Guido Buchwald ist noch immer nah dran an seinem Herzensverein: Fast alle Heimspiele des VfB Stuttgart verfolgt der Ehrenspielführer vor Ort im Stadion, er fiebert und leidet mitunter auch mit. Im Gespräch mit unserer Redaktion kritisiert der 62-Jährige die Entwicklung der vergangenen Jahre – und gibt seine Einschätzung ab zum Saisonfinale im Abstiegskampf sowie zum geplanten Markteintritt des VfB in seiner zweiten fußballerischen Heimat Japan.
Herr Buchwald, wie eng sind Ihre Bezüge nach Japan noch?
Sehr eng, natürlich vor allem zu meinem Ex-Club Urawa Red Diamonds. Vor Corona war ich mehrmals im Jahr vor Ort, das soll auch künftig wieder so sein. Es ist ein fußballbegeistertes Land, in dem ich sehr gerne bin.
Man braucht Sie dann wohl nicht zu fragen, wie Sie den geplanten Einstieg des VfB Stuttgart in den dortigen Markt finden.
Das ist selbstverständlich sehr zu begrüßen. Ich habe das schon in der Vergangenheit immer mal wieder angeregt, der japanische Markt ist hochinteressant.
Wirtschaftlich oder sportlich?
Sowohl als auch. Es gibt viele finanzstarke Unternehmen, aber auch fußballerisch ist brutal viel passiert. Als ich 1994 als Spieler angekommen bin, war die Liga gerade erst gegründet und alles noch sehr klein mit zwölf Teams. Seitdem ist die Fußballkultur dort stetig gewachsen. Die Sportart Nummer eins ist zwar immer noch Baseball, aber der Fußball holt auf.
Wie schätzen Sie das Niveau der J-League ein?
Es ist eine asiatische Vorzeigeliga. Die besten Teams könnten in der Bundesliga mithalten, die anderen haben Zweitliga-Niveau. An Universitäten – das ist ein Unterschied zu Deutschland – spielt zudem die Ausbildung von Spitzensportlern durch Stipendien wie in den USA eine große Rolle. Es überrascht deshalb nicht, dass viele japanische Profis den Weg nach Europa finden und dass immer mehr Clubs in dem Land Präsenz zeigen.
Hat der VfB dann überhaupt eine Chance, sich dort als Marke zu etablieren?
Man ist zwar schon spät dran. Die Aussichten schätze ich trotzdem gut ein, aus zwei Gründen. Zum einen haben beim VfB schon überproportional viele Profis aus Japan gespielt, das sorgt für einen besonderen Bezug. Zum anderen sind deutsche Mannschaften dort generell sehr gut angesehen.
Warum?
Da muss man weit zurück gehen. Zu Beginn der 1960er Jahre hat Dettmar Cramer dort als Trainer und Ausbilder wichtige Grundlagen gelegt, was bei Olympia 1964 zum Viertelfinal-Einzug im eigenen Land und vier Jahre später zur Bronzemedaille geführt hat. Das war eine Art Geburtsstunde des japanischen Fußballs, die Leute haben das bis heute nicht vergessen. Und dann gibt es meiner Meinung nach schon auch Schnittmengen zwischen beiden Kulturen, was Disziplin und Fleiß angeht.
Der VfB plant eine Japan-Reise, womöglich schon in diese, Sommer. Ist man eigentlich schon an Sie herangetreten?
Ja, es gab ein Gespräch mit dem Marketingvorstand Rouven Kasper, in dem ich meine Einschätzungen und Tipps abgegeben habe.
Könnten Sie sich vorstellen, mitzugehen?
Ohne Weiteres, klar. Aber das muss man alles erstmal abwarten. Die Reise würde in diesem Sommer ja nur zustande kommen, wenn der VfB in der Bundesliga bleibt und nicht schon im Juli in der zweiten Liga starten müsste.
Wie schätzen Sie die Chancen im Abstiegskampf ein?
Es ist natürlich brutal eng da unten. Aber ich sehe den VfB eigentlich im Aufwärtstrend, auch wenn sie jetzt auf einen Abstiegsplatz gerutscht sind. In Sebastian Hoeneß hat man den richtigen Trainer gefunden. Die Mischung aus Stabilität und Offensivdrang passt, bis auf die Niederlage bei Hertha BSC war unter ihm kein richtig schlechtes Spiel dabei. Deshalb glaube ich, dass sich der VfB noch retten kann. Im Sommer wird man sich aber so oder so neu aufstellen müssen, unabhängig von der Ligazugehörigkeit.
Inwiefern?
Die Entwicklung in den vergangenen Jahren war sehr negativ. Die Verantwortlichen haben unverhältnismäßig viele Spieler von außen verpflichtet. Unter Michael Reschke waren es gestandene Profis, unter Sven Mislintat dann vor allem jüngere. Das Ergebnis sieht man jetzt, es stehen fast 40 Lizenzspieler unter Vertrag. Welcher Trainer soll denn mit dieser Masse effektiv arbeiten? Da kommen zwangsläufig mehrere Spieler nicht zum Zug, die aber den Etat belasten. Zudem erschwert ein aufgeblähter Kader die Durchlässigkeit für den eigenen Nachwuchs.
Aber ganz ohne externe Verstärkungen geht es doch auch nicht.
Nein. Aber das muss gezielt passieren – und nicht groß angelegt in der Hoffnung, dass von zehn Spielern mal einer einschlägt. Es ist jetzt die Aufgabe der Verantwortlichen, den Kader neu auszurichten und vor allem auszudünnen. Sie müssen Altlasten abbauen.
Sind sie zuversichtlich, dass das gelingt?
Ja. Die jetzige sportliche Führung um Alexander Wehrle und Fabian Wohlgemuth macht auf mich einen guten Eindruck. Die Aussagen sind vernünftig, zudem ist man jetzt im sportlichen Entscheidungsbereich breiter aufgestellt. Der VfB hat den Irrweg wieder verlassen, auf dem man sich in den vergangenen Jahren befunden hat. Aber eine richtige Trendwende kann nicht von heute auf morgen gelingen, das braucht Zeit.