Großbritannien vor Brexit Was sagen Briten in Stuttgart? „Es ist alles so sinnlos“

Von Siri Warrlich 

Nach der Parlamentswahl in Großbritannien ist jede Hoffnung auf ein zweites Brexit-Referendum geplatzt. Wie ist die Stimmung bei Briten in Stuttgart und welche Konsequenzen hätte ein EU-Austritt für sie?

Simone Louis lebt seit 25 Jahren in Stuttgart. Vor einigen Jahren hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. „Darüber bin ich jetzt erleichtert“, sagt Louis. Wie ist die Stimmung bei Briten in Stuttgart am Tag nach der Parlamentswahl? Das zeigt unsere Bilderstrecke. Foto:Lichtgut/Max Kovalenko Foto:   4 Bilder
Simone Louis lebt seit 25 Jahren in Stuttgart. Vor einigen Jahren hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. „Darüber bin ich jetzt erleichtert“, sagt Louis. Wie ist die Stimmung bei Briten in Stuttgart am Tag nach der Parlamentswahl? Das zeigt unsere Bilderstrecke. Foto:Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Peter Sondheim hat bis zuletzt gehofft, dass sich der Brexit doch noch abwenden lässt. Anders als viele seiner Landsleute, die in Stuttgart leben, hat er bis heute nicht die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. „Ich hätte es machen sollen. Aber ich war immer überzeugt, dass es doch nicht so kommt“, sagt Sondheim. „Die halbe Nacht war ich auf, um die Wahl zu verfolgen. Jetzt bin ich müde und sauer.“

Nach der Parlamentswahl am Donnerstag ist klar: Der Brexit kommt – voraussichtlich Ende Januar 2020. Die Tories um Premierminister Boris Johnson haben mit ihrem haushohen Sieg alle Erwartungen übertroffen. Johnson wird den EU-Austritt seines Landes nun vollziehen – und das wahr machen, was Sondheim bis zuletzt nicht so recht für möglich hielt.

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„Es ist alles so sinnlos“

Seit fast 40 Jahren lebt der Mann im Raum Stuttgart. Seine Frau ist Deutsche. Sondheim hat in der Landeshauptstadt zwei Läden, in der er britischen Whiskey und andere Produkte von der Insel verkauft. Die Entwicklung der letzten Jahre in Großbritannien geht ihm nahe. „Was am tiefsten sitzt bei mir: Es ist alles so sinnlos. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Brexit den Menschen irgendetwas bringt“.

Die Schuld am Ausgang der Wahl sieht Sondheim vor allem bei den Oppositionsparteien. „Labour und die Liberaldemokraten haben so viele Fehler gemacht.“ Bei einer Regierung, die in den letzten Jahren so schlecht gearbeitet habe, hätte aus seiner Sicht eigentlich „fast jede Opposition“ gewinnen müssen. Der Labour-Chef Jeremy Corbyn hätte viel früher zurücktreten und das Feld jemandem überlassen müssen, der dynamischer ist, sagt Sondheim. „Aber es gibt offensichtlich viele Leute bei Labour, die gar nicht gewinnen wollen. Sie wollen in der Opposition bleiben, um sich als moralisch überlegen darzustellen.“

Wird es für Ladenbesitzer schwieriger?

Ähnlich deprimiert wie Peter Sondheim ist Christian Hazlewood. Mit dem „English Tearoom“ im Heusteigviertel versuchen er und seine Frau Lynn, den Stuttgartern die britische Teekultur näher zu bringen. Es gibt einen Laden, Back-Workshops und Teezeremonien. „Die Hoffnung war natürlich nicht groß, aber gehofft, habe ich doch bis zuletzt, dass der Brexit sich noch verhindern lässt“, sagt Hazlewood. Der 57-Jährige vergleicht den Wunsch seiner Landsleute nach dem EU-Austritt mit einer Krankheit namens BIID. Die Abkürzung steht für „Body Integrity Identity Disorder“: Menschen, die körperlich gesund sind, sehnen sich danach, eine Gliedmaße zu amputieren.

Hazlewood und seine Frau haben vor drei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Dennoch geht er davon aus, dass der EU-Austritt Großbritanniens für ihn Konsequenzen haben könnte. Denn einige der Produkte, die sie im „English Tearoom“ verkaufen, importieren die Hazlewoods direkt aus dem Vereinigten Königreich. „Mal sehen, was für ein Deal ausgehandelt wird“, sagt Hazlewood. Wie Großbritannien künftig mit seinen wichtigsten Partnern Handel treibt und zusammenarbeitet, ist bislang nur in Grundzügen in einer unverbindlichen politischen Erklärung angerissen. Im Detail muss das im Laufe des kommenden Jahres geregelt werden.

„Ich hätte nicht gewusst, wen ich wählen soll“

Wie die Hazlewoods hat auch Simone Louis mittlerweile einen deutschen Pass. „Darüber bin ich jetzt erleichtert“, sagt die Grafikdesignerin. Seit einem Vierteljahrhundert lebt sie in Stuttgart. Weil sie schon so lange nicht mehr in Großbritannien wohnt, durfte Louis – genau wie Sondheim und Hazlewood – nicht wählen. „Aber ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich abstimmen soll.“ Aus Louis’ Sicht war die Abstimmung eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Sie geht davon aus, dass viele Menschen, die den Brexit eigentlich nicht wollen, nun doch für die Tories gestimmt haben. „Sie wollen einfach, dass nun endlich mal Schluss ist.“ Die Volksabstimmung zum Brexit war im Juni 2016. Kommt der Austritt wirklich? Und wenn ja, wie? Seit mehr als drei Jahren leben die Briten in Ungewissheit über diese Fragen.

Immerhin: Wenn er sehr weit in die Zukunft blickt, hat Christian Hazlewood doch wieder Grund zur Hoffnung. Er kann sich vorstellen, dass Großbritannien eines Tages wieder zurückkehrt in die Europäische Union. „Den Brexit wollen vor allem ältere Menschen. Die Jüngeren sind weltoffener.“ Wenn die Alten von heute tot sind, wäre vielleicht eine Umkehr möglich, hofft Hazlewood. „Aber das wird noch Jahrzehnte dauern.“

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