Grundschulempfehlung Wo geht es nach der 4. Klasse weiter? Stuttgarter Familien berichten

Jedes Kind ist anders: Manchen fällt das Lernen sehr leicht, andere sind eher praktisch begabt. Foto: dpa/Patrick Seeger

Anfang März steht für Eltern von Viertklässlern die Anmeldung an der weiterführenden staatlichen Schule an. Zwei Stuttgarter Familien erzählen, warum sie sich trotz Gymnasialempfehlung für die Realschule entschieden haben.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Nicht mehr lang, dann wird Emil Fröhler seine Traumausbildung beginnen und tiermedizinischer Fachangestellter werden. Ein Beruf, in dem eigentlich Frauen dominieren, aber das stört den 16-Jährigen nicht. Er ist immer seinen Weg gegangen.

 

Vor sechs Jahren stand die Vaihinger Familie vor der Entscheidung, welche Schule Emil künftig besuchen soll. Der damalige Viertklässler erhielt eine Gymnasialempfehlung – aber die Eltern hatten Zweifel und vor allem Sorgen. „Emil war immer ein guter Schüler, aber nicht alles ist ihm ganz leicht gefallen“, erzählt seine Mutter Nicole Fröhler. „Ich musste schon mehr lernen als meine Freunde“, räumt der 16-Jährige ein. Nicole Fröhler ergänzt, mit Druck habe Emil seit jeher nicht so gut umgehen können. Außerdem sei er ein „sehr praktischer“ Mensch. „Ich habe dann mit meinen Eltern geredet und wir haben zusammen entschieden, dass ich erst einmal auf die Realschule gehe“, sagt Emil Fröhler. „Ich wollte einfach Druck rausnehmen“, ergänzt seine Mutter. Am Gymnasium seien die Kinder sehr gefordert. „Ich wollte nicht, dass wir als Familie am Nachmittag und an den Wochenenden nur noch büffeln und über Schule reden.“

Was Rektoren zum Thema Grundschulempfehlung sagen

Es könne gute Gründe geben, sein Kind trotz Gymnasialempfehlung auf eine Realschule zu schicken, sagt Manfred Birk, der geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien und Rektor am Dillmann-Gymnasium. Doch generell gelte für ihn: „Die Lehrkräfte an der Grundschule geben sich größte Mühe und erstellen die Grundschulempfehlung unter Abwägung aller Leistungsbereiche. Wir halten sie für verlässlich und haben damit gute Erfahrungen gemacht.“ Darum rate er dazu, das Gespräch zu suchen, bevor man gegen die Empfehlung handele.

Das sieht Gerhard Menrad genauso. Er ist der geschäftsführende Schulleiter der staatlichen Sekundarstufe-1-Schulen und Rektor an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule und sagt: „Die Grundschullehrkräfte erstellen die Empfehlungen mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein und einer ganz hohen Kompetenz. In der Regel liegen sie mit ihrem Urteil richtig.“

Die Grundschulempfehlung ist nicht verbindlich

Dass sich Eltern trotz einer Gymnasialempfehlung für eine Realschule entscheiden, komme nur selten vor. Häufiger sei der umgedrehte Fall, sagt Birk und ergänzt: „Dann bitten wir schon zum Gespräch und fragen nach, warum das Kind trotzdem aufs Gymnasium soll.“ Die Grundschulempfehlung sei zwar nicht verbindlich, aber sie muss bei der Schulanmeldung vorgelegt werden. „Für uns ist sie eine wichtige Orientierung und im Zweifel auch Beratungsgrundlage“, betont der Rektor.

„Fakt ist: Wir haben jedes Jahr viele Anfragen von Familie, deren Kind nicht mehr länger aufs Gymnasium gehen kann oder will“, sagt Menrad. Grund dafür sei aber nicht in erster Linie, dass die Grundschulempfehlung falsch gewesen oder nicht beherzigt worden sei. Und auch die Gymnasien treffe keine Schuld, da sind sich beide Rektoren einig. „Die Kinder kommen halt irgendwann in die Pubertät, und die ist eine Blackbox“, sagt Birk. Niemand könne Mitte der vierten Klasse genau vorhersehen, wie sich der Nachwuchs entwickle.

Die Familie musste sich für ihre Entscheidung rechtfertigen

Emil Fröhlers älterer Bruder war an einem Gymnasium. Für ihn war das die richtige Wahl. Aber für den jüngeren Sohn eben nicht, da ist sich die Mutter sicher. Jedes Kind sei anders. Ihre Familie habe sich damals rechtfertigen müssen, warum der Junge trotz anderer Empfehlung auf die Realschule gehe. Alle Freunde seien aufs Gymnasium gewechselt. Für ihren Sohn sei das am Anfang nicht einfach gewesen. „Aber es darf nicht ausschlaggebend sein, was andere machen. Am Ende nutzt ihm das ja nichts“, findet die Mutter. Und auch Emil ist sich sicher: „Die Realschule war die richtige Entscheidung.“

Ein anderes Elternpaar, das anonym bleiben möchte, hat ähnlich gehandelt. Auch ihr Kind geht trotz eindeutiger Gymnasialempfehlung in die Realschule. „Wir haben der Empfehlung schon getraut. Die Lehrerin an der Grundschule hat eine super Arbeit gemacht“, betont die Mutter. Doch sie könne letztlich nur die Ergebnisse sehen und nicht unbedingt, wie viel Lernaufwand nötig war, um diese zu erreichen. Für die Tochter seien die guten Noten an der Grundschule mit viel Anstrengung verbunden gewesen. Zudem treibe sie viel Sport, das sei der mittlerweile Zwölfjährigen wichtig. Am „Gymnasium hätte sie dafür nicht so viel Zeit“, ist sich die Mutter sicher. Bisher sei die Idee aufgegangen. Die Tochter gehe gern in die Schule, sei fleißig, habe gute Noten. Der Plan sei, dass sie nach der Realschule ein berufliches Gymnasium besucht.

„Es gibt für jedes Kind die richtige Schule, aber welche das ist, das ist nicht immer leicht rauszufinden“, sagt Menrad. Eltern sollten ganz individuell nach ihrem Kind schauen und die Grundschulempfehlung als Orientierung nehmen, so sein Rat. Birk ergänzt: „Die Entscheidung nach der vierten Klasse ist auch nur eine Schnittstelle von vielen.“ Das Bildungssystem in Baden-Württemberg biete viele Möglichkeiten, um an sein berufliches Ziel zu kommen.

Entscheidung für eine weiterführende Schule

Grundschulempfehlung
Seit dem Schuljahr 2011/2012 ist die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich. Das soll die Elternrechte stärken. Sie entscheiden in eigener Verantwortung, welche weiterführende Schulart ihr Kind besucht. „Bei der Grundschulempfehlung geht es darum, jedem Kind für die nächste Zeit die Schulart zu empfehlen, die ihm die optimale Förderung geben kann“, heißt es dazu auf der Internetseite der Stadt Stuttgart. Bei Zweifeln haben Eltern die Möglichkeit, im Rahmen eines Beratungsverfahrens eine speziell qualifizierte Lehrkraft in das Verfahren einzubeziehen.

Anmeldung
Eltern können ihr Kind nur direkt an einer einzigen weiterführenden Schule anmelden. Die Anmeldetage sind in diesem Jahr von Dienstag bis Donnerstag, 5. bis 7. März.

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