Laut Google Maps liegen zwischen Paris und Stuttgart 625 Kilometer, die mit dem Fahrrad in utopischen 33 Stunden am Stück bewältigt werden könnten. Darin inbegriffen sind 5163 Höhenmeter durch Steigungen und Gefälle. Tatsächlich war Arman Le Berre-Nouri sechs Tage Anfang April unterwegs. Mit der Planung dieser Reise begann er bereits ein Jahr im Voraus. Reportagen, Dokumentarfilme und Beiträge auf sozialen Netzwerken hätten ihn zu seiner Reise inspiriert. „Mit dem Flugzeug legt man riesige Strecken zurück, ohne sich der Entfernung der Orte bewusst zu sein. Man verliert den Bezug zur Entfernung“, sagt Arman. Er habe sich gefragt, wie er seine Werte und sein Handeln zusammenbringen kann. Seine Eltern seien irritiert gewesen, als sie von seinem Plan hörten, von Paris nach Stuttgart zu radeln: ein neuer Weltrekord.
Das Rad wurde mit Secondhand-Ware umzugstauglich
Der 21-Jährige studiert Politikwissenschaften an der Universität Stuttgart und der Sciences Po Bordeaux. Im Rahmen des binationalen Studiengangs pendelt Arman jährlich zwischen Stuttgart und Bordeaux. Besonders im dritten Studienjahr habe ihm ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit gefehlt. Er entschied sich, ein Urlaubssemester einzulegen und zu reisen. „Die ganze Gesellschaft beruht auf Beschleunigung. In Großstädten wie Stuttgart und Paris stellt man nicht mehr infrage, ob man zu schnell oder zu langsam geht“, meint Arman. Sein Zeitgefühl verändere sich je nach Ort, an dem er sich befinde. Daher habe er einen Übergang zwischen dem endenden Urlaubssemester und dem wieder einsetzenden Studienalltag in Stuttgart schaffen wollen. „Ich habe entschieden zu bremsen“, darum zog er mit seinem Langstreckenfahrrad um.
Dieses hat er mit Secondhand-Ware umzugstauglich gemacht. Der Pariser Verein La Cyclofficine de Paris, auf Deutsch: Die Fahrrad-Apotheke, habe ihn bei der Upcycling-Arbeit am Fahrrad unterstützt. Sie montierten einen neuen Fahrradrahmen und eine neue Kette, um das Fahrrad für die lange Strecke komfortabel zu machen. Transportieren wollte er außerdem seine Kleidung, Arbeitsutensilien, Bücher, Zelt, Schlafsack und Matratze. Zum Transport dieser 40 Kilogramm Zuglast probierte er verschiedenste Anhänger aus. Er entschied er sich für einen Hundefahrradanhänger.
Kein Internet in der Champagne
„Am ersten Tag fand ich das Radfahren so schwer. Ich war unfassbar erschöpft“, erinnert sich Arman. Aufgrund des Stadtverkehrs und der oft fehlenden Fahrradwege habe es lange gedauert, bis er den Pariser Ballungsraum verlassen konnte. „Ich musste mir zwischen den Autos meinen Platz erkämpfen und mich immer fragen, was der sicherste Weg für mich und meinen Anhänger ist“, sagt der 21-Jährige. Einheimische hätten ihm Fahrradwege und Zeltplätze ausgewiesen. Mittags aß er in Restaurants, um sich Übernachtungstipps einzuholen und seinen Handyakku aufzuladen.
Als er die Champagne passierte, sei der Handyakku jedoch nicht mehr von Nutzen gewesen. Denn die Region liegt in der Diagonale du vide, der sogenannten Leeren Diagonalen, die Frankreich durchquert. Hier leben wenig Menschen, es fehlt eine Internet- und Telefonverbindung. Landstraßen seien oftmals besser asphaltiert gewesen als Fahrradwege. Letztere seien für Mountainbikes bestimmt und für sein Langstreckenrad zu steil und zu gefährlich gewesen. Zwar sei er von vielen Autofahrern beschimpft worden, andere seien indes rücksichtsvoll gewesen, denn „sie dachten, dass ich ein Baby in dem Anhänger transportiere.“, erzählt Arman und lacht. Zu allem Unglück hatte er 30 Kilometer vor Stuttgart einen Fahrradunfall. Der steile Waldweg bei Weil der Stadt habe eine 180-Grad-Wende erfordert. „Ich bin auf die Seite gesprungen und habe auf meinen Birkenstocksandalen versucht, Fahrrad und Anhänger zu bremsen“, erzählt der Student. Der Anhänger sei in der Kurve über das Fahrrad geflogen und mit einem großen Knall am Waldrand aufgeprallt. „Ich habe den Schock in meinem ganzen Körper gespürt. Ich war so schockiert, dass ich nicht sprechen konnte. Mehrere Leute sind zu mir gelaufen und haben gefragt, wie es dem Baby geht“, so der Abenteurer. Um 18 Uhr sei er am Stuttgarter Schlossplatz angekommen und habe mit Kommilitonen ein Bier getrunken. „Letztendlich habe ich Geld und Zeit gespart, indem ich den Umzug und meine Reiselust kombiniert habe. Das Vorhaben sollte unproduktiv sein, aber im Grunde war es sehr effizient“, resümiert der 21-Jährige.
Fahrradwege waren für das Langstreckenrad oft zu steil und zu gefährlich