Guido Keller aus Degerloch Ein Genussmensch mit der Baskenmütze

Zu seinen Weinen kennt Guido Keller in aller Regel eine Geschichte. Zu seiner Baskenmütze auch. Foto: Judith A. Sägesser
Zu seinen Weinen kennt Guido Keller in aller Regel eine Geschichte. Zu seiner Baskenmütze auch. Foto: Judith A. Sägesser

Guido Keller hat sich vor zehn Jahren mit seinem Weinhandel einen Traum erfüllt und ein zweites berufliches Leben begonnen. Vor der Selbstständigkeit hatte er einen soliden Job, aber dem Genussmenschen Keller ging etwas ab.

Filderzeitung: Judith A. Sägesser (ana)
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Degerloch - Guido Keller weiß nicht, wie viele Weinflaschen bei ihm auf Kenner warten. „Es sind circa 130 Sorten“, sagt er. „Aber wie viele Flaschen, keine Ahnung.“ Was für den 63-jährigen Degerlocher viel wichtiger ist: Er kennt zu jedem Wein eine Geschichte. Weil er viele der Winzer persönlich kennt und erzählen kann, wie es auf dem jeweiligen Weingut zugeht. „Ich liebe Weine aus der Nische von kleinen Familienbetrieben“, sagt er.

Seit zehn Jahren gehören Weine zu Guido Keller wie seine Baskenmütze. Es ist fast egal, wo man ihn trifft, er hat sie auf dem Kopf. Und auch dazu gibt es eine kleine Geschichte. Sie handelt von einer Weinreise nach Italien vor zehn Jahren: Der Inhaber eines Weinguts – er hieß auch Guido – trug eine solche Kappe und hat sie ihm aufgesetzt. Seitdem ist die Baskenmütze wie angewachsen. Morgens, wenn er aus dem Haus geht, zieht er sie auf und legt seinen Notenschlüssel-Ohrring an – „und dann bin ich der Guido“. Guido Keller lacht. „Ich bin einfach ein Typ, der gern etwas Extravagantes hat.“ Genauso sagt er von sich: „Ich war schon immer ein Genussmensch.“ Das Zitat von Teresa von Avila an der Wand hinter ihm wirkt da wie ein Ausrufezeichen: „Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar.“

Vorher war er auf einer anderen Schiene

Guido Keller war vielleicht schon immer ein Genussmensch, aber er war nicht schon immer ein Mann, der mit Wein sein Geld verdient hat. Mit dem Handel von Rotem, Rosé und Weißem hat er sich sozusagen einen Traum erfüllt, hat ein zweites berufliches Leben begonnen. Davor war er auf einer ganz anderen Schiene. Guido Keller hat Einzelhandelskaufmann gelernt und sich in einem mittelständischen Unternehmen in Tübingen hochgearbeitet zum Bilanzbuchhalter. Im Anschluss war er 20 Jahre lang bei einem bekannten Stuttgarter Autobauer unter Vertrag, hat dort als Projektleiter am Netz der Niederlassungen gewoben. Der Job war solide, aber dem Genussmensch Guido ging etwas ab.

Nebenher hatte er schon damals stets irgendetwas Kulturelles gemacht. Sei es, dass er beim Theater Lindenhof auf der Bühne stand, sei es, dass er in Wien, Verona oder sonst wo Stadtführungen anbot. In seiner Heimatstadt Tübingen lud und lädt er zu literarischen Fahrten auf dem Stocherkahn ein. „Ich bin einer, der was rockt.“ Das kann nur von einem so deutlich ausgesprochen werden, der nicht nur etwas rockt, sondern der auch selbstbewusst durchs Leben geht. Mit seiner früheren Freundin schlich sich die Liebe zum Weintrinken und zum Kochen in sein Leben. „Ich habe Tag und Nacht über Wein gelesen“, sagt er. Er hat Seminare und Kurse zum Thema besucht. „Wenn ich etwas mache, mache ich es richtig oder lasse es.“ Er hat es so richtig gemacht, dass er sich irgendwann zutraute, den Angestelltenvertrag zu kündigen und sich selbstständig zu machen.

Das Beste für sich herausgeholt

Was sicher nicht von Anfang an einfach war, war aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung. Diese Gewissheit verströmt der 63-Jährige, während er auf einem der Barhocker an einem der Tischchen in Weinfassoptik sitzt und seinen Kaffee trinkt. Weil er das Beste für sich herausgeholt hat. Seinen Sinn für Kultur und Wein mischt Guido Keller in seiner Weinhandlung. „Es kommt dann zu einer Komposition“, sagt Guido Keller.Immer wieder lädt er in die Tränke zu Veranstaltungen zwischen seinen Flaschen.

Das klingt nach Müßiggang und weinseligen Runden als Vollzeit-Stelle. Wenn er Weingüter in Europa besucht, „sind das keine Lustreisen“, sagt Guido Keller. „Das ist ein anstrengender Job.“ In vier Tagen stünden dann schon mal acht, neun Winzer auf dem Programm. „Vor Ort bei den Winzern schlucken wir gar nichts.“

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