Gusto Gräsers Vermächtnis Alte Hippies

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Vor 60 Jahren traf der Boller Hermann Müller zufällig den Aussteiger Gusto Gräser. Heute bewahrt Müller den Nachlass des charismatischen Dichters auf.

Seelenverwandter: Hermann Müller bewahrt in seinem Häuschen bei Maulbronn den Nachlass des  Dichters und Reformers Gusto Gräser auf. Gusto Gräser (1879–1958) Foto: Andreas Reiner
Seelenverwandter: Hermann Müller bewahrt in seinem Häuschen bei Maulbronn den Nachlass des Dichters und Reformers Gusto Gräser auf. Gusto Gräser (1879–1958) Foto: Andreas Reiner

Stuttgart - In den grauen Städten rauchen die Schlote der Fabriken. Die Bierbäuche der Männer sind kugelrund, die Frauen zwängen sich in Korsetts. Kinder sitzen Soldaten gleich an ihren Schulbänken, voll Furcht vor den Lehrern. Und Familien glotzen wie glitzernde Statuen, behängt mit Pelz und Tand, in die Linse der Fotografen. Eine ausstaffierte Puppengesellschaft.

Gusto Gräser Foto: Deutsches Monte Verità Archiv
Das schnürt die Luft ab. Und der Kragen platzt. Die gespreizte Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts produziert ihre Antagonisten: Am Lago Maggiore tanzen die ersten Hippies splitterfasernackt und befreit über die Wiesen. Die Kinder aus dem Dorf Ascona fallen vor Gusto Gräser auf die Knie und bekreuzigen sich. Sie glauben, der fremde Mann aus Siebenbürgen sei der Heiland. Er trägt Sandalen und Stirnband, lange Haare und einen Vollbart. Gusto Gräser hat hier Großes vor. Zusammen mit ein paar anderen tauft er den Berg über Ascona auf den Namen Monte Verità und will hier in der Schweiz eine Aussteigerkolonie gründen. Er glaubt, der Mensch müsse sich von Konventionen und Kapitalismus abwenden. Seine Idee: sich von nichts abhängig machen, frei sein. Gusto Gräser lebt in einer Höhle am Berg.

Sommer 1955: den Bauerssohn Hermann Müller aus dem kleinen Dorf Boll bei Göppingen zieht es in die Großstadt. Er geht als Student nach München. Bald kommt es dort zu einer Begegnung, die sein Leben und sein Denken grundlegend verändern wird.

Raubärtiger Naturmensch

Gusto Gräser kennt in München vom Sehen fast jeder. Der raubärtige Naturmensch fällt auch noch als Greis auf. Seine bewegten Zeiten liegen lange hinter ihm. Kaum einer weiß, dass er ein Dichter ist, Hermann Hesses Mentor war, Thomas Mann sich für ihn einsetzte, Hunderte ihm bei seinen Reden in den zwanziger Jahren zujubelten. Jetzt sitzt der Alte allein im Café Klein-Bukarest, in der Volksküche, wo er für 80 Pfennig isst, oder in der Staatsbibliothek. Ein Verrückter, sagen die einen, ein Landstreicher die anderen.

Ein faszinierender Mensch, denkt Hermann Müller. Der Student spricht den Gräser in der Bibliothek an. Der antwortet ihm mit einem seiner Gedichte: „Von Fels zu Felsen zieht’s mich, schaun und schaun / wie magst Du doch, Natur, so Hehres baun! / Bin ich nicht Du? – Bist Du nicht ich? / Du rauhes Land, wie lieb ich Dich!“ Danach geht Hermann Müller zur Tür hinaus und ist tief beeindruckt. „Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal in meinem Leben einem Menschen begegnet zu sein“, sagt er heute.

Manchmal braucht es eine Reihe von Zufällen, bis Wege sich kreuzen, bis am Ende Schicksal daraus wird. Es scheint, als sei es unvermeidlich gewesen für den jungen schwäbischen Studenten Hermann Müller, in der bayrischen Großstadt über den alten Gusto Gräser zu stolpern. Und als seien all die Schriften, Briefe, Gedichte wie von Schicksalshand getragen vom Monte Verità über München ins beschauliche Knittlingen-Freudenstein bei Maulbronn gekommen. Württemberg war für Gusto Gräser Deutschlands „Herzgegend“ gewesen, ein zentraler Ort für viele Lebensreformer zu Beginn des 20. Jahrhunderts.