Gute-Nacht-Geschichte aus den Wagenhallen 20 Jahre Punk und Ökonomie

Das Wagenhallen-Duo Ebby Gutbrod (links) und Stefan Mellmann. Foto: Björn Springorum

Von der wahnsinnigen Kunst-Utopie zur Konstante in Stuttgarts Kulturlandschaft: Die Wagenhallen feiern 2024 ihren 20. Geburtstag. Betreiber Stefan Mellmann und Thorsten „Ebby“ Gutbrod über Meetings im Pool, die Beach Boys im Regen, zertrümmerte Klaviere und Balkan-Wahnsinn.

20 Jahre Wagenhallen passen natürlich nicht in einen kleinen Artikel. Das wird beim Stadtkind-Geburtstagsbesuch im Stuttgarter Norden schnell klar. Als das unerschütterliche, bisweilen polarisierende Betreiberduo aus Künstler Stefan Mellmann und Ökonom Ebby Gutbrod mal so richtig ins Plaudern und Sinnieren kommt, purzeln die Anekdoten, wilden Geschichten und Erinnerungen nur so aus den beiden heraus. Bei vielem schütteln sie ungläubig die Köpfe, manches erfreut sie noch heute, manches verärgert sie auch. Die Wagenhallen haben oft angeeckt. Haben aber auch mit den Ateliers, dem Kunstverein und Contain’t einiges auf die Beine gestellt. Das führt nach zwei Jahrzehnten zu einer prallen Bestandsaufnahme.

 

Der Balkan kommt

„Wenn ich an 20 Jahren Wagenhallen denke, dann vor allem an die vielen verschiedenen Partys und Konzepte, die wir probiert, etabliert oder verworfen haben.“ Am ehesten stechen da natürlich die legendären Balkan-Partys hervor, die sich von einer kleinen familiären Versammlung zu den irrwitzigsten, wildesten, exzessivsten Partynächten im Kusturica-Style gemausert haben. „Am Anfang kamen da vielleicht 80 Leute, das war eine verschworene Gemeinde aller Altersklassen. Und irgendwann ging die Tür einfach nicht mehr zu.“ Über Nacht sind es auf einmal 800 Feierwütige, die Party geht durch die Decke, wird zum großen Fixstern und zur erfolgreichsten regelmäßigen Veranstaltung.

Wilde Jahre

Die Anfänge der Wagenhallen liegen tief im Anarcho-Nebel verborgen. Überall auf dem Areal wohnen Künstler:innen, darunter auch Fotokünstler Stefan. Alles fließt, viel kommt und geht. Mal steht da ein Pool im Hof, mal ein Kunstwerk. Als er und Ebby die Wagenhallen 2006 übernehmen, ist das ganze Gebiet ihr Labor, ihr Biotop für künstlerisch-utopisches Schaffen. Eine Bar gab es nicht, dafür Tango-Unterricht, überall wurde Kunst gemacht, wurde gelebt, gefeiert zwischen Unkraut, Betonblöcken und viel provisorischem Denken. „Damals haben noch unsere Partnerinnen, Familienmitglieder oder Freund:innen mitgeholfen, wenn es mal was zu organisieren gab“, so Ebby. „Es gab nur uns – und nicht das riesige Team, das wir heute sind.“

Es lebe der schlechte Geschmack

Ein Erfolg wider Erwarten: die grotesken Bad-Taste-Partys. Dekoriert wurde mit Einkaufswägen, aus den Boxen dröhnten Schlager und schlechter Techno. Als besonderes Highlight soll einer aus der Wagenhallen-Familie zu bestimmten Abständen, wenn das Licht in der Halle angeht, mit einem Vorschlaghammer auf ein Klavier hauen. „Doch er hat die Anweisung falsch verstanden und gleich beim ersten Mal, als das Licht anging, das Klavier mit dem Hammer total zerlegt. Keiner der Gäste wusste, was da gerade passiert!“ Ebby fügt schmunzelnd an: „Da musste ich oft den Stecker ziehen. Es war wild und willenlos, aber die Stadt hat uns gewähren lassen, weil wir hier schon früh alles von Punk bis Super-Rich unter einen Hut bekommen haben.“

König Fußball

„Zur WM 2006 saßen wir mal mit ein paar Leuten aus unserem Team in der großen Halle vor Stefans kleinem Fernseher und schauten irgendein Deutschlandspiel“, erinnert sich Ebby. „Der hatte noch eine Antenne, die man richtig ausrichten musste. Die Innenstadt war damals wohl so überlaufen, dass die U-Bahnfahrer:innen am Pragfriedhof durchgesagt haben, man solle nicht in die Innenstadt weiterfahren, sondern einfach in die Wagenhallen gehen.“ Es ergoss sich also ein großer Strom an Fußballfans auf der Suche nach einer Leinwand die Straße herunter ins Areal, die dann aber nur einen mickrig-kleinen Fernseher vorfand. „Statt Zorn lagen am Ende dann aber 200 Fußballfans mit uns in der Halle, um auf den kleinen Bildschirm zu starren und den Antennenempfang nicht zu stören.“

Beach Boys und Hot Dogs

Neben Kulturveranstaltungen finden in den Wagenhallen viele private Events, Firmenfeiern oder Hochzeiten statt. Eines dieser Events bleibt den beiden Machern auf ewig in Erinnerung: „Irgendein sagenhaft reicher Mann, Millionär, Milliardär, was weiß ich, wollte seinen Geburtstag mit 300 Gästen bei uns feiern – und hat sich dazu mal eben die Beach Boys aus Kalifornien als Band gebucht.“ Die Frage um die Verköstigung treibt Koch Martin Ivenz lang um, doch bei einer Besprechung kommt als Antwort nur: „Mach doch bitte Hot Dogs!“ Die gab es dann auch für alle, irgendwann saß die legendäre Surf-Band mit Gästen und Wagenhallen-Team im Hof und hat gemeinsam gefeiert.

Big in Rumänien

Beim Booking haben die Wagenhallen schon oft ein gutes Händchen gehabt. Casper spielte hier schon eine ekstatische Show und füllt heute bekanntlich Arenen. Geht aber nicht immer gut. „Einmal buchten wir eine rumänische Band, die in ihrer Heimat Stadien füllt“, erzählt Stefan. „Wir saßen an dem Abend aber zu fünft auf dem Sofa und haben uns ihre Show angeschaut.“

Mut zum Übermut

20 Jahre Wagenhallen sind eben auch 20 Jahre schräge und ungewöhnliche Konzepte: Stummfilme mit Live-Musik, besondere Gastro-Events im wunderschönen Kleinen Raum, die verruchten Residencies der "Bar25"-Reihe aus Berlin, queere Events, Live-Events mit Dutzenden Musiker:innen und Videokünstler:innen SM-Spektakel, Messen, Craft-Beer-Festivals, Nachtflohmärkte… alles ging, nichts musste. Und das lange Zeit noch mit dem legendären Klo-Provisorium vor der Tür. Brr.

20 wilde Jahre

Gefeiert wird der Geburtstag natürlich auch rauschend. Zu den Gratulanten zählen unter anderem Sven Väth (10. Februar) oder Olli Schulz (11. Februar).

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