Grüne Mobilität Auto schluckt Staub beim Fahren
Der Ludwigsburger Filterspezialist Mann + Hummel hat ein System entwickelt, das die Emissionen deutlich drückt – und mit dem E-Wagen sogar Energie sparen.
Der Ludwigsburger Filterspezialist Mann + Hummel hat ein System entwickelt, das die Emissionen deutlich drückt – und mit dem E-Wagen sogar Energie sparen.
Selbst bei denjenigen, die ihr E-Auto ausschließlich mit Strom aus der eigenen Solaranlage antreiben, sollte sich mitunter das grüne Gewissen melden. Denn über das Bremsen und durch den Abrieb der Reifen gelangen nach wie vor bei jedem Wagen unliebsame Teilchen in die Luft. Allerdings haben Thomas Siegele, Produktexperte für Kabinenfiltrationseinheiten bei Mann + Hummel, und sein Team im Zusammenspiel mit anderen Abteilungen des Ludwigsburger Unternehmens nun Systeme entwickelt, mit denen man dem Traum vom emissionsfreien Fahren zumindest deutlich näher gekommen ist – und die sogar den Energieverbrauch senken.
Mehr als ein Jahr Arbeit haben Siegele und seine Mitstreiter in das Projekt gesteckt, das unter dem Namen „Cleaner Mobility Plattform“ firmiert. Die Technikexperten haben dafür einen ID3 mit mehreren Komponenten ausgerüstet, die den Stromer von VW in ökologischer Hinsicht nochmals nach vorne bringen. Für den ID3 als Prototypen habe man sich entschieden, weil man sich damit vor allem im Stadtverkehr bewege, das Modell im Straßenbild schon verankert und es damit repräsentativ sei, sagt Siegele. Außerdem sei das Fahrzeug relativ klein, was auch insofern ein wichtiger Faktor ist, weil Mann + Hummel zeigen möchte: unser System kommt mit vergleichsweise wenig Platz aus, lässt sich quasi in jedem Auto verstauen.
Als Laie würde man auch kaum erkennen, wo Siegele und Co. bei dem Wagen Hand angelegt haben. Es sind dann aber doch zwei kleine, jedoch maßgebliche Details, die außen hinzugefügt würden. „Zum einen haben wir direkt an den Scheibenbremsen einen Filter angebracht. Wir sorgen damit dafür, dass die Partikel, die beim Bremsen in die Luft gelangen können, direkt an der Quelle eingefangen werden“, erklärt Siegele. In ökologischer Hinsicht sei das ein Gewinn, weil der Großteil der Feinstaubemissionen bei Autos durch den Abrieb von Bremsen und Reifen entsteht. Mit den Filtern an der Bremse ließen sich je nach Machart bis zu 80 Prozent der Partikel einfangen.
Zum anderen wurde an der Nase des ID3 zwischen Kühler und Stoßfänger ein Feinstaubfilter eingebaut, der gewissermaßen als Ministaubsauger fungiert. Die Vorrichtung ziehe die Partikel ein, die im Verkehr frei und aufgewirbelt werden, erläutert Siegele. Dieser Reinigungseffekt der Umgebungsluft kompensiere die Feinstaubemissionen des Autos.
Ziel des Projekts war aber auch, die Luftqualität im Innenraum zu optimieren, wie Siegele erläutert. Deshalb wurde in dem Prototyp ein ultrafeiner Filter installiert, der selbst superwinzige Teilchen herausfischen kann, die kleiner als 0,1 Mikrometer sind. „Die Partikel sind so klein, dass sie sogar in die Blutbahn geraten können“, sagt Siegele. Auch für Allergiker sei die Vorrichtung ein Segen, weil zum Beispiel Pollen ausgesiebt würden. Mindestens 99,95 Prozent der in der Luft schwebenden Schadstoffe verfingen sich im Filter, betont der 47-Jährige. Die Steuerung erfolge automatisch, der Filter springe nur an, wenn Sensoren das Signal senden: die Luftqualität draußen ist eher mau.
Was einen weiteren Baustein des Programms anbelangt, darf der Ingenieur nicht ins Detail gehen. Schließlich soll die Konkurrenz nicht zu viel erfahren. So viel darf man aber schreiben: Mann + Hummel hat ein Verfahren entwickelt, dass die dank des vorgeschalteten Superfilters ohnehin schon reine Luft im Innenraum auf einem gleich bleibend hohen Level hält, wie Siegele versichert. Obendrein lasse sich über die Technik durch die Nutzung eines speziellen physikalischen Phänomens sogar der Energieverbrauch reduzieren.
Der Projektleiter für das Fahrzeug hebt hervor, dass all das auf Herz und Nieren geprüft worden sei. „Wir haben mit dem Auto Versuchsfahrten unter anderem in Paris, Frankfurt, Italien oder Österreich unternommen. Es ging darum, die Technik unter verschiedene Bedingungen und bei unterschiedlicher Luftgüte zu testen, um zeigen zu können, dass das System tatsächlich einen Nutzen hat“, sagt Siegele. Und die Effekte seien jeweils sehr stark gewesen.
Alle Komponenten seien bereit für eine Serienfertigung. Die Technik könne an Automobilhersteller jeglicher Couleur verkauft werden. „Es gibt auch schon Interessenten“, beteuert Siegele. Er streicht zugleich hervor, dass bei dem Projekt nicht nur das Geschäft eine Rolle spielt. „Uns ist wichtig, etwas für die Nachhaltigkeit zu tun. Das ist ein smartes System, das die Gesundheit von Menschen schützt und die Umwelt schont.“ Siegele macht zudem Hoffnung, dass in Zukunft auch der Abrieb der Reifen seinen Schrecken für die Umwelt verlieren könnte. „Wir forschen und arbeiten an Filtrationslösungen zur Aufnahme und Reduktion des Reifenabriebs. Wir sind an einem Pilotprojekt des Fraunhofer Instituts beteiligt, bei dem Reifenabrieb aus einem weitgehend geschlossenen Radhaus abgesaugt und filtriert wird“, sagt er. Die Wirksamkeit sei „sehr gut, die technische Umsetzung in einer Serienlösung ist allerdings komplex und bedarf noch weiterer Entwicklung“.
Umsatz
Mann + Hummel gehört zu den Weltmarktführern in puncto Filtrationstechnik. Der Hauptsitz ist in Ludwigsburg. Im Jahr 2022 erwirtschafteten mehr als 22 000 Mitarbeiter an mehr als 80 Standorten einen Umsatz von 4,8 Milliarden Euro.
Lösungen
Zum Portfolio gehören unter anderem Kraftstoff-, Öl- und Luftfilter für Verbrennungsmotoren. Auch für Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeuge bietet Mann + Hummel Lösungen an. Die Produkte des Unternehmens werden zudem in der kommunalen und industriellen Wasser- und Abwasserbehandlung oder bei der Lebensmittelherstellung eingesetzt.