Gurr im Kellerklub Was bitte ist Girlrock?

Von Anja Wasserbäch 

Der Boysclub muss aufgebrochen werden, sagt Andreya Casablanca, die bei Gurr singt, einer Band, die gegen jegliche Klischees anspielt und die jetzt im Stuttgarter Kellerklub aufgetreten ist.

Andreya Casablanca (vorne) und Laura Lee sind Gurr. Live haben sie noch Verstärkung dabei. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 10 Bilder
Andreya Casablanca (vorne) und Laura Lee sind Gurr. Live haben sie noch Verstärkung dabei. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Es passt perfekt, dass sich Andreya Casablanca zu Queens „Don’t stop me now“ einsingt, als sie am Nachmittag mit ihrer Bandkollegin Laura Lee Jones die Instrumente die Stufen hinab in den Stuttgarter Keller Klub trägt. Die beiden sind Gurr – und sie sind nicht zu stoppen. Das ist sicher nach einem knapp 90-minütigen, intensiven, großartigen Konzert, das zeigt, wie kreativ, spielfreudig, spontan, unterhaltsam und verdammt gut diese Band ist. Sie singen in „Zu spät“ über Whatsapp-Nachrichten, die nicht beantwortet werden, von Fake-News, und verpassen dem Bangles-Song „Walk like an Egyptian“ ein Update. Und ganz am Schluss lässt sich Andreya Casablanca im blassrosa Vintage-Kleid über die Köpfe des Publikums tragen. So viel Punkrock muss sein.

„Girl Rock? Was soll das sein? Gibt es Boy Rock?“

Vor ein paar Tagen haben Gurr ihre EP „She says“ veröffentlicht, sie spielen die letzten Konzerte ihrer kleinen Clubtour, die fast überall ausverkauft ist, bevor es nach Amerika geht. 2016 erschien das Debütalbum „In my Head“. Die britische BBC lud sie ein. Die darauffolgende Zeit ist eine Musikerkarriere wie aus dem Bilderbuch: kleine Clubauftritte, dann spielen sie in Austin beim SXSW, beim The-great-Escape-Festival in Brighton, gehen mit Kraftklub auf Tour und treten bei Rock am Ring und Rock im Park auf. Ihre Musik ist treibender Indiepunkrock mit Do-it-yourself-Attitüde und ganz viel Popappeal.

Andreya Casablanca (28) und Laura Lee Jones (29) haben sich beim Studium in Berlin getroffen, beide lernten schon als Kinder in der Provinz Instrumente, spielten in Bands, liebten Musik von Oasis, Nirvana, Le Tigre, Yeah Yeah Yeahs, The White Stripes, Breeders, Bikini Kill – so weit, so klassisch. „Wir wollten immer eine Band sein“, sagt Laura Lee. „Und wir wollten einfach machen, uns nicht zu sehr verkopfen.“ Für die beiden ist das Rockmusikerinnenleben viel Arbeit. Arbeit, die keinen Feierabend kennt. Für ihre Musik haben sie das Genre „First-Wave-Gurrlcore“ erschaffen, auch um sich von Begriffen wie Riot Grrl oder Girl Rock zu distanzieren. „Girl Rock? Was soll das sein? Gibt es Boy Rock?“, sagt Andreya Casablanca ganz ernst.

Buben spielen in einer Band, Mädchen in einer Frauenband

Frauenband dürfte eigentlich gar kein eigenes Wort sein. Ist es aber leider trotzdem. Auch im Jahr 2019. Buben spielen in einer Band, Mädchen in einer Frauenband. Das Musikbusiness ist sehr männerlastig, was vielleicht nach und nach aufgebrochen wird. Vielleicht auch dank Bands wie Gurr, die neue Role Models sein könnten – im Publikum im ausverkauften Keller Klub sind jedenfalls auffallend viele junge Frauen.

Die Popsängerin Lykke Li hat vor Kurzem angekündigt, dass sie in Los Angeles mit dem Yola-Fest ein Festival veranstalten wird, bei dem ausschließlich Künstlerinnen auftreten werden. Das Stuttgarter Popbüro veranstaltet seit ein paar Wochen ein Branchentreffen für Frauen aus dem Musikbusiness, weil es in der Musiklandschaft zwar immer mehr Frauen gibt, die aber meist nicht so präsent sind. So hatte das Doppelfestival Southside und Hurricane eine Hasswelle abbekommen, weil es in der ersten Runde nur Bands mit Männern angekündigt hatte. Gurr sind jetzt übrigens auch dabei.

Leidig finden Gurr das Thema, aber sie sind es nicht leid

Das Primavera-Festival in Barcelona hat dieses Jahr mehr als fünfzig Prozent Frauen im Line-up und nennt es „The new Normal“. Auch Gurr geht es darum, dass es normal sein sollte, dass Frauen auf der Bühne stehen.

Leidig finden Gurr das Thema, aber sie sind es nicht leid. „Ich finde es wichtig, darüber zu reden“, sagt Andreya Casablanca. „Es inspiriert andere Frauen und Mädchen. Und genau das war es, was mich damals inspiriert hat. Der Boysclub muss aufgebrochen werden.“ Ja, leidig ist das Thema, aber doch so wichtig. Wenn Gurr Bands wie zuletzt Annenmaykantereit auf großer Hallentour begleiten, fällt immer wieder auf, dass eben nur wenige Frauen in Bands auf den großen Bühnen stehen. Gurr werden das ändern. Es ist zu hoffen. Nichts kann sie stoppen.