Grundschulempfehlung im Stuttgarter Norden Etliche Fünftklässler sind überfordert

Von unserer Redaktion 

Seit einem Jahr ist die Grundschulempfehlung nicht mehr bindend. Eltern können ihre Kinder nach der vierten Klasse auf derjenigen Schule anmelden, die sie für die richtige halten. Das hat Folgen.

In Stuttgart stiegen die Anmeldezahlen von rund 2000 Schülern im Schuljahr 2011/12 auf 2300 Schüler zum kommenden Schuljahr. Foto: dpa
In Stuttgart stiegen die Anmeldezahlen von rund 2000 Schülern im Schuljahr 2011/12 auf 2300 Schüler zum kommenden Schuljahr. Foto: dpa

Stuttgart - Seit dem vergangenen Schuljahr können Eltern ihre Kinder nach der vierten Klasse auf derjenigen Schule anmelden, die sie für die richtige halten. Die Empfehlung der Grundschullehrer ist nicht mehr bindend. Entsprechend hoch waren die Anmeldezahlen an den Gymnasien. Sie stiegen in Stuttgart vom Schuljahr 2011/12 von rund 2000 Schülern auf 2300 Schüler zum kommenden Schuljahr. Damit erhöhte sich die Übertrittsquote auf Gymnasien von 51 Prozent in 2011/2012 auf rund 63 Prozent. Tendenz weiter steigend. Doch nicht immer hält die Leistung der Mädchen und Buben mit den Anforderungen Schritt. Viele schreiben schlechte Noten, fallen durch und müssen vom Gymnasium wieder auf die Realschule wechseln.

Ferdinand-Porsche-Gymnasium

„Wir spüren eine deutliche Diskrepanz im Vergleich zu den Vorjahren“, sagt Christana Stengel, Rektorin des Ferdinand-Porsche-Gymnasiums in Rot (FPGZ). An ihrer Schule gab es im zu Ende gehenden Schuljahr vier fünfte Klassen; zwei bilinguale und zwei normale. „Von Schülern, die für den zweisprachigen Zug angemeldet waren, haben wir die Noten zu sehen bekommen, bei den normalen Klassen war das nicht der Fall.“ Wer sich für den zweisprachigen Zug anmelden wollte, musste in Mathe, Deutsch und Englisch mindestens die Note „gut“ vorweisen. Das Ergebnis: „Im bilingualen Zug haben alle Schüler das Klassenziel erreicht.“ Deutlich schlechter hätten einige in den anderen Klassen abgeschnitten. „Insgesamt musste rund ein Dutzend Schüler wiederholen oder die Schule wechseln“, sagt Stengel. In den Vorjahren hätten nur zwei bis drei Kinder pro Jahrgangsstufe das Klassenziel verfehlt.

Nicht bei allen Eltern sei das Verständnis vorhanden, dass ihre Kinder woanders besser aufgehoben seien. „Meine Kollegen haben stundenlange Elterngespräche geführt, und oft zeigen die Eltern einfach keine Einsicht“, bedauert Stengel. Das unterschiedliche Leistungsniveau innerhalb solcher fünften Klassen erschwere das Arbeiten und hinterlasse auch bei den Lehrern Spuren: „Ich habe für das kommende Schuljahr nicht einen Kollegen getroffen, der freiwillig eine Fünfte als Klassenlehrer übernehmen wollte.“ Dass die Gymnasien ihre Anforderungen zu Gunsten schwächerer Schüler anpassen, komme für sie nicht in Frage: „Wir senken das Niveau nicht.“ Für 2013/14 wurden so viele Kinder am FPGZ angemeldet wie nie zuvor. „Wir müssen fünf fünfte Klassen aufmachen, das kann kein Dauerzustand sein.“ Dem Gymnasium gehen die Räume aus. Eine Außenstelle des FPGZ an der Hohensteinschule zu eröffnen, wie von der Verwaltung vorgeschlagen, hält Christana Stengel auf Dauer für nicht durchführbar.

Eschbach-Gymnasium

Ähnlich äußert sich der Leiter des Eschbach-Gymnasiums in Freiberg, Christoph Zauner. Auch an seiner Schule ist die Zahl der Anmeldungen für die fünfte Klasse gestiegen. „Uns stellt der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung vor allem vor ein Raumproblem, es fehlen die Kapazitäten, uns gehen die Klassenzimmer aus“, sagt Zauner. „Im kommenden Schuljahr müssen fünf fünfte Klassen aufgemacht werden.“ Übergangsweise nutze man zwar Räume des benachbarten Schulgebäudes mit. Für qualitative Arbeit sei dieser Zustand aber auf Dauer nicht tragbar. Ein weiterer Aspekt sei der deutlich gestiegene Beratungsbedarf der Lehrer mit den Eltern. „Wir müssen häufiger und früher mit Eltern sprechen, wenn die Leistung ihrer Kinder nicht ausreicht.“ Deutlich mehr Eltern als zuvor schickten ihre Kinder aufs Gymnasium, um ihnen „diese Chance zu geben“. Der Anteil derjenigen, die eigentlich nicht ins Gymnasium gehörten, sei größer als früher. Zauner empfiehlt Eltern grundsätzlich, dass sie ihre Kinder lieber von einer Schulart in die andere „aufsteigen als absteigen“ lassen sollten. „Es ist doch motivierender, wenn ein Kind gute Noten schreibt und dann von der Realschule ins Gymnasium wechselt als umgekehrt“, sagt der Schulleiter.

Solitude-Gymnasium

Am Weilimdorfer Solitude-Gymnasium ist die Situation eine andere. Dort hat sich seit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung weder die Zahl der Anmeldungen noch die Zahl der Sitzenbleiber deutlich geändert. „Die Eltern haben vernünftig gehandelt“, sagt Schulleiter Bruno Stegmüller. Für das nächste Schuljahr haben sich 86 Schüler angemeldet und bilden drei Klassen; im zurückliegenden Schuljahr waren es etwas mehr als 90 Kinder, die auf vier Klassen verteilt wurden. „Das sind ganz normale Schwankungen, die wir auch davor schon hatten“, sagt Stegmüller. Auf die veränderte Situation beim Schulübertritt sei dies nicht zurückzuführen. Am Unterrichtsniveau habe sich nichts geändert. Dies dürfe auch nicht eintreten, „denn wir müssen ja am selben Ziel, dem Abitur, ankommen“, sagt Stegmüller. Jedoch stellt er fest, dass es immer mehr Schülern schwerfällt, im Unterricht mitzuhalten. Die Tendenz, auch weniger lernbegabte Kinder aufs Gymnasium zu schicken, gebe es nicht erst seit dem Wegfall der verbindlichen Empfehlung. Viele Kinder würden in der vierten Klasse Nachhilfe bekommen, um die erforderten Noten zu erreichen. „Diese Schüler hatten wir aber auch früher schon. Wenn jetzt einer mehr dabei ist, fällt das nicht auf.“

Leibniz-Gymnasium

Am Leibniz-Gymnasium in Feuerbach haben sich die Anmeldezahlen im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. 105 neue Schüler wird Rektor Otto Fischer Anfang des kommenden Schuljahres begrüßen. „Wir werden vier fünfte Klassen einrichten, eine G-8- und drei G-9-Klassen.“ Zum Hintergrund: Ab dem Schuljahr 2013/2014 bietet das Leibniz-Gymnasium neben zwei weiteren Schulen in Stuttgart wieder einen G-9-Zug an. Fest steht: Die Nachfrage bei Eltern nach dem Modellversuch sei groß, meint der Rektor. Zum Vergleich: Im nun zu Ende gegangenen Schuljahr gab es lediglich 51 Fünftklässler, die auf zwei Parallelklassen verteilt werden konnten. Für einen aussagekräftigen Befund über das Leistungsvermögen nach dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung sei es noch zu früh, meint Fischer. „Die Schwierigkeiten bei einzelnen Schülern tauchen in der Regel erst mit dem Erlernen der zweiten Fremdsprache ab Klasse 6 auf.“ Momentan sieht er keine Auffälligkeiten: „Wir haben eine Versetzung auf Probe bei den Fünftklässlern.“

Neues Gymnasium

Seine Kollegin Susanne Heß vom Neuen Gymnasium in Feuerbach spricht von einer leicht erhöhten Quote bei den Wiederholern in Klasse 5: „Wir hatten in den vergangenen Jahren immer mal wieder ein Kind, höchstens aber zwei, die sitzen geblieben sind. In diesem Schuljahr sind es vier in insgesamt drei Klassen.“ Mancher Schüler sei zwar vielleicht besser auf der Realschule aufgehoben, aber man wolle jedem Mädchen und Buben innerhalb des ersten Jahres genug Zeit lassen, um sich am Gymnasium einzufinden. „Wir bemühen uns um alle Kinder“, sagt Susanne Heß. Vor allem in der 5. Klasse biete man Förderunterricht in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch an. „Wenn dann auch das keinen Erfolg bringt, muss man sich überlegen, ob das Kind nicht eine andere Schulart wählen sollte“, sagt Heß Es könne schließlich immer wieder vorkommen, dass Eltern für ihre Kinder die falsche Schulart wählen.

Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung:

Sitzenbleiber
: Eine Umfrage bei Realschulen und Gymnasien hat ergeben, dass bei den Realschulen 11,3 Prozent der Fünftklässler und bei den Gymnasien 5,1 Prozent versetzungsgefährdet sind. Laut Verwaltung tendieren die Realschulen in größerem Maße zur Einschätzung, dass der Anteil deutlich zugenommen hat, die Gymnasien sind noch zurückhaltender.

Raumproblem
: Fast alle Gymnasien werden im kommenden Schuljahr ihre Kapazitätsgrenze erreichen oder sogar überschreiten. Derzeit sind viele Schulen noch bereit, durch die Einrichtung von Wanderklassen den Raumengpass zeitlich begrenzt zu überbrücken. Ab dem Schuljahr 2014/2015 wird es aber sehr eng, es besteht dringender Handlungsbedarf. Da die geplanten Investitionen erst noch finanziert und umgesetzt werden müssen, werden auch Außenstellen in freiwerdenden Werkrealschulen und Interimsbauten geprüft

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