Grünen-Kritik in Böblingen abgeblockt E-Fuel-Diskussion ohne Scheuklappen führen

E-Fuels sind bisher noch sehr teuer in der Herstellung und daher kaum massentauglich Foto: dpa/Marijan Murat

Die Liberalen fordern Offenheit bei der Diskussion um E-Fuels, wollen Kritik daran aber nicht hören. Das passt nicht zusammen, schreibt Jan-Philipp Schlecht.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Die Diskussion über synthetische Kraftstoffe nimmt Fahrt auf. Das zeigte sich bei der Veranstaltung der Liberalen am vergangenen Montag in der Classic Car Lounge von Klaus Hagenlocher auf der Böblinger Hulb. Weit über 100 Interessierte waren gekommen, um zu hören, was prominente Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft über diese scheinbaren Heilmittel in der Verkehrswende zu sagen hatten. Allen voran pries Norbert Haug als ehemaliger Motorsportchef von Mercedes die neuartigen Treibstoffe an als die Lösung aller Probleme bei der so umstrittenen Mobilitätswende.

 

Und ja, das gemalte Bild wirkt verlockend: Die Politik müsse lediglich die neuartigen Kraftstoffe an der Tankstelle erlauben und im Handumdrehen lösen sich Probleme wie CO2-Ausstoß im PKW-Verkehr und die verschlafene E-Wende bei den deutschen Herstellern in Luft auf. Auf einmal wären auch all die Hausaufgaben wie der mühsame Ausbau der Ladeinfrastruktur und die Technologierückstände der hiesigen Industrie beim E-Auto nicht mehr so drängend. Dass die E-Fuels somit den gewohnten Wohlstand und die Prosperität in der PS-starken Region Stuttgart erhalten oder gar ausbauen könnten, klang wie Musik in den Ohren der FDP-nahen Zuhörerschaft.

Nicht überall ist Elektrifizierung sinnvoll

In der Tat gibt es Stimmen, die in E-Fuels eine schnellere und kostengünstigere Möglichkeit sehen, den CO2-Ausstoß im Verkehrssektor zu reduzieren, insbesondere in Bereichen, in denen Elektrifizierung nicht sofort umsetzbar ist: schwere Nutzfahrzeugen, Flugzeuge und Schiffe. Ein weiterer Vorteil der synthetischen Kraftstoffe liegt in ihrer Speicherfähigkeit und Transportierbarkeit. Im Gegensatz zu Elektrizität können sie leicht in vorhandene Infrastrukturen integriert werden, sei es in Tankstellen für den Straßenverkehr oder für den Einsatz in der Luft- und Schifffahrt. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille.

Es gibt auch eine Reihe von Kritikpunkten an den schillernden Wundersäften. Insbesondere hinsichtlich ihres Energieaufwands bei der Herstellung und der Effizienz des Gesamtprozesses. Die Herstellung von E-Fuels ist sehr energieintensiv und nur dann wirklich nachhaltig, wenn dafür ausschließlich erneuerbare Energiequellen verwendet werden. Darüber hinaus müssen weitere Fortschritte in der Technologie und Skalierung erreicht werden, um die Kosten für die Herstellung zu senken und ihre Effizienz zu steigern. Doch als diese Kritik aus dem Publikum laut werden wollte, blockten die FDP-Vertreter am Montag ab.

Publikumsfragen können leicht ausarten

Nun kann man sich darüber streiten, welche Formate auf einer Podiumsdiskussion geeignet sind, das Publikum mit einzubeziehen. Eine offene Saaldebatte artet schnell aus. Gerade bei einem Thema dieser Komplexität verliert sie sich leicht im fachlichen Klein-Klein. Und die Kritiker im Publikum polterten außerdem ungefragt dazwischen – auch nicht die feine Art. Doch jegliche Kritik an den synthetischen Kraftstoffen auszublenden, hat mit der von den Liberalen vehement eingeforderten Offenheit nicht viel zu tun. Es ist paradox, selbst eine offene Diskussion von allen anderen zu fordern, sie aber selbst nicht führen zu wollen.

Letztlich sollten beide Seiten – E-Fuel-Befürworter und -Kritiker – die Diskussion ohne Scheuklappen führen. Trotz der technischen Herausforderungen bergen die synthetischen Kraftstoffe das Potenzial, den CO2-Ausstoß im Verkehrssektor signifikant zu senken. Es erscheint sinnvoll, sich nicht nur auf die batterieelektrische Technologie zu beschränken, sondern mehrgleisig zu fahren. Insbesondere für den Schwerlastverkehr scheinen die E-Fuels naheliegend zu sein. Batterien als Energiespeicher in Lastwagen sind dagegen schwer vorstellbar.

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