Großeltern, Enkel und Familie Welche Rolle spielen die Großeltern bei der Erziehung von Kindern?

Eine wichtiger familiärer Fixpunkt für alle Beteiligten: Großeltern und Enkel. Foto: Adobe Stock/hedgehog94

Die Kindertagesbetreuung wird immer weiter ausgebaut. Wird die traditionelle Betreuung durch Oma und Opa zum Auslaufmodell? Katharina Spieß, Direktorin des Instituts für Bevölkerungsforschung, im Gespräch über familiäre Strukturen.

Spielen Großeltern in der Betreuung der Enkel noch immer eine große Rolle? Hat der Ausbau der Kindertagesbetreuung ihre Rolle obsolet gemacht? Darüber sprechen wir mit Katharina Spieß, seit 2021 Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Außerdem erklärt sie, warum Großelternbetreuung Eltern zufriedener macht wie Enkel, Eltern und Großeltern voneinander profitieren können und sie wagt auch einen Blick in die Zukunft.

 

Frau Spieß, gibt es eine Faustregel, wie oft Großeltern ihre Enkel sehen sollten?

Eine schwierige Frage. Es gibt keine Stundenzahl oder Angabe, wie oft pro Monat man sich sehen sollte oder so. Aber wir wissen, sehr viele haben Kontakt mit den Großeltern: Über die Hälfte der Kinder unter sechs Jahren wird von ihren Großeltern mitbetreut. Wir wissen zudem, dass das für die ganze Familie sehr wichtig sein kann. Aber wir können nicht sagen, was das Minimum oder Maximum für einen guten Kontakt ist. Das hängt von vielen Faktoren ab.

Ist die Großelternrolle mit der Elternrolle vergleichbar?

Eltern und Großeltern haben unterschiedliche Rollen. Großeltern sind ganz klar nicht die Eltern. Sie unterstützen auf der einen Seite die Eltern, auf der anderen Seite können sie selbst davon profitieren, wenn sie mit der jungen Generation zusammen sind. Und langfristig ist dieses Miteinander auch gesellschaftlich wichtig. Großeltern sind wichtige Unterstützungspersonen bei der Kinderbetreuung, sie können aber nicht der Elternersatz sein.

Oma und Opa verwöhnen ihre Enkel gerne. Können Großeltern den Eltern ihre Rolle auch streitig machen?

Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Großelternbetreuung das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Eltern steigern kann. Sie können die Eltern entlasten, ihnen mehr Freizeit ermöglichen, aber sie können nicht deren Rolle streitig machen.

Katharina Spieß ist seit 2021 Direktorin des Instituts für Bevölkerungsforschung. Foto: Berlin Event /Peter-Paul Weiler

Was können Großeltern den Eltern und Enkeln konkret mitgeben? Wo profitieren beide Seiten voneinander?

Großeltern können Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entlasten. Wir wissen, dass viele Eltern, die keine Großelternbetreuung in Anspruch nehmen können, sich das wünschen würden. Wir wissen auch, das der intergenerationale Zusammenhalt der Gesellschaft von dieser Unterstützung profitieren kann. Gerade für Deutschland kann man sagen, dass die Großelternbetreuung zudem das Wohlbefinden der Großeltern steigern kann.

Stimmt die Wahrnehmung, dass die Großelternbetreuung im Vergleich zu früher zurückgegangen ist?

Das ist nicht so, das haben wir in unseren Studien gesehen. Der Ausbau der Kindertagesbetreuung hat daran nichts geändert. Die Großelternbetreuung blieb über die Jahre relativ konstant. Bei bestimmten Gruppen haben wir eine kleine Reduktion, die aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Wenn sich diese Trends fortsetzen, wird die Großelternbetreuung nicht abnehmen.

Gibt es soziale Gruppen, die vermehrt auf die Großelternbetreuung zurückgreifen?

Gibt es. Vor allem erwerbstätige Mütter, um Beruf und Betreuung zu vereinbaren. Dagegen ist belegt, dass Familien mit Migrationshintergrund kaum auf die Großelternbetreuung zurückgreifen können, weil diese insbesondere bei der ersten Generation noch im Herkunftsland leben. Tendenziell sind es eher bildungsstärkere Gruppen, die auf die Großelternbetreuung zurückgreifen, was auch damit zu tun hat, dass diese vermehrt erwerbstätig sind. Zwischen Westdeutschland und Ostdeutschland gibt es wenig Unterschiede in der Großelternbetreuung – das ist ebenfalls bemerkenswert.

Unterscheidet sich die Großelternbetreuung in Deutschland eigentlich von der in anderen Staaten oder Kulturkreisen?

Studien dazu zeigen, dass die Großelternbetreuung in ganz Europa einen großen Einfluss hat. Es gibt schon Länder, wo sie ausgeprägter ist. Wir wissen aber auch, dass das Wohlbefinden der Großeltern mit der Betreuung der Enkel nicht überall zunimmt. Das kann auch daran liegen, dass Großeltern teilweise nur der „Notnagel“ sind, weil gar nichts anderes geht. Wenn regelmäßig Enkel betreut werden, verlieren Großeltern die Flexibilität in ihrem Alltag, die oft im Ruhestand gerade wieder hinzugewonnen wurde. Es kann also auch eine Verpflichtung für sie werden, die nicht immer nur positiv gesehen wird.

Lassen sich Unterschiede in der Großelternbetreuung von früher zu heute ablesen?

In den letzten 20 Jahren hat sich, wie bereits angeführt, trotz des Ausbaus der Kindertagesbetreuung nichts an der Großelternbetreuung geändert. Es gibt eine frappierende Konstanz im Anteil der Enkel, die von den Großeltern mitbetreut werden.

Hintergrund

Zur Person
Katharina Spieß studierte Volkswirtschaftslehre und politische Wissenschaften an der Universität Mannheim. Anschließend war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum tätig und promovierte dort. 2005 folgte ihre Habilitation an der Technischen Universität Berlin. Nach verschiedenen Stationen und Forschungsaufenthalten im In- und Ausland, übernahm sie 2021 die Leitung des Instituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. Der Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt im Bereich der Familien- und Bildungsökonomie.

Großelterntag
Der Großelterntag wird weltweit an unterschiedlichen Tagen begangen. Auch in Deutschland gibt es keinen einheitlichen Gedenktag. In Baden-Württemberg wurde am 14. Oktober ein Großelterntag vom Sozialministerium des Landes in Ettlingen ausgerichtet. Der Tag soll laut Ministerium „das wichtige Engagement von Großeltern vor Ort würdigen und unterstützen“.

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