Günstige ÖPNV-Tarife Reutlingen startet mit 365-Euro-Ticket durch

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Mit einem Euro pro Tag ist man unter der Achalm künftig dabei. Für 365 Euro verkauft die Stadt ein Jahresabo an, mit dem man von Walddorfäslach bis Pfullingen den ÖPNV nutzen kann – ein erster Schritt, um die Schadstoffbelastung in Reutlingen zu senken. Dafür gibt es bereits Vorbilder.

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Reutlingen - Barbara Bosch hofft zum Nikolaustag auf Post aus Berlin. Der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat der Reutlinger Oberbürgermeisterin zwar am Montag beim dritten Dieselgipfel in Berlin in die Hand versprochen, ihrer Stadt Geld aus dem Sofortprogramm „Saubere Luft“ zu überweisen. Doch die parteilose Rathauschefin braucht das noch schriftlich, und zwar bald. Schon ab Dienstag bekommt man ein Jahresticket für Reutlingen und Umgebung für 365 Euro. Allein das wird die Stadt 3,8 Millionen Euro kosten. Bisher kostete dieses Abo 524,40 Euro. Insgesamt will Reutlingen 19,2 Millionen Euro vor allem zur Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs ausgeben. 95 Prozent erstattet der Bund aus dem Sonderprogramm. Zum Vergleich: Im VVS-Gebiet rund um Stuttgart kostet ein Jahresticket je nach Zone 650 bis 2210 Euro.

In Reutlingen fährt man ab Januar Bus oder Bahn für einen Euro pro Tag innerhalb der sogenannten Wabe 220. Dieser Bereich umfasst die Stadt selbst, aber auch Pfullingen, Eningen unter Achalm, Pliezhausen, Walddorfhäslach und Wannweil sowie die interkommunalen Gewerbegebiete Mahden und Mark-West. Das Angebot ist auf zwei Jahre befristet, so lange reicht das Geld aus dem Fördertopf. Wie es danach weiter geht, ist vollkommen offen.

In Wien ist das Ticket ein Erfolgsmodell

Reutlingen ist neben Bonn, Essen, Herrenberg (Kreis Böblingen) und Mannheim eine von fünf Modellstädten, die bei dem Sofortprogramm zum Zuge gekommen sind. Unter der Achalm werden aber nicht nur die Jahreskarten günstiger. Auch die Preise für Tages- und Monatstickets sinken kräftig. Die Modellstadt Bonn führt 2019 ebenfalls das 365-Euro-Jahresabo ein. Vorbild dafür ist Wien, das ein entsprechendes Angebot schon 2012 eingeführt hat. Dort hat sich die Zahl der Jahresabos seitdem mehr als verdoppelt. In Reutlingen hofft man, mit der neuen Tarifstruktur das Fahrgastaufkommen um 20 Prozent steigern zu können. Man wolle die Attraktivität des Nahverkehrs erhöhen, dadurch mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf Busse und Bahnen verlocken und so die Luft verbessern, sagt die parteilose Oberbürgermeisterin Bosch. Reutlingen lockt nicht nur mit Geld. Im zweiten Halbjahr 2019 geht das neue, deutlich erweiterte Stadtbusnetz an den Start. Zehn neue Buslinien und hundert zusätzliche Haltestellen werden eingerichtet. Die Busse werden ab Mitte nächsten Jahres anderthalb mal so viele Fahrplankilometer absolvieren wie zuvor.

„Ohne Hardware-Nachrüstungen geht es nicht“

Barbara Bosch lobt die Zusage der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Dieselgipfel, eine weitere Milliarde Euro im Kampf gegen Fahrverbote auszugeben. Damit allein sei es aber nicht getan. Zum einen sei die Zeit zu knapp. „Wir schaffen das alles, aber nicht in der zeitlichen Frist, in der wir unsere Stickoxidwerte senken müssen“, sagt Bosch. Ohne Hardware-Nachrüstungen werde es den Städten zudem nicht gelingen, die Schadstoffbelastung zu senken, mahnt Bosch. Merkel hat deutlich gemacht, dass sie nicht vorhat, die Autoindustrie dazu zu zwingen.

Nicht nur Reutlingen und Bonn haben sich Wien zum Vorbild genommen. In Hessen sind seit 2017 Schüler für 365 Euro im Jahr im ganzen Land mobil. Und der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) liebäugelt bereits mit einem ähnlichen Angebot für Senioren. Auch in Bayern wird derzeit über ein 365-Euro-Jahresticket für Schüler und Studenten im Großraum München diskutiert.

Auch in der Region wird an der Preisschraube gedreht

Aber auch in der Region Stuttgart wird beim ÖPNV an der Preisschraube gedreht. Die Stadt Herrenberg, die 4,5 Millionen Euro aus dem Sonderprogramm erhält, will vor allem mit einem besseren Verkehrsfluss für bessere Luft sorgen. Zusätzlich will die Stadt aber auch die Tages- und Monatstickets günstiger verkaufen. Die Stadt Ludwigsburg hat bereits im August ein sogenanntes Stadtticket eingeführt. Für drei Euro ist man einen Tag lang im ganzen Stadtgebiet unterwegs. Ähnliches ist auch für Esslingen geplant.