Gülen nahestehende Schule in Stuttgart Noch mehr Abmeldungen befürchtet

Von red/dpa/lsw 

Der Putschversuch und seine Folgen in der Türkei strahlen immer stärker auch nach Baden-Württemberg. Schulen, die der Gülen-Bewegung nahestehen, fürchten um ihre Sicherheit. Die Spaltung der türkischen Bevölkerung wird immer deutlicher.

Nach dem Putschversuch in der Türkei fürchtet die BIL-Schule in Stuttgart, eine der Gülen-Bewegung nahestehende Einrichtung, noch mehr Abmeldungen. Foto: dpa
Nach dem Putschversuch in der Türkei fürchtet die BIL-Schule in Stuttgart, eine der Gülen-Bewegung nahestehende Einrichtung, noch mehr Abmeldungen. Foto: dpa

Stuttgart - Eine der Gülen-Bewegung nahestehende Privatschule in Stuttgart erwartet, dass nach dem Putschversuch in der Türkei noch mehr Schüler die Einrichtung verlassen. „Wir müssen damit rechnen, dass sich weitere Schüler abmelden“, sagte Alexander Fenselau, der als Lehrer an der BIL-Schule arbeitet, der Deutschen Presse-Agentur. Fünf Austritte habe es direkt nach dem fehlgeschlagenen Putsch vor knapp einer Woche gegeben. „Die Gründe sind Angst vor Übergriffen, oder die Eltern des Kindes standen unter sozialem Druck von Verwandten und Freunden“, sagte Fenselau. Die Schule werde von der Polizei bewacht. „Jede Stunde fährt ein Streifenwagen ums Gebäude“, erklärte Fenselau. Zwischenfälle habe es bisher keine gegeben.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen als Hintermann des Putschversuchs, was dieser bestreitet. Laut dem Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) wurden im Verlauf der vergangenen Jahre in Stuttgart, Ludwigsburg, Bo?blingen, Karlsruhe, Freiburg und Mannheim Privatschulen gegru?ndet, die jeweils auf Initiativen von Gülen-Anha?ngern zuru?ckgehen. Beobachtet wird die Gülen-Bewegung vom LfV im Südwesten nicht, das heißt sie gilt nicht als extremistisch.

Laut Fenselau ist die Unruhe an der Stuttgarter Privatschule mit 440 Schülern sehr groß. Besonders die älteren Schüler suchten in sogenannten freiwilligen Gesprächskreisen das Gespräch, sagte Fenselau. „Die Spaltung unter den Türken und türkischstämmigen Migranten ist groß, und das bekommen manche Eltern zu spüren. Das beunruhigt mich schon“, sagte Fenselau. Auch hätten viele Schüler mit türkischem Migrationshintergrund und ihre Eltern Angst, ihren Urlaub in der Heimat zu verbringen. „Sie sind sehr besorgt über die Lage in der Türkei“, betonte Fenselau. Auch die deutschen Lehrer der Schule trauten sich wegen der Sicherheitslage nicht mehr in die Türkei.

Integrationsbeauftragter warnt vor Auseinandersetzungen

Auf der Homepage der Privatschule, an der nach dem Bildungsplan von Baden-Württemberg und in deutscher Sprache gelehrt wird, wird zur Mäßigung aufgerufen: „Wir wollen auf gar keinen Fall, dass ein politischer Streit in unsere Schule und in die Klassenzimmer getragen wird. Unsere Aufgabe ist es nicht, politische Meinungen zu vertreten, sondern unsere Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgerinnen und Bürger zu erziehen und ihnen Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln, mit denen sie ihre Zukunft friedlich und erfolgreich gestalten können. Darauf können Sie sich verlassen.“

Stuttgarts Integrationsbeauftragter Gari Pavkovic warnte vor Auseinandersetzungen: „Wir erwarten von allen türkeistämmigen Immigranten hierzulande, dass sie trotz unterschiedlicher Ansichten demokratisch mit der Türkeikrise umgehen. Das bedeutet: keine Gewalt und auch keine Androhung der Gewalt gegenüber Andersdenkenden, und auch kein Denunzieren von AKP-Kritikern an die türkische Regierung.“

Gülen propagiert laut Pavkovic ein traditionelles Islamverständnis im modernen Gewand. Die Bewegung erreicht insbesondere die aufstiegsorientierten deutschtürkischen Muslime der 2. und 3. Einwanderergeneration, die in den traditionellen türkischen Islamverbänden wie DITIB oder Milli Görüs keine verantwortliche Position übernehmen können oder wollen.

Im Südwesten haben laut Pavkovic Gülen-Anhänger keine Begegnungsstätte. Ihr Netzwerk laufe über Bildung, Interreligiösen Dialog und Unternehmen. In Baden-Württemberg leben nach Auskunft des Statistischen Landesamtes 262 094 Türken (Stichtag: 31.12.2015).

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