Grundschullehrer Peter Hömseder Wie macht man Viertklässler zu Popstars?

Peter Hömseder begeistert seine Schüler im Klassenzimmer für Musik, lässt sie in einem Tonstudio ein CD aufnehmen und mit bekannten Künstlern vor großem Publikum auftreten. Foto: privat

Der Grundschullehrer Peter Hömseder aus Steinheim an der Murr verpackt trockenen Lernstoff in fröhliche Noten. Mit seinen Viertklässlern hat er schon drei CDs aufgenommen – und das Selbstbewusstsein der Kinder enorm gestärkt.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Steinheim/Murr - Das Ambiente könnte Ehrfurcht einflößen – so sehr, dass einem vor lauter Aufregung die Luft und die Stimme wegbleiben. Immerhin haben in den Bauer Tonstudios in Ludwigsburg schon Stars wie Herbert Grönemeyer, Reinhard Mey, Pur oder Stevie Wonder Platten und CDs aufgenommen. Doch die Grundschüler, die vor den Mikrofonen stehen, zeigen keine falsche Scheu. Lauthals schmettern sie ihr fröhliches Lied vom Steinheimer Steppenelefanten, der in der Urmenschstadt an der Murr liebevoll „Steppi“ genannt wird: „Wer stampft so spät durch Nacht und Wind, es ist der Steppi mit seinem Kind – stampf, stampf!“ Die Kinder nehmen gerade eine CD auf. „Lieder und Gedichte zwischen den Zeiten“ heißt sie.

 

Viertklässler bei der Aufnahme im Tonstudio, noch dazu in Deutschlands ältestem privat geführten – das alleine klingt schon ziemlich unwahrscheinlich. Doch wenn sie dann noch von der ältesten Inklusionsband Deutschlands, der Brenz Band aus Ludwigsburg, und dem Stuttgarter Kammerorchester als musikalische Begleiter unterstützt werden, dann ist man geneigt, solch eine Geschichte der überbordenden Fantasie eines Drehbuchautors zuzuschreiben. Vor allem, wenn dann noch ein aus Syrien geflüchteter armenischer Tontechniker hinzukommt, der das Ganze professionell abmischt.

Doch weit gefehlt. Die Geschichte gibt es wirklich. Dahinter steckt der Grund- und Hauptschullehrer Peter Hömseder, der an der Blankensteinschule in Steinheim an der Murr unterrichtet. Er zieht nicht nur im Hintergrund die Fäden, sondern mischt selber, unter anderem mit Gitarre und Gesang, kräftig mit. Er ist auch derjenige, der Schulbuchgedichte vertont, aber auch eigene Lerntexte verfasst und daraus mitreißende Songs aus den Genres Pop, Rock und Rap macht, die nicht nur die Schüler begeistern.

Wie der Rattenfänger von Hameln

Doch damit nicht genug: Er bringt das Ganze auch auf verschiedenste Bühnen in der Region. Mit seiner bunt gemischten Truppe aus zuletzt sieben verschiedenen Nationen tritt er zudem in Altenheimen, bei Stadtfesten oder für Benefizkonzerte in einem Einkaufszentrum oder einer Kirche auf. Und diese Öffentlichkeit ist ihm wichtig. Denn die Kinder, davon ist Hömseder überzeugt und hat es auch schon vielfach erfahren, gewinnen dadurch ein enormes Selbstvertrauen. „Und das nehmen sie mit in ihr zukünftiges Leben. Das kann ihnen keiner mehr nehmen!“, schwärmt der engagierte Lehrer, der in solche Projekte nicht nur einiges an Gehirnschmalz und musikalischem Können investiert, sondern auch viel Freizeit.

Im Fall der genannten CD-Produktion saß er zunächst gemeinsam mit dem Toningenieur Alex Wartan nächtelang im Studio, um den optimalen Klang zu mischen und das eine oder andere vom Computer imitierte Instrument hinzuzufügen, bis das Coronavirus zum getrennten Arbeiten zwang. Die CD konnte das aber nicht aufhalten. Nun wurden eben Dateien hin und her geschickt.

Wie weiland der Rattenfänger von Hameln ziehen „Herrn Hömseders musikalische Klassen“ mit der Macht der Töne immer mehr Menschen in ihren Bann. Da sind die bereits erwähnten musikalischen Größen: die Ludwigsburger Brenz Band, die seit 40 Jahren national wie international begeistert, und das Stuttgarter Kammerorchester, das in den 75 Jahren seines Bestehens als musikalischer Botschafter unzählige Gastspiele auf der ganzen Welt gegeben hat. Doch auch das britische, in Berlin lebende Musik- und Comedy-Duo Carrington Brown zählt zu den Fans und aktiven Unterstützern der musikalischen Klasse 4, ebenso wie das Freiburger Barockorchester.

Prominente Fans

Noch mehr Namen gefällig? „Hi Peter, schönes Ding, big ahoi!“, so das Urteil von Udo Lindenberg zum Musikclip „Hoffnung“ auf Youtube. Peter Maffay fand, das Gedichtlied „Wilder Wind“ sei „das lustigste Lied, das ich seit Langem gehört habe, toll!“. Und der Altmeister Gotthilf Fischer insistierte bereits vor zehn Jahren: „Ihr spielt bei mir, und wenn ich den Papst persönlich anrufen muss!“

Womit klar wird, dass es sich in diesem langen Zeitraum nicht nur um eine musikalische Klasse vier handelt, sondern um mehrere. „Ich hab schon für die Lehrprobe Lernsongs erfunden“, blickt Peter Hömseder zurück. Eine erste CD nahm er mit einer Klasse der Gustav-Sieber-Grundschule aus Tamm auf – gemeinsam mit dem Stuttgarter Kammerorchester präsentierte man „Vivaldis Vier Jahreszeiten im Einklang mit gesungenen und getanzten Schulbuchgedichten“, so der etwas sperrige Titel. Der Erfolg war so groß, dass das Team aus Schülern, Lehrer und Kammerorchester 2010, 2012 und 2014 jeweils kurz vor den Sommerferien zu einer einwöchigen Tournee aufbrach. Was mit einer Minitour durchs eigene Schulhaus begann, führte schließlich bis in die ausverkaufte Stuttgarter Liederhalle, wo „Herrn Hömseders musikalische Klasse 4“ zusammen mit den Profis stürmisch gefeiert wurde.

Mit dem Duo Rebecca Carrington und Colin Brown traten die Tammer gar im Jahr 2016 bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen auf. Daraus ist ebenfalls eine Freundschaft erwachsen, die zu einer CD-Produktion mit dem Titel „Das schwimmende Klassenzimmer“ geführt hat. Mit diesen Songs und Gedichten ging Hömseders damalige musikalische Klasse 4 in einem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Feuerwehrauto und mit den beiden britischen Künstlern auf eine umjubelte Schultournee und erreichte dabei mehr als 2000 Schüler. 2018 schließlich wurde das Freiburger Barockorchester, das damals unter Sir Simon Rattle an der Staatsoper Berlin probte, über einen gemeinsamen Bekannten auf die musikalische Klasse aufmerksam und fragte an, ob man nicht mal etwas zusammen auf die Beine stellen wolle. Natürlich wollte Hömseder – und ließ sich durch die alte Musik und die historischen Instrumente, auf denen das Orchester spielt, gleich zum Titel der jüngsten CD inspirieren.

Hinter all diesen so unglaublich wirkenden Entwicklungen steckt seine inzwischen vielfach bewiesene Überzeugung, dass mit Musik wirklich alles besser geht. Schüler im Deutschunterricht zum Lernen von Gedichten motivieren? Kleinigkeit, wenn sie dazu singen und sich nach einer selbst entwickelten Choreografie auch bewegen dürfen. Unter ihren unzähligen Vorschlägen, welche Bewegung und Geste zu dem jeweiligen Songtext passen könnte, wählen die Kinder selbst die besten aus – und lernen dabei ganz nebenbei einiges über Demokratie und Teamgeist.

Schwierigen Mathestoff vermitteln? Auch das geht, wenn im Anschluss eine gleichermaßen musikalische wie sportliche Auflockerung winkt. Sachkunde, Religion, Englisch – es gibt fast nichts, was sich nicht musikalisch verpacken und dadurch viel leichter und vor allem mit viel mehr Spaß lernen lässt. „Es fasziniert mich selber, wie Musik wirkt“, sagt Hömseder und nennt ein Beispiel: „Der Anfang von ‚Happy Steppi‘ ist ja textlich an den ‚Erlkönig‘ von Goethe angelehnt. Das habe ich den Schülern erklärt, Text mitgebracht, Sprechrollen verteilt, Gitarrentöne eingestreut. Und das Resultat: Zehn Kinder haben die Ballade auswendig gelernt – freiwillig!“ Überhaupt könnten sie es kaum erwarten, bis wieder ein neues Gedicht gelernt und musikalisch umgesetzt wird, erzählt der Pädagoge.

Eine Syrerin schwätzt Schwäbisch

Das ist aber nicht der einzige positive Nebeneffekt des musikalischen Lernens. Aus der jüngsten musikalischen Klasse 4, die am Anfang aus zum Teil ziemlich wilden Individualisten bestand, wurde eine echte Gemeinschaft, die erkannt hat: „Zusammen können wir ganz viel erreichen!“ Und das unabhängig von Charakter, Begabung und Herkunft. Ein Kind, das gestottert hat, trug vor einem 500-köpfigen Publikum fehlerfrei ein Gedicht vor und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Solche gesprochenen Gedichte finden sich ebenfalls auf den CDs, und man merkt, dass die Kinder gelernt haben, wie man klar akzentuiert, richtig betont und an den passenden Stellen eine kleine Pause macht. Eine kleine Syrerin spricht die Einleitung zum Lied „Muss i denn“ in breitem Schwäbisch, ihr schwäbischer Mitschüler übersetzt es ins Hochdeutsche und zeigt damit, dass Schwaben, anders als behauptet, auch das beherrschen. Und die Brenz Band, in der etliche Menschen mit Behinderung musizieren, ist Gegenstand ganz großer Verehrung durch die Viertklässler: „Die werden im Leben nie ein Problem im Umgang mit Behinderten haben“, ist Peter Hömseder überzeugt.

Solche Dinge sind es, die den engagierten Lehrer dazu motivieren, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten: „Da sieht man, dass sich die Mühe lohnt.“ Musik sei die Brücke, die die verschiedensten Menschen – Alte und Junge, Behinderte und Nichtbehinderte, Einheimische und Fremde – miteinander verbinde. Und weil er das immer wieder festgestellt hat, hegt Hömseder noch eine weitere Hoffnung: „Vielleicht lassen sich ja einige meiner Kollegen dazu inspirieren, etwas Ähnliches zu machen.“

Die eingangs erwähnte CD ist übrigens trotz Corona-Wirrungen inzwischen erschienen, und die Kinder konnten sie als bleibende Erinnerung an die Grundschulzeit und vor allem als Mutmacher fürs ganze Leben mit nach Hause nehmen. Ein Junge allerdings hat sie nicht behalten, wie er seinem Lehrer schon vorab verriet: „Wissen Sie, Herr Hömseder, mein Papa wohnt weit weg und kümmert sich nicht um mich. Ihm schicke ich die CD, damit er mal sieht, was ich draufhabe.“

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