Lärm kann krank machen – trotzdem dürfen uralte, sehr lärmintensive Güterwaggons durch Stuttgart rollen. Die Stadt will dem nun ein Ende setzen.

Stuttgart - Die Stadt will mehr Druck auf die Bahn ausüben – aber nicht bei Stuttgart 21, sondern beim Reizthema Güterverkehr. „Lassen Sie ihre Bundestagsabgeordneten an den Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) schreiben“, empfahl Umweltbürgermeister Matthias Hahn am Dienstag im Ausschuss für Umwelt und Technik den Stadträten. Dieser müsse aber endlich leisere Güterzüge einsetzen, die Bundesregierung endlich den sogenannten Schienenbonus abschaffen, der es der Bahn erlaube, mit uralten Güterwaggons „auch heute noch so viel gesundheitsschädlichen Lärm wie vor hundert Jahren“ zu machen. Der Transport auf der Schiene müsse umwelt- und menschenverträglich sein.

Anlass der Schwerpunktdebatte zum Thema Schienenlärm war ein Antrag der SPD-Fraktion. Die hatte zahlreiche Beschwerden aus der Bevölkerung wegen des nächtlichen Schienenlärms auf der knapp zwölf Kilometer langen Schienentrasse zwischen Untertürkheim und Kornwestheim aufgegriffen. „Die Bürger kritisieren, dass der laute Güterzugverkehr in der Nacht dort erheblich zugenommen hat“, sagte SPD-Stadträtin Marita Gröger. Das sei auch kein Wunder, weil die Bahn viele Güterwagen einsetze, die im Schnitt 40 Jahre alt seien. Von den rund 150 000 Güterwaggons, die in Deutschland ständig unterwegs seien, hätten erst etwa 8000 eine sogenannte Flüsterbremse, die den Lärm halbiere.

Schienenbonus aus einer anderen Zeit

„Wir brauchen eine Initiative über den Städtetag, damit die Bahn beim Güterverkehr endlich leiser wird“, forderte Gröger. Die Bundesregierung müsse den Schienenbonus – wie im schwarz-gelben Koalitionsvertrag vereinbart – endlich streichen.

Die Bahn lehnt die Streichung dieses Privilegs allerdings entschieden ab. „Unserer Ansicht nach ist die geplante Abschaffung des Schienenbonus wissenschaftlich nicht begründet“, heißt es in ihrer schriftlichen Stellungnahme zu der SPD-Anfrage. Die Stadtverwaltung erklärt in ihrer Antwort auf die SPD-Anfrage die Abschaffung für gerechtfertigt. Der Schienenbonus beruhe auf Studien, die „nicht den neuesten Stand der Lärmeinwirkungsforschung hinsichtlich der gesundheitsschädlichen Auswirkungen des Schienenlärms während der Nachtzeit berücksichtigten“. Zuvor hatte die Expertin Snezana Jovanovic vom Landesgesundheitsamt den Stadträten die gesundheitlichen Gefahren zu hoher Geräuschpegel erklärt. „Zu viel Lärm macht krank“, lautete ihr eindeutiges Fazit.

Gütertransport, ja – aber bitte ohne Lärm

„Die Abwesenheit der Bahn zeigt, dass sie nicht gewillt ist, uns entgegenzukommen“, sagte Grünen-Stadtrat Jochen Stopper. Bei den Lärmwerten dürfe man sich nicht auf Berechnungen der Bahn verlassen. „Wir müssen an den Schienentrassen und im Abstellbahnhof in Untertürkheim selbst messen, um die tatsächlichen Lärmpegel zu ermitteln.“ Durch Stuttgart 21 werde es im Neckartal nicht weniger, sondern mehr Güterverkehr geben. Der Transport auf der Schiene sei erwünscht, die Waggons müssten aber leise rollen.

„Güter gehören auf die Schiene“, betonte auch die CDU-Stadträtin Ursula Pfau. Die Bahn verursache mit ihren Güterwagen „aus dem vorvorletzten Jahrhundert“ zu viel Lärm und müsse viel Geld für die Nachrüstung in die Hand nehmen. „Die Bürger müssen das Gefühl haben, das man den Lärm wirklich misst.“

Umrüstung nicht von heute auf morgen machbar

Stadtrat Joachim Fahrion von den freien Wählern empfahl hingegen, „nicht immer auf die Bahn zu schimpfen“. Diese könne nicht von heute auf morgen alle Waggons mit Flüsterbremsen ausrüsten. Sie transportiere aber immer mehr Güter auf modernen Containerwagen. Außerdem gewöhne man sich als Anwohner nach einem halben Jahr an vorhandene Geräuschpegel. Klare Worte kamen auch von der FDP: „Der Schienenbonus muss abgeschafft werden“, betonte Stadtrat Günter Stübel. Stadtrat Tom Adler von der Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke warf der Bahn vor, Innovationen nur dann rasch umzusetzen, wenn sie damit Geld verdienen könne.

Unter Hinweis auf laute Güterzüge verlangte CDU-Stadtrat Philipp Hill, im Neckarpark „nicht mit der Brechstange“ Wohnungen zu planen. „Im vergangenen Jahr haben sie doch verlangt, dass die Stadt mehr Wohnraum schafft“, konterte Hahn.