhas vom Nationalen Influenza-Referenzzentrum der Schweiz an der Universität Genf. Ihrer Meinung nach sind für die Wirkung einer Impfung wohl auch unsere Kindheitserfahrungen mitentscheidend. Nach der Theorie vom sogenannten antigenetischen Imprinting, die viele in der Szene vertreten, drückt der erste Kontakt mit einem Grippevirus dem kindlichen Immunsystem gewissermaßen seinen Stempel auf.
Es richtet sich darauf ein, im Leben vor allem diesen Influenzaerreger zu bekämpfen. Umlernen scheint nur noch begrenzt möglich zu sein. „Das würde zum Beispiel bei der Erklärung helfen, warum H3N2 vor allem älteren Menschen gefährlich wird“, sagt die Virologin. Der begann nämlich erst 1968, Menschen zu infizieren. Das heißt, in ihrer Jugend sind ihm Senioren nie begegnet. Als 2009 dagegen der Erreger ihrer Kindheit, H1N1, als Schweinegrippe zu einer Pandemie ansetzte, erwiesen sie sich als überraschend immun – zumindest im Vergleich zu jüngeren Menschen. Die hatten als Kind zwischen 1957 und 1977 gar keine Chance, sich vorzubereiten: Damals war das Virus untergetaucht.
Bei Personen, die gewohnheitsmäßig zur Impfung gehen, könnte sich dieser Effekt noch verstärken, sagen manche Experten. Weil bei ihnen diese Erinnerung jedes Jahr neu aufgefrischt wird. Einige Wissenschaftler raten deshalb inzwischen sogar dazu, sich nur noch jedes zweite Jahr gegen Grippe impfen zu lassen.
Und lehnen sich damit ein bisschen weit aus dem Fenster, meint Edward Belongia vom Klinischen Forschungsinstitut in Marshfield. „Mit Impfung lebt es sich immer gesünder“, sagt der Influenzaforscher, das gelte auch für Gewohnheitsimpfer. Selbst wenn die negative Interferenz dazu führe, dass sich einzelne Geimpfte mit der Grippe anstecken, seien die Betreffenden immer noch besser dran als ohne Spritze, erklärt der Experte. Die Gefahr für einen wirklich schweren Krankheitsverlauf, das konnten Wissenschaftler schon mehrfach zeigen, sinkt sogar bei löchrigem Impfschutz um mehr als 50 Prozent.
Am 23. November hat das Bundesgesundheitsministerium offiziell festgestellt: „Es besteht in Deutschland ein Mangel der Versorgung der Bevölkerung mit in Deutschland zugelassenen saisonalen Influenza-Impfstoffen. Die Impfung der betroffenen Personengruppen, entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, ist derzeit nicht flächendeckend sichergestellt.“ Damit ist der Weg frei etwa für Importe von Grippeimpfstoffen.
Zu früh, da sind sich die meisten Fachleute einig, sollte man nicht impfen. Alle 28 Tage nach der Impfung schwindet der Schutz um je 16 Prozent. In den letzten Jahren ging die Epidemie erst ab der Jahreswende richtig los. Deshalb sollte man da bereits geimpft sein – auch wenn das Virus bis März, April bleibt. Die Impfwirkung tritt nach zehn bis 14 Tagen ein.